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Jakobusgesellschaft
„Ich sehe Pilgern nicht als Freizeitbeschäftigung“

 Heinz Burkhardt betreut die Ausschilderung der Pilgerwege rund um Zweibrücken.
Heinz Burkhardt betreut die Ausschilderung der Pilgerwege rund um Zweibrücken. FOTO: Cordula von Waldow
Zweibrücken. Das Pilgern war früher eine volkstümliche Form der Frömmigkeit, erklärt der Jakobusgesellschaft-Gruppensprecher. Das seit Jahren steigende Interesse müsse nun anders gedeutet werden. Orientierung, Erweiterung der eigenen Identität, Selbsterfahrungen seien jetzt eher die Triebfeder. Von Cordula von Waldow

Immer der Jakobsmuschel nach, Pilgern liegt im Trend. Die Jakobusgesellschaft unterstützt Interessierte, beantwortet Fragen, gibt Tipps, vernetzt mit erfahrenen Pilgerwanderern. Auch durch unsere Region führen viele Wege in diesem Fall nach Santiago. Heinz Burkhardt, Gruppensprecher der Regionalgruppe Pirminiusland-Südwestpfalz, spricht über den Reiz des Pilgerns und die Anforderungen an die Wandernden.

Herr Burkhardt, wie erklären Sie sich das zunehmende Interesse am Pilgern?

Heinz Burkhardt: Hmm, gute Frage. Vielleicht ist es die komplexe, oft unverbindliche und unbefriedigende Gesellschaft, in der sich unser Alltag abspielt. Die Routine, das Funktionieren müssen, der Erfolgsdruck ohne Rücksicht auf das seelische Gleichgewicht. Und die Unzufriedenheit mit den Institutionen und Einrichtungen, die früher für das Seelische zu sorgen glaubten.



Was ist denn der eigentliche Sinn des Pilgerns?

Burkhardt: Hier möchte ich zwei Aspekte betrachten: Einmal die schon im frühen Christentum übernommenen Bräuche der Wallfahrt nach Jerusalem oder des Tempelbesuchs, der Besuch heiliger Stätten des Judentums, dann in der Westkirche der Besuch von Orten mit Grabstätten von verehrenswürdigen Heiligen wie Rom oder Santiago. Es hängt mit der Vorstellung zusammen, dass von deren Reliquien übernatürliche Kräfte ausgehen, die seelisches und körperliches Heil versprechen. Das Pilgern wurde die volkstümlichste Form der Frömmigkeit bis etwa zum 15. Jahrhundert, dann folgte ein gewaltiger Einbruch, und erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts erfolgte der Wiederaufschwung. Heute tritt der religiöse Aspekt eher in den Hintergrund. Suchen nach Orientierung, Erweiterung der eigenen Identität, Selbsterfahrungen sind jetzt eher die Triebfeder.

Für wen ist Pilgern geeignet? Welche Eigenschaften sollte jemand mitbringen?

Burkhardt: Nachdem es Pilgern bei, man kann fast sagen allen, Religionen auf allen Kontinenten gibt, kann man davon ausgehen, dass es allen Menschen zugänglich ist. Die wohl wichtigste Eigenschaft eines Pilgers ist wohl eine Neugier auf Unbekanntes, die Lust auf neue Erfahrungen.

Wie steigt jemand ins Pilgern ein? Macht es Sinn, sich gleich auf die große Tour zu begeben oder fängt man lieber langsam mit kleinen Wanderungen an?

Burkhardt: Ich sehe Pilgern nicht als Freizeitbeschäftigung, die man je nach Lust und Laune macht oder nicht macht. Es ist mehr ein innerer Drang, der einen packt und antreibt. Und wenn einen das Pilgern mal sozusagen „in Besitz genommen“ hat, dann macht man es und man findet Mittel und Wege zur Realisierung. Im vergangenen Jahr hatte ich zweimal Gespräche mit Leuten, die als Ziel Santiago ins Auge gefasst hatten. Der Eine hatte schon alles fertig vorbereitet – er hatte sozusagen das Fahrrad schon fertig gepackt und wollte nur noch kleine Details von mir wissen. Da gab es kein sanftes Einsteigen – er wollte weg: Die Straße nach Santiago war sein Ding. Der Andere brauchte vorher den kleinen Test: Hier im nahen Frankreich wollte er seine Fähigkeiten erst mal ausprobieren. So geht eben jeder seinen eigenen Pilgerweg, körperlich und auch geistig. Er macht seine Wegerfahrungen, begegnet Menschen, Landschaft und Natur und das hinterlässt in ihm Spuren. Es gibt in unserer Region sicherlich mehrere Hundert Menschen, die solche Erfahrungen gemacht haben oder machen möchten, und da bieten Jakobusgesellschaften Hilfen an. Sie veranstalten zum Beispiel geführte spirituelle Pilgerwanderungen, wo man im Gespräch vieles erfahren kann und wo man auch seine körperlichen Grenzen kennenlernen kann; es gibt Gesprächsabende oder „Stammtische“, wo man sich austauscht oder über seine Pilgerreisen berichtet. Regelmäßig treffen sich Pilger am zweiten Dienstag im Monat in Saarbrücken zu einem solchen Abend, und demnächst auch hier in Zweibrücken.

Es gibt ja unterschiedliche Routen. Welches sind die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale?

Burkhardt: Die Wege der Jakobspilger sind ein riesiges Wegenetz durch ganz Europa. Man kann auf ausgeschilderten Routen von Krakau durch Deutschland und Frankreich bis Santiago de Compostela gehen, und es gibt eine Unmenge an Wegbeschreibungen durch viele Länder. Es hängt von jedem Einzelnen ab, wo und wie er geht. Wege, die nicht stark begangen werden, sind ruhiger, dafür gibt es auch weniger Übernachtungsmöglichkeiten. Ich selbst möchte jetzt den Camino francés, die Hauptroute durch Nordspanien über Pamplona, Burgos und Leon im Sommer nicht mehr gehen, weil diese Route furchtbar stark frequentiert ist. Aus der Pilgerstatistik kann man den immensen Anstieg sehen. Als ich im Mai 1996 in Santiago angekommen war, sind wir in diesem Monat insgesamt 1047 Pilger gewesen, im Mai 2017 sind aber über 35 000 angekommen. Weniger frequentiert sind die Route entlang der Nordküste Spaniens oder der kurze portugiesische Weg von Porto. Aber schon allein in Frankreich kann man unter vier Hauptrouten wählen, die entweder in Tours, Vézélay, Le Puy oder Arles beginnen.

Haben Sie ein paar praktische Tipps für unsere Leser?

Burkhardt: Wer sich überlegt, als Pilger zu einem meist weit entfernten Ziel aufzubrechen, muss sich überlegen, ob er den Willen hat, auch Anstrengungen zu meistern und in Schwierigkeiten nicht aufzugeben. Die körperliche Fitness ist nicht so wichtig, die kommt von alleine, wenn man sich am Anfang nicht überfordert. Sinnvoll ist es auch, sich vorher bei anderen Pilgern Rat zu holen oder Kontakt zu einer der Jakobusgesellschaften in der Region aufzunehmen. Es gibt regionale Pilgertreffen oder -stammtische, bei denen man sich untereinander austauscht. Hier in der Region wären es zum Beispiel die St. Jakobus-Gesellschaft Rheinland-Pfalz-Saarland e.V. mit ihren Regionalgruppen Bliesgau/Obere Saar und Pirminiusland Südwestpfalz.

www.jakobusgesellschaft.eu/