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Zwischen Begeisterung und Entsetzen
Krach um Weihnachtsmarkt-Musik

 Laute Hardrock-Klänge einer Satansfinger zeigenden Comedy-Band mit für Kinder ungeeigneten Texten? Das passt für Kritker nicht zum schönen Ambiente des Zweibrücker Weihnachtsmarktes rund um die Alexanderskirche.
Laute Hardrock-Klänge einer Satansfinger zeigenden Comedy-Band mit für Kinder ungeeigneten Texten? Das passt für Kritker nicht zum schönen Ambiente des Zweibrücker Weihnachtsmarktes rund um die Alexanderskirche. FOTO: Lutz Fröhlich
Zweibrücken. Ein lautes Hardrock-Klamauk-Konzert als Höhepunkt des Zweibrücker Weihnachtsmarktes? Das sorgte für Begeisterung, aber auch für Entsetzen. Doch für die Betreiber gibt es auch wirtschaftliche Zwänge. Von Lutz Fröhlich
Lutz Fröhlich

Redakteur und Lokalreporter Zweibrücken

Der musikalische Abschluss des Zweibrücker Weihnachtsmarktes 2017 am Sonntag hat bei Weihnachtsmarkt-Besuchern für erhebliche Dissonanzen gesorgt: Es gab zwar vielen Besucher, bei denen die rockigen Klänge von „Se Bummtschacks“ und „Elliot“ gut ankamen, wie der Andrang bewies. Andere reagierten entsetzt, ergriffen die Flucht und machten ihrem Ärger in der großen Facebook-Gruppe „Zweibrücken unsere Stadt“ Luft.

Besonders die Verpflichtung von „Se Bummtschacks“ (Comedy-Hardrocker um Sven Hieronymus, die gerne mit Satansfingern posieren) für den Weihnachtsmarkt rund um die Alexanderskirche sorgte für Empörung. „Als wir da waren, sprang ein Typ nur mit rosa Boxershorts auf der Bühne rum. Sang irgendwas mit Straßenstrich“, schreibt eine Marktbesucherin. Weihnachtslieder muss ich auch nicht gerade hören ... aber sowas??? Ein No-go für einen Weihnachtsmarkt.“ Auch viele Kinder waren zu der Zeit noch auf dem Weihnachtsmarkt, denn vor dem 17-Uhr-Auftritt von „Se Bummtschacks“ gab es Programm für Kinder. „Ich fand das Kinderkarussell direkt an der Bühne ganz schlecht“, schreibt zudem eine Frau. Eine andere ergänzt, auch die Texte seien „nicht sehr kinderohrengeeignet“ gewesen. Worauf schon Songtitel wie „Halldeimaul“, „Schwein“ oder „Trink und vergiss“ hindeuten. Viele Kommentatoren meinen, solche Bands passten besser zu Stadtfest, Fastnachts- oder Silvester-Partys.

Unter den über 150 Teilnehmer der Facebook-Debatte sind aber auch einige positive Stimmen wie „den ganzen Tag Weihnachtslieder ist auf Dauer auch langweilig“. Eine Mutter freut sich: „Die Band war der Hammer und Elliot auch. Tat gut, nochmal so zu lachen und dermaßen Party zu machen vorm besinnlichen Weihnachtsfest. Mein Sohn und einige andere Kids rockten übrigens mit ab. Weiter so!“



Einige geben zu bedenken, dass es an anderen Tagen ja auch weihnachtliche Musik gab und ein Weihnachtsmarkt verschiedene Geschmäcker bedienen müsse. Auch die ehrenamtlichen Veranstalter vom THW-Helferverein verweisen auf das „wirklich gut gemischte“ Musikprogramm beim Weihnachtsmarkt, zu dem etwa auch weihnachtliche Konzerte von Musikschule und Stadtmission gehörten.

In einem Brief an den Merkur schreibt Helge Schulz, Organist der Alexanderskirche: „Leider kann ich dem Weihnachtsmarkt kaum noch etwas Gutes abgewinnen, seit er von Schlossplatz an die Alexanderskirche umgezogen ist. Diese Kirche mag für viele eine schöne Kulisse sein, doch sie ist viel mehr. Es ist ein Ort, an dem Gottesdienste, Konzerte und andere Veranstaltungen stattfinden, die sich vor allem in der Advents- und Weihnachtszeit großer Beliebtheit erfreuen. Die Einschränkungen, die der Weihnachtsmarkt in seiner jetzigen Art mit sich bringt, sind für mich nicht akzeptabel.“ Er habe deshalb dieses Jahr „die lange Tradition“ seiner Adventskonzerte in der Alexanderskirche aufgegeben. Zwar gebe es während Konzerten in der Alexanderskirche kein Bühnenprogramm auf dem Markt – aber auch beim Kirchenkonzert der German Church Singers sei dieses Jahr der Lärm aus Buden-Lautsprechern so groß gewesen, dass das Konzert in der Kirche gestört wurde. „Ich würde begrüßen, wenn der Weihnachtsmarkt wieder auf den Schlossplatz umziehen würde. Dort wohnen weniger Menschen, und niemand müsste mehr Rücksicht auf Veranstaltungen in der Kirche nehmen.“

Dekan Peter Butz sagt, er habe die strittigen Konzerte am Sonntag nicht selbst miterlebt, aber ein paar kritische Rückmeldungen bekommen. Butz erinnert: „Ich war einer der Befürworter, dass der Weihnachtsmarkt 2012 wieder auf den Alexanderplatz zurückgekehrt ist – wegen der schönen Atmosphäre vor der Kirche und in der Hoffnung, dass man vielleicht gegenseitig voneinander profitiert.“ Diese Hoffnung habe sich leider kaum erfüllt. Denn beim Weihnachtsmarkt stehe „vor allem Glühwein und Essen im Vordergrund“. Wofür Butz aber auch Verständnis hat. Denn genau das, ebenso wie rockige Musik, werde von vielen Besuchern nachgefragt. So sei auch der Versuch protestantischer Kindergärten mit weihnachtlichen Buden gescheitert: „Es bringt nichts, da Erzieherinnen den ganzen Tag reinzusetzen, wenn keiner kommt.“ So sei der Weihnachtsmarkt nun „wie eine Art Stadtfest im Advent, in der Form wie jetzt könnte er genauso gut auf dem Schlossplatz stattfinden“.

Markt-Organisator Heiko Saberatzky sagt auf Merkur-Anfrage: „Es mit dem Programm allen recht zu machen, ist gar nicht möglich.“ Man dürfe auch nicht allein an die Kritiker denken: „Bei den beiden Abschlusskonzerten am Sonntag war der Platz brechend voll.“ Angesichts des vielfältigen Programms bei siebeneinhalb Tagen Weihnachtmarkt sollten Gegner dieser Musik ihren Blick nicht nur auf die letzten vier Stunden verengen. Man habe sich aufgrund der unterschiedlichen Publikumsinteressen bewusst „für ein bunt gemischtes Programm mit weihnachtlichen und nicht weihnachtlichen Angeboten“ entschieden. Wobei er verstehe, dass „Se Bummtschacks“ Leuten, die mit einer anderen Erwartungshaltung zum Weihnachtsmarkt kamen, nicht gefalle. „Deshalb haben wir das aber extra im Programm und allen Ankündigungen als ,unweihnachtliches Konzert angekündigt.“ Einräumen müsse er aber, „dass die Musik am Sonntag relativ laut war, da muss ich mit den Technikern nochmal sprechen“. Und Saberatzky beruhigt: „2018 werden Se Bummtschacks beim Weihnachtsmarkt sicher nicht wieder dabei sein.“ Fans können aber trotzdem hoffen: „Ich versuche, die für die Poststraßen-Bühne beim Stadtfest zu bekommen.“ Dass der Weihnachtsmarkt wieder auf den Schlossplatz zurückkehrt, kommt für Saberatzky nicht in Frage, da er auf dem Alexanderplatz besser angenommen werde. Die Zusammenarbeit mit der Kirche klappe überwiegend gut: „Wir klären immer im Vorfeld unser Programm mit der Kirche ab, weil wir Rücksicht auf Veranstaltungen darin nehmen wollen.“

Auch die Stadtverwaltung will angesichts des großen Aufschwungs, den der Weihnachtmarkt auch dank der neuen Macher genommen hat, keine Rückverlegung auf den Schlossplatz, meint Stadtsprecher Heinz Braun. In die Programmgestaltung mische sich die Stadt nicht ein: „Das ist Sache der Betreiber. Und die müssen gucken, was ankommt und was sich rechnet.“

Saberatzky kann davon auch persönlich ein Lied singen: „Meine Lebenspartnerin hat dieses Jahr erstmals mit mir Feuerzangenbowle gemacht. Vorher hatte sie fünf Jahre einen kunsthandwerklichen Stand, hat dafür monatelang gestickt und genäht. Dann sind die Leute vorbeigekommen, fanden die Sachen ganz toll, aber nach sieben Tagen gab es nur 100 Euro Einnahmen, weil kaum jemand etwas gekauft hat. Viele Leute haben gefragt, wie sie sowas selbst zuhause nachmachen können, andere meinten, im Kik bekämen sie das aber billiger.“ Auch die Zweibrücker Vereine, die sehr viele Stände betreiben, müssten auf ihre Kosten kommen, damit etwas Geld in die Vereinskasse kommt – was nun einmal mit Glühweinverkauf viel besser gehe als mit Kunsthandwerk.

Den Vorwurf auf Facebook, es gebe fast nur „Fress- und Saufbuden“, weist Saberatzky aber klar zurück: „Von 53 den Ständen hatten 13 nichts mit Essen und Trinken zu tun, das ist immerhin ein Viertel!“ Auch Programmpunkte wie das Nikolaus-Treffen oder Christbaumschmuck-Wettbewerb trugen zum weihnachtlichen Ambiente bei.

 Schon ein Blick auf ihre Internet-Startseite zeigt: „The Bummtschacks“ stehen nicht gerade für weihnachtliches Ambiente.
Schon ein Blick auf ihre Internet-Startseite zeigt: „The Bummtschacks“ stehen nicht gerade für weihnachtliches Ambiente. FOTO: PM