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Serie: Angekommen in der Fremde
Flucht mit drei kleinen Kindern

Ibtehal Daboul aus Aleppo ist stolz auf ihren vor kurzer Zeit erworbenen Führerschein.
Ibtehal Daboul aus Aleppo ist stolz auf ihren vor kurzer Zeit erworbenen Führerschein. FOTO: Ruth Reimertshofer
Zweibrücken. Zweibrücken ist für zahlreiche Bürger mit Migrationshintergrund eine neue Heimat geworden. In unserer Serie „Angekommen in der Fremde“ stellen wir einige von ihnen vor. Heute: Ibtehal Daboul aus Syrien. Von Ruth Reimertshofer

„Ich bin glücklich, dass ich den Führerschein gemacht habe!“, sagt die junge syrische Mutter Ibtehal Daboul voller Stolz. „Mein Mann ist den ganzen Tag auf der Arbeit und ich bin jetzt selbstständig geworden.“ Voller Stolz auf die Mama sind auch ihre vier Kinder von zehn, acht und sechs Jahren, der Jüngste, in Zweibrücken geborene, ist zwei. „Für die Fragen der Prüfung konnte ich nur nachts lernen, wenn die Kinder schliefen.“

Ibtehal Daboul ist in Aleppo mit vier Brüdern und zwei Schwestern aufgewachsen. Der Vater, Mitarbeiter der Elektrizitätsgesellschaft, wurde, wie sie erzählt, mit 53 Jahren brutal von Assads Polizeischergen vor einem Bankautomaten getötet, als er Geld für seine in die Türkei geflüchtete Familie abheben wollte.

Die junge Ibtehal hatte neun Jahre die Schule besucht und wollte gerne weiter lernen, „doch unsere Tradition erlaubt es nicht, dass ein Mädchen mit einem Jungen einfach befreundet ist, es muss geheiratet werden!“. Sie war 15, als die Heirat stattfand, mit 16 kam der erste Sohn, mit 18 die Tochter und zwei Jahre später der zweite Sohn. Der junge Familienvater erkrankte kurz darauf schwer und verstarb im von den verschiedenen Kriegsparteien belagerten Aleppo auch wegen schlechter ärztlicher Hilfe.



Daboul berichtet weiter: „In jener Zeit wurde es in der Stadt jeden Tag schlimmer, der IS kam, durchkämmte bewaffnet die Häuser und erschoss alle junge Männer, die zu fassen waren. Voller Todesangst kauerte ich mit meinen drei kleinen Kindern unter dem Tisch versteckt. Wir konnten 2015 nicht mehr in Syrien bleiben und flohen, es war alles so schlimm! Ich heiratete den Bruder meines Mannes, der allen Kindern ein guter Vater ist.“

Bei der Überfahrt aus der Türkei nach Griechenland mit 65 Personen in einem kleinen Schlauchboot ging der Motor kaputt. Die jüngeren Männer, die schwimmen konnten, wie Ibtehals Mann, sprangen ins Wasser. Gemeinsam mit den Frauen im Boot kamen sie nach fünf Stunden größter Anstrengung durch bloßes Rudern mit Armen und Beinen auf die griechische Insel Chios. „Es war eine Todesfahrt durch die Nacht mit gutem Ende“, erzählt Daboul. Danach ging es über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich weiter zu Fuß durch Wälder und Felder. „Das letzte Schlepperauto setzte uns kurz vor der deutschen Grenze mitten auf der Autobahn aus. Wir konnten Deutschland schon sehen, als wir von der Polizei aufgegriffen wurden. Um Mitternacht ließ uns der Beamte wieder frei und mit dem Zug kamen wir bis nach Frankfurt und weinten vor Freude.“ Von Trier wurden sie dann unserer Stadt zugewiesen, wo sie viele Helfer im Patennetz fanden, eine liebe Zweibrücker „Oma“ und eine Wohnung.

„Ich möchte Deutschland und Zweibrücken Danke sagen, weil es uns Sicherheit gab, die wir in unserem Land verloren haben.“ Diesen Satz liest Ibtehal Daboul aus dem Arabisch-Deutsch-Übersetzer auf dem Handy vor, denn er ist ihr wichtig und soll korrekt sein. Das Alltagsdeutsch der 26-Jährigen ist gut, doch nicht immer reicht der Sprachschatz für das ihr besonders Wichtige.

Bereits 2016 besuchte sie einen Erstorientierungskurs und derzeit geht sie dreimal die Woche mit dem Kleinen zur Stadtmission, um weiter die Sprache zu erlernen. „Meine Kinder gehen in die Schule, sie spielen Handball und integrieren sich gut. Wenn mein hier geborener Sohn Majar in die Kita kommt, will ich endlich den B1-Integrationskurs machen und eine Arbeit finden.“