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Comedian kommt nach Zweibrücken
„Mario Barth ist belanglos“

Ingmar Stadelmann.
Ingmar Stadelmann. FOTO: Robert Maschke / Pfälzischer Merkur
Zweibrücken. Comedian Ingmar Stadelmann stellt am Freitag, 23. Februar, in der Zweibrücker Festhalle sein neues Buch „Rübermachen“ vor. Von Mirko Reuther

Ingmar Stadelmann gewann zahlreiche Preise als Comedian, ist Radiomoderator und im ZDF für die Satiresendung „heute-show“ als Außenreporter im Einsatz. Jetzt hat er mit seiner Schwester Juliane ein Buch über das Wende-Jahr 1989 geschrieben. Aus der Sicht eines Vogels. In der Zweibrücker Festhalle stellt Stadelmann sein Werk am 23. Februar vor.

Herr Stadelmann, Ihre Bühnenprogramme „#humorphob“ und „Fressefreiheit“ handeln von Feindseligkeit, die Kabarettisten entgegenschlägt. Wie läuft Ihr Kampf gegen die Humorlosigkeit?

Ziemlich gut. Comedy ist kein Muss, sondern immer ein Angebot. Nur weil sich jemand angegriffen fühlt, sollte er nicht entscheiden dürfen, was auf der Bühne passiert. Comedy darf Themen anpacken, die tabuisiert werden. Das gefällt nicht jedem.



Das heißt, Sie bekommen sicher nicht nur positive Resonanz . . .

Man muss realistisch sein: Wenn ich als Komiker bestimmte Themen anpacke, stehe ich in der Schusslinie. Vor allem bei Menschen, die finden, dass Meinungsfreiheit keine so gute Idee ist. Wenn es nach denen geht, bin ich wohl einer der Ersten, die über die Klippe springen müssen.

Wie würden Sie Ihr Bühnenprogramm beschreiben?

Eine Mischung aus Eskapismus und Aufklärung. Die Leute sollen lachen, aber auch zwei oder drei Gedanken oder Ideen mit nach Hause nehmen, auf die sie vorher nicht gekommen sind. Man muss auch provozieren, um jemanden dazu zu bringen, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Sie arbeiten auch mit derben Pointen. Hatten Sie nie das Gefühl: Mit dem Witz bin ich zu weit gegangen?

Vermeiden Sie als Journalist eine Frage, weil Sie Angst haben, dass Sie damit zu weit gehen? Es gibt keinen Witz, der nicht erzählt werden darf. Wenn ich denke, dass etwas komisch ist, überlege ich mir, wie es auf der Bühne funktioniert. Ob das jetzt der Hund vom Nachbarn oder der ,Islamische Staat’ ist.

In Zweibrücken halten Sie und Ihre Schwester Juliane eine Lesung zum Roman „Rübermachen“, den Sie zusammen geschrieben und letztes Jahr veröffentlicht haben.

Ja, es geht um das Wendejahr 1989. Und die Geschichte wird aus der Sicht eines Vogels erzählt. Nicht hinterfragen, einfach akzeptieren. Der Termin in Zweibrücken ist keine Stand-up-Show. Aber ich kann ja nicht ganz aus meiner Haut, es wird auch Teile des Programms zu sehen geben, mit dem ich auf der Bühne stehe.

Zweibrücken liegt nur wenige Kilometer von St. Ingbert entfernt. Der Comedian Jan Philipp Zymny hat der Stadt mal einen eigenen Text gewidmet, weil das Publikum so schwierig sei. Bekommen Sie es schon mit der Angst zu tun?

Ich bin letzten Dezember in St. Ingbert aufgetreten und hatte dort mit dem Publikum eine fantastische Zeit. Aber ich weiß, was Jan-Philipp meint. Nicht jeder hat das gleiche Naturell. Es gibt Menschen, für die ist zwölf Monate im Jahr Karneval. Die lachen, wenn man ihnen aus dem Telefonbuch vorliest. Für andere ist Humor eine diffizilere Geschichte. Wenn man die zweite Kategorie auch überzeugen kann, spricht das für die Qualität der Show.

Wo würden Sie sich im Unterhaltungsbereich zwischen den Polen, Mario Barth und Hagen Rether einordnen?

Hagen Rether ist moralisch und Mario Barth belanglos. Das meine ich rein inhaltlich. Beide haben ihre Zielgruppen. Auch Mario Barth versteht sein Handwerk. Einer ganzen Halle das Gefühl zu geben, dass er gerade am Tresen einen Witz erzählt, ist eine Kunst. Auf der anderen Seite wäre ich nie so tollkühn, mich auf eine Stufe mit Rether zu stellen. Aber ich teile die Ansicht, dass Comedy dem Zuschauer neben der reinen Unterhaltung helfen sollte, ein paar sinnvolle Gedanken zu entwickeln. Ich würde mich da gerne in einer Ecke mit Serdar Somuncu sehen.

Ihr Programm pendelt zwischen den Polen Comedy und Kabarett. Ein schwerer Spagat?

Für mich ist das kein Spagat. Ich will auch tagespolitische Entwicklungen einordnen. Über Männer und Frauen kann fast jeder einen Gag machen. Bei dem Thema Flüchtlingskrise wird das schon schwerer. Das hat aber auch in zwei Jahren noch Relevanz und unterscheidet mein Programm hoffentlich von anderen, die lieber zwei Stunden Berieselung bieten.

Nach den Anschlägen auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo haben Sie zu „heroischer Gelassenheit“ aufgefordert. Können Sie das kurz erklären?

Ich habe das vom Politikwissenschaftler Herfried Münkler aufgegriffen. Der sagte, jeder Terrorakt ist ein zivilisatorischer Unfall, dem man mit heroischer Gelassenheit begegnen sollte. Er meinte sinngemäß, dass unsere Fähigkeit, Geschehnisse rational einzuordnen und nicht in Hysterie zu verfallen, uns von durchgeknallten Terroristen unterscheidet. Das fand ich treffend.

Haben Sie heroische Gelassenheit schon einmal erlebt?

Ich war 2016 auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. Zwei Stunden, bevor das Attentat stattfand. Da macht man sich schon Gedanken. Aber die Berliner haben gesagt: Wir haben schon so viel Mist erlebt. Wir lassen uns von ein paar durchgeknallten Typen nicht unsere zivilisatorische Grundordnung zerschießen. Von dieser Haltung war ich beeindruckt.

Sie waren bei der „Heute-Show“ schon mehrfach als Außenreporter im Einsatz. Wie kamen Sie dazu?

Ein klassischer Fall von: Rufen Sie uns nicht an. Wir melden uns bei Ihnen. Sie sind auf mich zugekommen und haben gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte. Im letzten Jahr hat es wegen meiner #humorphob-Tournee nicht mehr so oft geklappt. Es wäre toll, wenn wir in Zukunft wieder öfter miteinander arbeiten.

Der Roman „Rübermachen“ handelt davon, dass sich für eine ostdeutsche Familie nach dem Mauerfall vieles ändert. Trägt er autobiographische Züge?

Nicht wirklich. Ich war neun Jahre als die Mauer gefallen ist. Da ist man kein Widerstandskämpfer. Meine Schwester hat Familiengeschichten aus der Zeit gesammelt.

Warum ist „Rübermachen“ aus der Sicht eines Vogels geschrieben?

Es sind ja nicht unsere Geschichten, die erzählt werden. Da fanden wir es richtig, dass eine gewisse Distanz gewahrt bleibt und die Geschichte aus der Vogelperspektive erzählt wird. Außerdem können wir so richtig zynisch sein und Dinge sagen, die sich ein Ich-Erzähler nicht traut. Wer kann schon einem kleinen, sprechenden Vogel böse sein?

Wird Ihre Lieblingsszene aus „Rübermachen“ in Zweibrücken auch vorgelesen?

Auf jeden Fall. Da geht es um eine Panzerschlacht mit roten Sandklumpen. Mehr wird aber nicht verraten.

Das Interview führte Mirko Reuther.