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Info-Tag der MS-Selbsthilfegruppe
Richtig Rollstuhlfahren will gelernt sein

 Die MS-Selbsthilfegruppe Zweibrücken hatte zum Rollstuhltraining mit Holger Kranz eingeladen. Davon profitierten sowohl Betroffene als auch „Fußgänger“.
Die MS-Selbsthilfegruppe Zweibrücken hatte zum Rollstuhltraining mit Holger Kranz eingeladen. Davon profitierten sowohl Betroffene als auch „Fußgänger“. FOTO: Michael Haupt
Zweibrücken. Die Selbsthilfegruppe Zweibrücken der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) veranstaltete kürzlich einen Info-Tag zum Thema Mobilität in der Westpfalzhalle. Von Achim Mayer

Ob im Einkaufszentrum, an der Kinokasse oder im Wartezimmer einer Arzt-Praxis, immer wieder begegnet man Menschen mit einer körperlichen Behinderung. Oft sind sie mit Gehstöcken oder Rollatoren unterwegs. Manch einer sitzt aber auch im Rollstuhl. Die Gründe sind unterschiedlich, doch eines eint alle körperlich eingeschränkten Menschen, ob jung oder alt: Sie wollen und müssen mobil, das heißt in Bewegung sein.

Aber gerade was den Rollstuhl betrifft, wirft das auch viele Fragen auf: Wie komme ich die Bordsteinkante hoch? Wie kann ich mich geschickt durch eine Menschenmenge hindurch oder an einem Hindernis vorbei bewegen? Wie lenke und bremse ich richtig? Wieviel Schwung brauche ich, um eine Rampe hochzufahren? Menschen, die sich auf zwei Beinen durchs Leben bewegen, können die daraus entstehenden Probleme oft gar nicht nachvollziehen.

Deshalb hat die Selbsthilfegruppe Zweibrücken der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) kürzlich zum Thema Mobilität einen Info-Tag in der Westpfalz-Halle veranstaltet – mit dem Schwerpunkt Rollstuhltraining. Gekommen sind Menschen, die auf den Rollstuhl angewiesen sind und Angehörige, die einen Eindruck davon gewinnen wollen, was es bedeutet, in einem zu sitzen.



Nachdem Barbara Oster, Leiterin der Selbsthilfe-Gruppe, die Teilnehmer, 15 Männer und Frauen, begrüßt hat, übergibt sie das Wort an den Referenten und Übungsleiter, Holger Kranz, von der gemeinnützigen Gesellschaft zur Förderung des integrativen Sports aus Walldorf. Dieser gilt als Experte in Sachen Mobilität – insbesondere für die Mobilität mit dem Rollstuhl. Er ist selbst nicht auf den Rollstuhl angewiesen, war jedoch mit einer Rollstuhlfahrerin verheiratet und kennt daher die speziellen Herausforderungen. Kranz hat auch gleich ein Dutzend und mehr unterschiedliche Rollstühle mit nach Zweibrücken gebracht, um diese den Teilnehmern des Workshops zu präsentieren.

„Wenn Sie einmal auf ein orthopädisches Hilfsmittel, einen Rollstuhl oder Rollator, angewiesen sind, dann ist der erste Kontakt, das Sanitäts-Haus, sehr wichtig. Ein Orthopädie-Geschäft, das nicht mindestens zehn verschiedene Fabrikate auf Lager hat, ist nicht gut ausgestattet. Auch können Sie dort keine ausführliche und fachgerechte Beratung erwarten“, so die Meinung des Referenten. Und Kranz weiter: „Sie sollten sich Netzwerke aufbauen. Das ist wichtig! Solch ein Netzwerk könnte sein: Die DMSG oder der Sozialverband VdK. Aber auch ein Fahrrad-Laden sollte zu ihrem persönlichen Netzwerk als Rollstuhl-Fahrer gehören.“

Während Kranz mit ein paar geübten Handgriffen einen Rollstuhl in seine Bauteile zerlegt, erklärt er auch gleich warum: „An ihrem Rollstuhl muss hin und wieder etwas verändert oder repariert werden. Dann ist der Fahrrad-Laden vor Ort die beste Adresse!“

Nach einer Menge Theorie und Information bittet Kranz dann zur Praxisübung. Dort sollen sich die Kursteilnehmer nun selbst erproben. Auch die Fußgänger (Begleitpersonen) sind aufgefordert teilzunehmen, damit auch sie sich mit dem Rollstuhl vertraut machen und so ein besseres Gefühl dafür entwickeln und ihre Partner besser unterstützen können.

Je nach Modell zeigen die Anfänger deutliche Schwächen schon bei der Sitzposition und beim Anfahren. Manchem fährt ein Schreck in die Glieder, wenn sein Gefährt kurz vorne die Bodenhaftung verliert. „Das Gewicht nach vorne verlagern“, ruft Holger Kranz. Beim Drehen um die eigene Achse wird manchem schon beim zweiten Versuch schwindelig. Trotzdem ist dies gerade für MS-Betroffene eine gute Ergotherapie- und Koordinationsübung, lernen die Teilnehmenden.

„Rollstuhlfahren ist wie Kunstturnen“, vergleicht der Übungsleiter „man muss es jeden Tag üben und hat nie ausgelernt.“ Dabei beobachtet und korrigiert Kranz seine Probanden. „Immer die Räder kontrollieren“, ruft er „sonst kontrolliert dein Rollstuhl dich!“ Auch für erfahrenere Teilnehmer hat er wertvolle Tipps.

Für Max aus Zweibrücken ist der Rollstuhl keine neue Erfahrung. Von Geburt an leidet der Zwölfjährige an Spasmen in der Beinmuskulatur. „Mit dem Gehstock oder mit dem Rollator kann ich etwas laufen. Für weite Strecken brauche ich den Rollstuhl und ich brauche jemanden, der mir hilft“, sagt Max. „Bei der Klassenfahrt war der Rollstuhl mit dabei. Und ich war schon in Kaiserslautern bei einem Spiel des FCK. Auch da hat man mir geholfen, ins Stadion zu kommen.“

Nach einer gelungenen Info-Veranstaltung bleibt festzustellen: Menschen, ob mit oder ohne Behinderung, brauchen Netzwerke und soziale Kontakte. Diese gilt es zu pflegen. Mindetens genauso wie den Rollstuhl.

Die DMSG-Gruppe Zweibrücken teilt mit, dass das nächste Treffen am Donnerstag, 5. September, ausfallen muss, da die Pizzeria „Zur Breitwiese“ Betriebsferien hat. Kontakt: Barbara Oster,
Tel. (O 63 32) 1 39 75.