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Kolumne: Moment mal
Kampf für die Innenstadt oder: Im Sattel mit dem traurigen Ritter

FOTO: Baltes, Bernhard / SZ
Einzelhändler und Gewerbetreibende melden sich in Zweibrücken immer lauter zu Wort. Das ist gut so! Ob ihr Engagement für die Innenstadt am Ende aber auch Früchte trägt, bezweifelt nicht nur Merkur-Chefredakteur Michael Klein.

Wir Zweibrücker wissen als leidgeprüfte Flughafen-Verlierer ja bestens Bescheid: Die Erfahrung mit Europa und seinen Einrichtungen hat gelehrt, dass man durchaus über die Sinnhaftigkeit von Entscheidungen trefflich streiten kann. Das gilt wahrscheinlich auch für eine Resolution des EU-Parlamentes vom 8. Februar dieses Jahres, mit der die EU-Kommission aufgefordert worden ist, die Richtlinien der Sommerzeit gründlich zu überarbeiten. Das wäre zur Abwechslung mal was Sinnvolles aus der politischen Zentrale der alten Dame – das kann aber eben drum dauern.

In diesem Jahr wird definitiv nichts mehr draus, weshalb ab dem kommenden Sonntagmorgen die Uhren wieder anders gehen werden. Allen natürlichen und sozialen Aspekten zuwider – und ohne, dass damit der avisierte energietechnische Nutzen in Form von Einsparpotenzialen erzielt wird. Die Erkenntnis ist nicht neu, das ist seit Jahren bekannt – und trotzdem ändert bislang keiner etwas an dem großflächigen Blödsinn und dem bildlichen Drehen am Uhrzeiger. Da helfen auch die 618 Petitionen nicht, die beispielsweise beim Bundestag in der vergangenen Regierungsperiode in der Zeit zwischen 2013 und 2017 eingereicht wurden …

Ja, so sieht er wohl aus – der Kampf gegen Windmühlen, den vor Jahrhunderten schon Don Quijote geführt hatte. Im Windschatten des Ritters von der traurigen Gestalt, dem Miguel de Cervantes zur literarischen Berühmtheit verhalf, wandeln in Zweibrücken auch eine Reihe von Einzelhändlern und Gewerbetreibenden der Innenstadt, die sich Gehör verschaffen wollen.



Ihre Windmühlen stehen auf der sogenannten Grünen Wiese, verkörpert durch Bau- und andere Fachmärkte, die mit ihrem übergroßen Angebot eine Gefahr für das Funktionieren der Innenstadt darstellen. Sagen zumindest der Vorsitzende des Zusammenschlusses „Gemeinsamhandel“ Zweibrücken, Andreas Michel, und sein Beisitzer Dieter „Edeka“-Ernst. Erst am Wochenende haben Sie in einem Gespräch mit unserer Zeitung im Vorfeld der Stadtratssitzung am kommenden Mittwoch ihrem Unmut und ihrer Sorge Luft gemacht (siehe Bericht oben), was sich denn in Zweibrücken tut. Von den politisch Handelnden fühlen sie sich derzeit ziemlich im Stich gelassen. Spätestens, seit der Bauausschuss die Erweiterungspläne des Baumarktes beanstandungslos akzeptiert und in den Stadtrat durchgereicht hat, schwant dem Duo Michel/Ernst Böses. Vieles, was da einfach durch gewinkt worden sei, entspreche nicht den aktuellen Rahmenbedingungen, die ja noch immer durch die sogenannte „Zweibrücker Liste“ definiert sind. Wenn beide unisono sagen, dass man sich dann die Liste doch auch gleich schenken könne, dann spricht aus diesen Worten viel Enttäuschung und Verbitterung. Aber halt auch vieles an Wahrheit(en)!

Wahr ist zum Beispiel, dass unsere Stadt in Deutschland per se schon zu den Städten zählt – wenn nicht sogar die größte ist -, in der das Miss-Verhältnis zwischen Grüner Wiese und Innenstadt am größten ausgeprägt ist. Das liegt natürlich an dem Fashion Outlet.

Wahr ist auch, dass die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd in Neustadt schon vor rund zehn Jahren bei der Eröffnung des Hilgardcenters darauf hingewiesen hatte, dass es künftig keine Erlaubnis oder Ausnahme mehr mit Blick auf innenstadtferne Einkaufsmöglichkeiten in einem solch großen Rahmen geben werde.

Wahr ist auch, dass die Stadt bislang mit Blick auf die Erweiterung der bislang ansässigen Großmärkte jegliche Chance auf einen Kompromiss verpasst hat. Gegen eine deutliche Vergrößerung der auf der Grünen Wiese agierenden Möbel- oder Bauartikelgeschäfte würde wohl kaum ein Zweibrücker Händler Sturm laufen, wenn denn die Erweiterung mit Blick auf das Grundsortiment vollzogen und die neue Fläche nicht als Basis für das möglicherweise innenstadtunverträgliche Randsortiment genutzt würde. Wird sie aber eben nicht – wie die aktuellen Pläne ja ganz eindeutig erkennen lassen.

Wahr ist überdies natürlich auch, dass nicht zuletzt der schwungvolle unpersönliche Online-Handel die sortimentstechnisch bisweilen eng, service-technisch aber breitest aufgestellten Gewerbetreibenden und ihr Tun in ihren Grundfesten erschüttert. Mit Margen-Potenzial nach oben bei den Onlinern, leider. Und mit Gefahren-Potenzial bei den Ortsansässigen, leider!

Insofern ist leider auch die Schlussfolgerung wahr, dass die engagiert agierenden Händler momentan mit ihrem Ansinnen allein auf weiter Flur stehen. Sie werden gehört werden, vielleicht stärker als bisher. Sie werden sich einbringen können in neuen Gesprächsrunden. Ja, das klingt alles äußerst positiv. Aber es ist (und bleibt vermutlich) eher unwahrscheinlich, dass die Stadtratsmitglieder Mitte der Woche eine Kehrtwende machen. Und auch in den kommenden Monaten wird die Politik nicht umdenken, den Kurswechsel vollziehen. Das erleichtert das Geschäft in der Innenstadt nicht. Lösungsansätze zu finden, wird zunehmend schwerer. Wie auch das Durchhalten derer, die ihre Geschäfte hier betreiben, nicht einfacher werden wird!