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Stress im Klassenzimmer
Keine Brandbriefe von Zweibrücker Schulen

An den Zweibrücker Schulen scheint das Verhältnis zwischen Schülern, Lehrern und Eltern noch mehr oder weniger intakt zu sein.
An den Zweibrücker Schulen scheint das Verhältnis zwischen Schülern, Lehrern und Eltern noch mehr oder weniger intakt zu sein. FOTO: Franziska Kraufmann / dpa
Zweibrücken. GEW-Chef Peter Blase-Geiger fordert angesichts der aufsehenerregenden Lage an saarländischen Schulen auch für Rheinland-Pfalz Maßnahmen. Denn Konfrontationen nähmen zu. Das Ministerium spricht im Kontext von Gewalt, Drogen- und Alkoholmissbrauch von „Einzelfällen“. Von Eric Kolling

Während in Saarbrücken Brandbriefe und Überlastungsanzeigen wegen schlimmer Zustände an Schulen die Runde machen (wir berichteten), ist nur wenige Kilometer weit in Zweibrücken die Lage wohl weniger dramatisch. Sowohl im Landesbildungsministerium als auch bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Rheinland-Pfalz sind Hilfeersuchen von Kollegien wegen aggressiver Schüler nicht bekannt. „Überlastungsanzeigen in Form von Brandbriefen, wie sie zuletzt im Saarland verfasst wurden, liegen uns weder aus dem aktuellen noch aus dem vorangegangenen Schuljahr vor“, erklärt Henning Henn, Sprecher des Landesbildungsministeriums.

Das Fehlen von Brandbriefen bedeutet laut GEW nicht, dass das Thema in Rheinland-Pfalz keine Rolle spiele. „Ich gehe davon aus, dass es vielen Schulen in Rheinland-Pfalz Situationen gab und gibt, wo Lehrer beschimpft werden und Schüler aggressiv auftreten. Bestimmt kommen solche Probleme auch in unserer Region vor, wir dürfen uns da nicht ausruhen“, meint der in Waldfischbach wohnende Landes-GEW-Chef Peter Blase-Geiger. Überall im Land habe der Respekt gegenüber Lehrern abgenommen. „Lehrkräfte sind immer die Bösen. Zunehmend suchen Kollegen Rechtschutz bei uns, weil sie angegangen werden“, so Blase-Geiger. Das sei zunehmend, aber keine „Massenbewegung“.

Die an Saarbrücker Einrichtungen wie der Bruchwiesenschule vor allem monierten Schwierigkeiten bezogen sich auf die Verständigung, die sich aus einem hohen Ausländeranteil ergeben, dazu schwerste Beleidigungen, Gewalt, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Laut Blase-Geiger spiele Schule als Bildungsort eine immer geringere Rolle. Es laufe verstärkt auf Konfrontationen zwischen Lehrern und Eltern hinaus, wenn diese ihre Schützlinge maßregelten. Dann komme es zu Beschimpfungen, Lehrer würden von Eltern auch schon mal bedroht. Lehrer könnten neben ihrer Aufgabe als Wissensvermittler nicht auch das glattbügeln, was in der Gesellschaft schieflaufe. „Wir brauchen deutlich mehr begleitendes pädagogisches Personal, mehr Schulsozialarbeiter, gerade in großen Systemen wie Berufsbildenden Schulen oder der Realschule plus“, findet Blase-Geiger. Und generell seien „deutlich mehr Planstellen“ notwendig, teils seien keine ausgebildeten Lehrkräfte im Einsatz: „Man muss darüber nachdenken, ob die Schulen wirklich so ausgestattet sind, wie es immer wieder vom Ministerium vorgesagt wird.“ Auch regt er Beratungsstellen an, die Eltern und Kinder bei Problemen in Anspruch nehmen könnten. „In bestimmten Schichten besteht Perspektivlosigkeit hinsichtlich des Lehrstellenangebots. Auch das Land müsste reagieren und zwar jetzt schon, ehe Brandbriefe geschrieben werden“, so Blase-Geiger.



Thorsten Sandmeyer, der an der Berufsbildenden Schule Zweibrücken aktuell fünf Klassen unterrichtet,  zeichnet die Lage recht entspannt: „Unsere Schüler sind nett und lieb“. Weder könne er die an der Saarbrücker Bruchwiesenschule überlieferten Verhältnisse hinsichtlich schimpfender oder drohender Schüler bestätigen, noch besondere Probleme mit Ausländern. „Es gibt da ebenso wie bei Deutschen fleißige und faule“, sagt Sandmeyer. Sie seien weder aggressiver noch frecher. Und sie wollten sich integrieren: „Es gibt sicher Ausnahmen, aber zu 90 Prozent sind sie okay.“

Dass Kollegen gar Angst hätten, zum Unterricht zu erscheinen oder dauerhaft bedroht würden, sie ihm noch nicht untergekommen. Auch habe im Lehrerzimmer von solchen Situationen noch nie gehört. Völlig ausschließen konnte er solche Fälle nicht. Generell lasse sich eine Verbindung zwischen Elternhaus und auffälligem Verhalten feststellen, bestätigt Sandmeyer indirekt die Sicht der GEW. „Wenn man die Eltern von Schülern kennenlernt, die Probleme haben, merkt man schon, welche sich kümmern und welche nicht.“ Meistens kümmerten sich die mit besserem sozialen Hintergrund mehr.

Generell, so Ministeriumssprecher Henning Henn, bildeten Schulen einen Teil der Lebenswirklichkeit ab. Daher komme es „in Einzelfällen auch zu verbaler oder physischer Gewalt“ zwischen Schülern oder gegen Lehrer.  „Auch Fälle von Drogen- und Alkoholmissbrauch sind leider Teil dieser Lebenswirklichkeit“, ergänzt Henn. Träten Schulen mit solchen Problemen an die ADD als Schulbehörde heran, werde Hilfestellung und Beratung geboten, etwa durch Experten der 14 schulpsychologischen Beratungszentren – und zwar „in besonderen Belastungssituationen unbürokratisch und schnell“.

Allgemein erklärt Henn zu den Herausforderungen der Schulen in puncto Ausländeranteil, Inklusion und Sprachprobleme, dass „gezielte Maßnahmen“ wichtig seien – auch in der Region Zweibrücken. Das Land gebe im laufenden Haushaltsjahr rund 39 Millionen Euro für eine gezielte Sprachförderung in Kitas und den Schulen aus. In Sachen Inklusion setze Rheinland-Pfalz darauf, dass Eltern frei über den Förderort ihrer Kinder entscheiden und wählen könnten, ob es den inklusiven Unterricht in einer Regel- oder Schwerpunkt- oder eine Förderschule besuchen soll. Der Inklusionsanteil liege im Land bei 31,4 Prozent – etwa auf Höhe des Bundesdurchschnitts (siehe zu Zweibrücker Details auch Infografik). Rund zwei Drittel der Schüler mit Behinderungen oder sonderpädagogischem Förderbedarf besuchten weiterhin eine Förderschule, ein Drittel dieser Schülergruppe nehme das Angebot an einer Schule mit inklusivem Angebot, hauptsächlich an Schwerpunktschulen, wahr. Inklusion und individuelle Förderung sei auch ein Standardthema der Lehreraus- und -weiterbildung. Parallel zum Ausbau der Schwerpunktschulen erfolge der Aufbau eines Netzes von Förder- und Beratungszentren (FBZ), um den inklusiven Unterricht durch sonderpädagogische Fachkompetenz zu unterstützen.