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Kolumne
Heuchelei unter dem Mantel der Kritik

Mirko Reuther
Mirko Reuther FOTO: SZ / Lorenz, Robby
Glaubt man den Kommentarspalten der großen Tageszeitungen im Internet, sind an der WM-Auftaktpleite der deutschen Nationalmannschaft am Sonntag gegen Mexiko vor allem zwei Spieler Schuld.

Mesut Özil und Ilkay Gündogan.

Dass Gündogan überhaupt nicht auf dem Rasen stand, scheint daran nichts zu ändern. Die beiden Spieler mit türkischen Wurzeln waren vor der WM wegen eines Besuchs des umstrittenen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in die Kritik geraten. Und Kritik daran, sich mit einem Machthaber, der Pressefreiheit und Menschenrechte mit Füßen tritt, ablichten zu lassen, ist durchaus erlaubt.

Was überrascht, ist die Vehemenz, die Aggressivität und der beißende Zynismus, mit dem diese Kritik vorgetragen wird. Denn die deutsche Fußballseele kocht nicht immer über, wenn der Sport Verbindungen mit fragwürdigen Regimes eingeht. Selbst dann nicht, wenn Spieler oder Funktionäre persönlich auf die schiefe Bahn geraten. Dass der FC Bayern München beste Geschäftsbeziehungen nach Katar pflegt, wo Menschenrechte keine Rolle spielen? Muss hinter dem finanziellen Nutzen zurücktreten. Dass Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung in zweistelliger Millionenhöhe ins Gefängnis muss? Da hat „der Uli“ eben einen Fehler gemacht – und wird fast einstimmig von der FCB-Mitgliederversammlung zum Präsidenten gewählt. Dass die deutsche Nationalelf in der WM-Vorbereitung Freundschaftskicks gegen den absolutistischen Wüstenstaat Saudi Arabien austrägt? Ändert nichts daran, dass das Stadion in Leverkusen bis auf den letzten Platz ausverkauft ist. Dass das „Sommermärchen“ 2006 wohl auch mit schwarzen Kassen finanziert wurde? Ist nicht tragisch – die anderen Bewerber waren ganz bestimmt auch nicht sauber.



Tut mir leid, aber die Höhe der Messlatte nach Gutdünken mal höher und mal tiefer zu legen, ist nicht kritisch – sondern heuchlerisch. Der Stein des Anstoßes ist offensichtlich nicht ausschließlich das, was Özil und Gündogan getan haben – es sind auch ihre türkischen Wurzeln. Oder wie Jérôme Boateng – ohne dessen deutsche Tugenden das WM-Finale 2014 eventuell nicht gewonnen worden wäre – einmal gesagt hat: „Wenn es gut läuft, sind wir Deutsche. Wenn es schlecht läuft, sind wir Ausländer.“ Das Messen mit zweierlei Maß manifestiert sich auch in der unsäglichen Hymnendiskussion. Wenn Oliver Kahn beim Ertönen der Nationalhymne mit grimmig verschlossenem Mund still da stand, war das wahlweise konzentriert, knorrig oder kultig. Bei Özil ist es mangelnde Identifikation mit Deutschland. Die Messlatte wurde höher gehängt.