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Rekonstruktionsversuch vor Gericht
Gleisschubser-Prozess: Angeklagte entschuldigt sich beim Opfer

 Der Zweibrücker Hauptbahnhof.
Der Zweibrücker Hauptbahnhof. FOTO: Lutz Fröhlich
Zweibrücken . Von Rainer Ulm

Bei der Fortsetzung der Hauptverhandlung vor der Großen Jugendkammer der Zweiten Strafkammer des Zweibrücker Landgerichts gegen eine 19-jährige Zweibrückerin hat am Donnerstag deren Opfer, eine gleichaltrige Saarbrückerin, ausgesagt. Zuvor hatte der Verteidiger der Angeklagten, der Zweibrücker Rechtsanwalt Max Kampschulte, eine kurze Erklärung seiner Mandantin abgegeben. Demnach habe sie „keine genauen Erinnerungen“ an das dramatische Geschehen am Morgen jenes 6. April auf Gleis 1 des Zweibrücker Hauptbahnhofs. „Sie kann dazu nichts Sinnvolles sagen – wegen des Alkohols und solcher Dinge.“ Auf jeden Fall aber täte es ihr „aufrichtig leid“. Sie habe ihre Bekannte „nicht in Gefahr bringen“ wollen. Eine Entschuldigung, die die Angeklagte während der Verhandlung Auge in Auge mit jener Bekannten später, als die Saarbrückerin im Zeugenstand aussagte, selbst wiederholte: „Es tut mir leid, ich wollte das nicht.“

Aus der Justizvollzugsanstalt heraus hatte die Angeklagte in einem der Briefe an ihre Mutter, den der Vorsitzende Richter Michael Schubert verlas, geschrieben: „Ich bin schockiert von mir, was ich getan habe. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ihr etwas passiert wäre.“

Die beiden jungen Frauen waren am 6. April auf dem Gleis 1 des Zweibrücker Hauptbahnhofs aneinander geraten. Dabei hatte die Zweibrückerin ihre Kontrahentin kurz vor der planmäßigen Einfahrt einer Regionalbahn ins Gleisbett gestoßen.



Wie die Saarbrückerin nun zum Tattag aussagte, sei die Angeklagte, die zuvor auf einer Bank auf dem Bahnsteig gesessen hatte, ganz unvermittelt auf sie zugestürzt, als sie aus dem Bahnsteigtunnel nach oben kam: „Ich wollte Viertel nach zehn mit dem Zug nach Saarbrücken fahren.“ Kaum dass sie oben auf dem Bahnsteig angekommen war, sei die Zweibrückerin plötzlich von der Bank aufgesprungen, auf sie zugeeilt und handgreiflich geworden, indem sie ihr unter „Ich bring’ Dich um“-Rufen mit der Faust ins Gesicht schlug und an den Haaren zog. Dann sei sie von ihrer Kontrahentin rücklings ins Gleisbett gestoßen worden – obwohl die herannahende Regionalbahn bereits in Sichtweite war. Doch damit nicht genug. Zunächst sei es ihr gelungen, aus eigener Kraft wieder auf den Bahnsteig zu klettern. Noch auf den Knien soll die Zweibrückerin sie gegen den Kopf getreten und wieder zurück ins Gleisbett geschubst haben. Zu diesem Zeitpunkt war der Zug bereits in den unmittelbaren Bahnhofsbereich eingefahren. Nach ihrer Aussage sollen ihr „zwei Leute“ dann wieder auf den Bahnsteig geholfen haben, wo der Streit unvermindert weitergegangen sei – bis beide Frauen gemeinsam in den Zug nach Saarbrücken einstiegen. Aus dem Waggon heraus will die Zeugin, weil sie auch dort immer noch beschimpft wurde, selbst die Polizei gerufen haben. In St. Ingbert wurden die beiden Streithennen schließlich von der Bundespolizei in Empfang genommen.

Auslöser der Streitigkeit soll eine Handynachricht nach einem nächtlichen feucht-fröhlichen Beisammensein mit mehreren jungen Männern und den beiden Frauen in einer Wohnung gewesen sein, die die Zeugin an den damaligen Freund der Angeklagten geschickt haben soll. Die Nachricht sollte wohl einen Fremdgeh-Versuch der Zweibrückerin belegen. Der Freund brach da­raufhin den Kontakt zu ihr ab.

Die Verhandlung wird am heutigen Freitag, 9.30 Uhr, fortgesetzt.