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Kolumne:  Moment mal
Die berühmten vier Worte oder: Von einer neuen alten Strategie?

FOTO: SZ / Baltes, Bernhard
Kunden müssen Geschäftsleuten und Gewerbetreibenden nicht verloren gehen, nur weil im Internet die Konkurrenz lockt. Wer beim Einkaufserlebnis vor Ort auf eine clevere Synergie setzt, kann sogar gewinnen – glaubt Merkur-Chefredakteur Michael Klein. Von Michael Klein

Zugegeben, das ist verdammt lange her. Die Erinnerung ist seither weitestgehend verblasst und die Daten haben
eigentlich ihren Logenplatz eher bei Historikern: 1866. Der Deutsche Krieg. Die Schlacht bei
Königsgrätz. Da ließ der Chef des preußischen Generalstabs,
Helmuth von Moltke, die
österreichisch-sächsische Streitmacht von drei getrennt marschierenden Armeen seines Heeres­verbandes einkreisen. Mit Erfolg: Die Preußen gewannen die Schlacht, und Moltke sonnte sich im Erfolg des Sieges. In der Folge wird ihm der Sinnspruch
„Getrennt marschieren, vereint schlagen“ zugeschrieben. Ob er es wirklich so formuliert hat? Keine Ahnung. Aber die vier Worte stehen für eine generalstabsmäßige Strategie des militärischen Cleverle der grauen Vorzeit.

Ähnlich generalstabsmäßig lässt sich dieser Tage und gut 150 Jahre später auch Petra Stricker mit einem von ihr zitierten Zitat zitieren: „Digital anlocken, analog überzeugen!“, lautet die Losung der Stadtmarketing-Beauftragten, die sie rechtzeitig vor dem großen Weihnachtsgeschäft und als verknapptes Zwischenfazit der Aktion „Gemeinsam digital handeln“ nicht erfunden, aber doch zumindest weitergegeben hat. Und in der für den Kampf um die zahlende Kundschaft so viel Zuversicht und Mut machende Aufputschmittel stecken, dass sich diese Ingredienzien darum auch gerne die Zweibrücker Einzelhändler rein tun sollten.

Beileibe nicht als Allheilmittel. Aber dennoch als heilsam formuliertes Rezept, dessen unfallfreie Dosierung entsprechend dem Beipackzettel Linderung von den Schmerzen des Online-Handels verspricht. Künden die vier von der Marketing-Expertin transportierten Worte doch davon, dass man – insbesondere in den Advents- und Umsatzwochen vor Weihnachten – Amazon und Co. nicht kampflos das Terrain überlassen wird.



Wissend, dass der Einzelhandel in den Innenstädten eben noch lange nicht untergehen muss, nur weil immer mehr im Internet gekauft wird. Nein, bundesweit und damit natürlich auch in Zweibrücken, haben Händler durchaus ganz greifbar Chancen, wenn es ihnen gelingt, das Onlinegeschäft in kluger und strategisch durchdachter Weise mit dem durch nichts zu ersetzenden Einkaufserlebnis vor Ort zu verbinden.

Gerade ein paar Tage, bevor sich Petra Stricker bei einer Zusammenkunft von Stadtmarketing und Gemeinsamhandel zu diesem Thema geäußert hat, bin ich über einen bemerkenswerten Aufsatz der Berliner Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld gestolpert, die sich für das Portal t-online.de mit der Frage Einzel- vs. Onlinehandel beschäftigt hatte. Relativ schnell kommt sie in ihren Ausführungen zum Schluss, dass Onlineplattformen wie Amazon und Facebook längst begriffen haben, was der stationäre Einzelhandel noch nicht flächendeckend realisiert hat: dass nämlich Kunden gleichermaßen online und in der Stadt einkaufen wollen. Also einen konsumtiven Gleichklang wollen.

Weidenfeld schreibt: „Kunden finden es gut, wenn sie beim Einkaufsbummel einen Kaffee oder ein Glas Wein kaufen können. Sie möchten im Internet bestellte Ware auch mal im Laden umtauschen dürfen, anstatt sich in der Postfiliale in die lange Schlange einzureihen. Bei Möbeln und Dekorationsartikeln schätzen sie es, im Laden Probe zu sitzen und den Kauf dann nach Hause gebracht zu bekommen. Warteschlangen an der Kasse hassen sie.“

Und, fast schon provozierend schleudert die Autorin den
Gewerbetreibenden entgegen: „Es wird gejammert, statt mit Service („Schade, der Pullover ist in
Ihrer Farbe hier gerade ausverkauft. Aber wir liefern ihn gern nach Haus“), Dienstleistungen („Unser Schneider ändert die Hose bis morgen“), Rabatten („Warum wollen Sie das bei Amazon für 50 Euro kaufen, wenn Sie es bei uns für 48 haben können?“) oder mit einem eigenen Onlineangebot
gegen die Plattformhändler
anzutreten.“

Und doch wissen wir alle, dass jammern nur ein untaugliches Mittel ist, einen Missstand zu verändern. Das gelingt weit besser mit Taten. Weshalb ich an der Stelle die Kollegin aus Berlin durchaus gerne als verbale Kronzeugin ins Feld geführt habe. Weil sie erstens in blumenreichen Worten ausspricht, was auch ich an dieser Stelle schon mehrfach geschrieben habe. Und weil sie darum gerade so schön in die Zeit passt, ein Gedanken-Feuerchen zu zündeln, wo es sich in der Rolle des so armen und beklagenswerten Händlers auch in Zweibrücken mancher so gerne gemütlich machen würde. So lange er im omnipräsenten Onlinehandel nur genügend böse andere findet, auf die er schimpfen kann. Und die er für sein Schicksal verantwortlich machen kann.

Vor diesem Hintergrund sind mit mir viele andere gespannt, was beispielsweise aus dem klaren Appell des Gemeinsamhandel-Vorsitzenden Andreas Michel wird, der seinen Händlerkollegen klar ins Stammbuch geschrieben hat, dass es zum Beispiel an den Adventssamstagen keinerlei Alternative zu verlässlichen, mindestens bis 16 Uhr dauernden, Ladenöffnungszeiten gibt. Michel betonte das Wort „mindestens“!

Diejenigen, die in Zweibrücken einkaufen (wollen), warten jetzt einfach mal ab! Kunden kann man nämlich nicht nur verlieren, sondern auch gewinnen. Und beileibe nicht nur zur Weihnachtszeit.