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Nur wenige Migrantenkinder machen in Zweibrücken Abitur
Integrations-Defizit: Nicht nur Schulen sind gefordert

 Neben Pervin Taze und den Gymnasialleitungen äußert sich auch Stadtschülersprecher Dennis Mangold (Bild).
Neben Pervin Taze und den Gymnasialleitungen äußert sich auch Stadtschülersprecher Dennis Mangold (Bild). FOTO: Lutz Fröhlich
Zweibrücken. Der städtische „Beirat für Migration und Integration“ will sich dem Thema der im Landesvergleich sehr niedrigen Zahl von Abiturienten mit Migrationshintergrund in Zweibrücken „intensiver widmen“. Von Lutz Fröhlich

Das kündigt die Beiratsvorsitzende Pervin Taze an.

Anlass sind vom Merkur ausgewertete neue Zahlen des Statistischen Landesamtes. Demnach ist der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in den Zweibrücker Grundschulen 13,1 Mal höher als in den Zweibrücker Gymnasien – in ganz Rheinland-Pfalz dagegen ist der Migrationskindern-Anteil in den Grundschulen nur 2,7 Mal so hoch wie in den Gymnasien.

Taze schreibt: „Eine mögliche Erklärung könnte die Gesellschaftsstruktur in Zweibrücken sein. Eine Sozialstruktur mit wenig gesellschaftlicher Aufstiegskultur bei den bildungsfernen Zuwanderern mit Blick auf die vielen Gastarbeiterfamilien und wahrscheinlich wenig(er) Akademiker insgesamt. Um diese Frage aber genauer zu beantworten, bräuchte es eine soziologische Untersuchung!“



Taze plant, „das Thema im Beirat aufzugreifen und vertiefter einzusteigen. Zum Beispiel könnte man sich mal mit Lehrern aus Grundschulen mit hohem Migrationsanteil und auch weiterführenden Schulen zusammensetzen, um deren Einschätzung zu hören. Auch (betroffene) Schüler könnten befragt werden. Auf jeden Fall sollte man sich damit beschäftigen und Ursachen für eventuelle Benachteiligungen finden und versuchen, diese zu beseitigen.“

Taze hat selbst Migrationshintergrund: Ihre Eltern kamen aus der Türkei, sie wurde 1983 in Zweibrücken geboren und erhielt 2005 die deutsche Staatsbürgerschaft. „Aus meinem persönlichen Bekanntenkreis haben nur sehr wenige Abitur gemacht: damals – vor 20 Jahren – war das eine Besonderheit; heutzutage zum Glück etwas ganz Normales.“

Auch die Stadtschülervertretung will sich des Themas annehmen. Dennis Mangold (einer der drei Vorstände) rätselt wie Taze über die Ursachen des niedrigen Migrantenkinder-Anteils beim Abitur. An den Gymnasien selbst liege das wohl nicht. Der 22-jährige Berufsoberschüler vermutet: „Das Problem fängt viel früher an, in den Grundschulen, in den Kindergärten oder bei den Eltern.“ Bei Migranten-Kindern gebe es große Unterschiede: Bei einigen werde zuhause nicht oder kaum deutsch gesprochen – da hätten Kinder es in der Schule dann oft schwer: „Ohne richtiges Deutsch ist es schwer in Deutschland, die Mittlere Reife zu erreichen.“. Bei anderen Migranten-Kindern legten die Eltern großen Wert auf Bildung „und sagen: „Du bist in Deutschland, also sieh’ zu, dass du was lernst!“. Deshalb kann sich Mangold vorstellen, dass beispielsweise mehr Förderprogramme helfen könnten, um vor allem in Kindergärten „die Eltern mehr zu erreichen“.

Möglicherweise, spekuliert Mangold, schicken in Zweibrücken auch deshalb weniger Migranten als andernorts ihre Kinder aufs Gymnasium, „weil man oft hört, die Zweibrücker Gymnasien seien besonders anspruchsvoll“.

Die Leitungen der beiden Gymnasien sind überrascht von den Ergebnissen der Daten-Analyse. Hofenfels-Direktor Werner Schuff verweist darauf, dass Schüler mit Migrationshintergrund „immer recht erfolgreich bei uns gewesen sind“, mit einer besonders erfolgreichen Schülerin sei er sogar mal bei einer Ehrung in Mainz gewesen, und die Hälfte der Schülersprecher der vergangenen Jahre habe Migrationshintergrund. Deshalb brauche man am Hofenfels auch keine speziellen Förderprogramme für Kinder mit Migrationshintergrund. In Einzelfällen gebe es individuelle Förderungen, einmal auch in Zusammenarbeit mit der VHS. Wenn nur relativ wenige Kinder mit Migrationshintergrund an den Gymnasien seien, könnte das auch an einer Art Gruppenbildung beim Wechsel aus der Grundschule in die weiterführenden Schulen liegen: „Oft ist es so, dass wenn ein, zwei Grundschüler sagen, wohin sie gehen, sich dann auch viele Freunde anschließen.“

Helmholtz-Direktorin Kerstin Kiehm berichtet, momentan hätten 37 von 1050 Kindern auf ihrem Gymnasium Migrationshintergrund, darunter seien 15 in der Oberstufe und drei, die gerade ihre Abiturprüfungen schreiben. (Im Hofenfels ist der Migrantenkinder-Anteil laut Statistischen Landesamt etwa halb so hoch.) Beim Übergang von den Grundschulen sei „vor zwei bis vier Jahren die Sprach-Barriere sehr groß gewesen“, weil damals viele Flüchtling eingereist seien. Das Helmholtz-Gymnasium habe „eine sehr gute Zusammenarbeit mit der Herzog-Wolfgang-Realschule plus, in der Sprachkurse für Flüchtlinge angeboten werden. Wenn die Kinder intellektuell fürs Gymnasium geeignet sind, wechseln sie zu uns“. Wegen des Spracherwerbs sei bei den Noten dann ein „Nachteilsausgleich“ möglich, verdeutlicht Kiehm, dass das Deutsch nicht gleich perfekt sein muss, um am Gymnasium zu bestehen. Auf Antrag beim Bildungsministerium sei auch möglich, Kindern die eigene Muttersprache als zweite Fremdsprache anzuerkennen. Einige Helmholtz-Kinder bekämen auch „muttersprachlichen Ergänzungsunterricht an anderen Schulen“.

Die Türen des Helmholtz-Gymnasiums stünden allen Schülern offen, unabhängig von ihrer Herkunft, betont Kiehm: „Wir differenzieren da nicht, uns ist jedes Kind willkommen.“ Nur bei „sehr großen Sprachdefiziten“ rate man Viertklässlern, zunächst auf die Herzog-Wolfgang-Realschule plus zu wechseln; sie erinnere sich da aber nur an wenige Fälle vor einigen Jahren.