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Medizinische Versorgung
Kinderärzte in Zweibrücken überlastet

Bei Kinderärzten werden die kleinen Patienten oft im Akkord abgefertigt. Grund dafür ist eine völlige Überlastung der Praxen. Das beklagen auch die Zweibrücker Kinderärzte.
Bei Kinderärzten werden die kleinen Patienten oft im Akkord abgefertigt. Grund dafür ist eine völlige Überlastung der Praxen. Das beklagen auch die Zweibrücker Kinderärzte. FOTO: Britta Pedersen / dpa
Zweibrücken. Die Situation der niedergelassenen Kinderärzte ist ernst, finden auch Zweibrücker Mediziner. Es mangelt am Nachwuchs, der Job wird generell unattraktiver und die Eltern akzeptieren immer seltener Wartezeiten. Von Eric Kolling

Viele Kinderärzte in der Republik sind am Limit. Durch den Babyboom der letzten Jahre seien viele Praxen überlastet, es fehle an Nachwuchs-Medizinern. Vor zwei Monaten hatten der Bundesverband der Kinderärzte und dann auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) im Saarland Alarm geschlagen. Schon heute könnten viele Praxen nur noch mit Assistenzärzten ihren Praxis-Alltag „halbwegs“ aufrechterhalten, hatte Benedikt Brixius vom BVKJ gesagt.

Für Familien mit Kindern gibt es in Zweibrücken gleich zwei Anlaufstellen: Die Gemeinschaftspraxis Neumann & Schönhofen in der Hallplatz-Galerie und die Gemeinschaftspraxis Franck & Moser & Semar in der Gutenbergstraße 3. In letztgenannter ist die Situation nicht eben rosig, erklärt Dr. Michael Franck: „Es ist schwierig, einen Nachfolger zu finden. Und gerade im Moment, während der Infektwelle, sind wir ziemlich am Anschlag.“ „Gott sei Dank“ müsse man keine Patienten abweisen. Doch Aufschub duldeten kranke Kinder auch nicht: „Wir haben gerade in der Kinderheilkunde viel mit akuten Erkrankungen zu tun. Wenn ein Kind etwa akutes Ohrweh hat, dann versuchen wir einen Termin am gleichen Tag zu vergeben. Das klappt einigermaßen.“ Die drei Ärzte und sieben Arzthelferinnen täten ihr Möglichstes. Ein Rezept, wie man die Situation grundsätzlich entspannen könne, habe er nicht. Der Mediziner-Nachwuchs wandere wohl verstärkt in Großstädte ab.

Auch sei das starre Beharren auf der Bedarfsplanung von 1992 ein „großes Problem“, schließt sich Franck der Kritik aus dem Saarland und dem Bundesverband an. Der Bedarfsplan legt etwa fest, ob freie Stellen wiederbesetzt werden dürfen, was sich auch auf Studienplätze auswirkt. Franck: „Nach der Planung wären wir überversorgt! Aber kommen Sie etwa mal montags bei uns vorbei. Da sind wir total am rennen. Die Planung entspricht nicht der heutigen Situation und müsste geändert werden.“



Das sieht Dr. Christian Neumann von der Gemeinschaftspraxis Neumann & Schönhofen genauso: „Die Anzahl an niedergelassenen Kinder- und Jugendärzten ist bei uns nach dem Plan mit 140 Prozent überschritten – obwohl wir mehr als genug zu tun haben.“ Es werde auch die Stadt Pirmasens beim Bedarf berücksichtigt, „da ist ein viel zu großer Bereich zusammengefasst“, findet Neumann. Außerdem habe sich die Zahl an Vorsorgeuntersuchungen in seiner 25-jährigen Zeit als niedergelassener Arzt in der Rosenstadt verdoppelt. „Es gibt mehr Impfungen und ganz sicher auch einen Mehrbedarf an sozialpädiatrischen Abklärungen“, so Neumann. Er meint damit Probleme wie ADHS, Schul-, Lern-, oder Sozialschwierigkeiten und nicht zuletzt Mobbingprobleme. Diese träten in den letzten Jahren vermehrt auf. Entsprechende Patienten zu behandeln, dauere wegen der nötigen Diagnosegespräche deutlich länger als etwa Husten oder Schnupfen zu diagnostizieren. Folge: „Für Akuterkrankungen fehlt Zeit.“ Auch wenn man versuche, am gleichen oder nächsten Tag Termine anzubieten, bei akuten, hochfieberhaften Infekten weiter sofort behandele.

Wartezeiten akzeptierten Eltern immer weniger. Biete man ihnen die Akutbehandlung in drei Stunden an, suchten sie stattdessen bisweilen die Notfallambulanzen auf. Immer häufiger komme es vor, dass Eltern für Vorsorgeuntersuchungen Termine bei beide Zweibrücker Praxen ausmachten und nur den früheren wahrnehmen – ohne den zweiten abzusagen. Das wiederum blockiere Behandlungszeiten für andere Patienten, beschreibt Neumann.

„Es ist im Moment nur eine Mängelverwaltung“, zieht er ein düsteres Fazit des in seinen Augen immer unattraktiveren Berufes, „es kommen schwierige Zeiten auf künftige Generationen zu“. Für eine freie Dreiviertelstelle in seiner Gemeinschaftspraxis (acht Mitarbeiter) finde er keinen niederlassungswilligen Kollegen, der Nachwuchs fehle. Es gebe nicht genug Ausbildungsplätze im Medizinstudium, dann würden in Krankenhäusern durch die konsequente Umsetzung der EU-Normen zum Arbeitszeitschutzgesetz mehr Ärzte nötig, die im niedergelassenen Bereich fehlten. Auch seien die Weiterbildungsstellen in Kinderkliniken weniger geworden, weil dort die Bettenzahlen reduziert worden seien.

Aber auch der zunehmende Bürokratismus raube „den letzten Nerv“, so Neumann. Ein „Dschungel an Vorschriften, Gesetzen und Paragrafen, die sich ständig ändern, sowie immer neue Auflagen von Krankenkassen und Politik“ täten ihr übriges. Auch verdiene ein Oberarzt im Krankenhaus heute so viel wie ein niedergelassener. Neumann: „Warum sollte man da noch rausgehen?“