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Historischer Verein Zweibrücken
Zwischen Integration und Ausgrenzung

Mehr als 70 Jahre nach der Zerstörung der Synagoge wurde 2011 in Speyer das neue jüdische Gotteshaus errichtet.
Mehr als 70 Jahre nach der Zerstörung der Synagoge wurde 2011 in Speyer das neue jüdische Gotteshaus errichtet. FOTO: picture alliance / dpa / Uwe Anspach
Zweibrücken. Mit dem Thema „Das Erbe der jüdischen Kultur im Südwesten“ war Bernhard H. Gerlach Referent beim Vortragsabend des Historischen Vereins Zweibrücken. Michael Haupt

„Das Erbe der jüdischen Kultur im Südwesten“ war kürzlich Thema beim Historischen Verein Zweibrücken. Im gut besuchten Kapellenraum der Karlskirche führte Referent Bernhard H. Gerlach aus Kaiserslautern sein Publikum fachkundig durch eine lange Periode jüdischer Geschichte in unserer Region. Jüdische Kultur sei viel mehr als nur Religion, sagte Gerlach. Da müsse man historisch, kulturgeschichtlich und schließlich auch theologisch denken. Denn natürlich habe man in Deutschland und auch in der Pfalz viel dafür getan, das Erbe des Judentums zu vernichten.

Ein sehr weites Feld also, das Gerlach versuchte auf die Frage zu reduzieren, wie man jüdische Geschichte im Rahmen der pfälzischen Geschichte beziehungsweise Familiengeschichte verorten kann. Es sei auch gut vorstellbar, dass unter den Anwesenden einige Personen mit jüdischen Vorfahren seien, da es am Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Mischehen gab. Denn die kleine Minderheit jüdischer Kultur schwankte immer zwischen Abweisung der christlichen Mehrheit bis zu totaler Integration und Assimilation.

„Juden stellten in der Pfalz durch alle Jahrhunderte hinweg nie mehr als drei Prozent der Bevölkerung“, erklärte Gerlach, „obwohl Speyer, Mainz und Worms schon im Mittelalter das geistige Zentrum des Judentums in Mitteleuropa bildeten“. Vor dem Jahr 1800 sei es sogar nie mehr als ein Prozent gewesen – ebenso zur Zeit des Nationalsozialismus. „Dies ist dann im Umkehrschluss der Grund dafür, dass die jüdischen Opferzahlen in unserer Region, gemessen am gesamten Völkermord während des Holocaust, relativ gering ausgefallen sind.“



Trotzdem zeige sich der Hass auf die jüdische Bevölkerung schon darin, dass die Synagoge in Kaiserslautern bereits einen Monat vor der Kristallnacht gesprengt wurde. „Dabei war die Gemeinschaft dort gut integriert“, betonte Gerlach und erzählte, dass von den 6000 Juden, die es 1930 in der Pfalz gab, die wenigsten zum Beispiel nach Palästina auswandern wollen. „Die meisten waren so liberal und wenig zionistisch, dass sie sich als Pfälzer begriffen.“ 1500 von ihnen überlebten den Nationalsozialismus nicht. Derzeit leben noch rund 650 Juden in der Pfalz. Ein Zentrum ist Speyer mit seiner spektakulären neuen Synagoge Beith Schalom, die 2011 auch mit Hilfe der evangelischen Kirche gebaut werden konnte.

Gerlach blickte auch auf Zeiten zurück, in denen Juden in der Pfalz und den Nachbarregionen einigermaßen sicher leben konnten. Bemerkenswert für Zweibrücken ist die Geschichte der Familie Oppenheim, die er erzählte: Hertz Oppenheim stammte aus Blieskastel und war ein Geldverleiher und Händler. Er konnte es sich leisten, in Zweibrücken ein Schutzjude zu werden – also ein Jude, der gegen Leistung besonderer Abgaben dem Schutz der städtischen Obrigkeit unterstellt war und gegenüber der Mehrheit der Juden bestimmte Privilegien genoss. Oppenheim konnte ab 1793, als die französischen Truppen in die Pfalz kamen, seine Geschäfte ausweiten und wurde zu einem der reichsten Männer im Departement Donnersberg, wozu Teile der Pfalz und des Saarlands gehörten. Dreimal verheiratet hatte er wohl sechs Kinder, die wiederum noch Juden geheiratet haben, sich aber alle taufen ließen – so wie fast alle Juden der Oberschicht.

Hertz Oppenheim löste sich von seinem Nachnamen und gab seiner Familie 1808, als alle Familien auf Geheiß der französischen Besatzer verbindliche Vor- und Nachnamen wählen mussten, den Namen Hatry – angelehnt an einen befreundeten französischen General. Der Grabstein des 1846 verstorbenen Zweibrückers, damals am Ölkorb beerdigt, ist jedoch nicht mehr zu finden. Gerlach vermutet, dass er, wie so viele andere, in irgendwelchen Vorgartenmauern, vielleicht in Ernstweiler oder Bubenhausen, verbaut worden ist.

„Solche Vorgänge haben“, erklärte der Referent, „ihren Ursprung auch in der alten theologischen Vorstellung der Substitution.“ Nach dem Tode Jesu und der Zerstörung des Tempelbergs sei das einst von Gott auserwählte Volk Israel, nach christlicher Vorstellung, für alle Zeit verflucht und habe keine theologische Berechtigung mehr. Verunglimpfungen von Juden finden sich auch heute noch an rund 20 deutschen Kathedralen – zum Beispiel in Form eines Juden, der an den Zitzen eines Schweins saugt – was den Begriff der Judensau nach sich zog.

Trotzdem gab es vom Hochmittelalter bis zur Reformation noch sogenannte Disputationen zwischen Rabbinern und christlichen Theologen, zum Beispiel beim Gelehrten Franciscus Junius (1545 bis 1602) aus Otterberg. Auf Bildern dieser Zeit sind solche Treffen festgehalten. Interessanterweise sind die Juden schon damals stigmatisiert: durch einen Hut, einen gelben Ring oder gelben Fleck auf der Kleidung.

Gerlach fügte noch hinzu, dass die Juden in der Pfalz keineswegs zur reichen Bevölkerungsschicht zählten. So liegt eine staatliche Erhebung aus Edenkoben aus dem Jahr 1780 vor, woraus hervorgeht, dass 80 Prozent am Hungertuch nagten.

Interessant ist auch der Aspekt der Sprache dieser Zeit, die vor allem von den Viehhändlern und kleineren Händlern gesprochen wurde: dem Jiddischen. Eine Sprache, die auch vom pfälzischen Dialekt stark beeinflusst war. Viele Pfälzer Juden waren zwischen 1400 und 1500 nach Polen und Weißrussland ausgewandert und bildeten dort mit anderen Auswanderern das Ostjudentum. So kam es, dass im Ersten Weltkrieg pfälzische Soldaten in ein weißrussisches Dorf kamen und sich dort mit ihrer Mundart verständigen konnten.

Viele weitere spannende und interessante Aspekte konnte Bernhard H. Gerlach seinen Zuhörern bieten. Zum Schluss auch noch die Geschichte der Brüder Isidor und Oscar Straus, die in jungen Jahren mit ihren Eltern von Otterberg 1854 in die USA auswanderten. Beide brachten es als Kaufleute zu Wohlstand. Oscar war schließlich von 1906 bis 1909 unter Präsident Theodore Roosevelt der erste Jude in einem US-Regierungskabinett. Isidor und seine Frau Rosalie gingen am 15. April 1912 mit der Titanic im Atlantik unter. Zuvor hatten sie sich geweigert in ein Rettungsboot zu steigen und gaben den Platz ihrem Dienstmädchen Ellen – eine Szene übrigens, die in mehreren Titanic-Verfilmungen aufgegriffen wurde.

Referent beim Historischen Verein in Zweibrücken war Bernhard H. Gerlach.
Referent beim Historischen Verein in Zweibrücken war Bernhard H. Gerlach. FOTO: Michael Haupt