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Kolumne  Moment mal
Gefährliche Lethargie oder: Wenn Händler nicht (mehr) handeln

FOTO: SZ / Baltes, Bernhard
Der innerstädtische Handel und die Gewerbetreibenden haben auch heute noch viele Chancen. Warum diese oftmals nur halbherzig ergriffen werden, wundert nicht nur Merkur-Chefredakteur Michael Klein. Von Michael Klein

Ausnahmsweise – und eigentlich auch wider besseres Wissen – möchte ich heute an dieser Stelle mal etwas machen, was eher tabu ist. Mich nämlich mit unserer journalistischen Arbeit beschäftigen und Sie auf eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit mitnehmen. Was ich sonst übrigens gerne mal bei meinen zahlreichen Besuchen in den unterschiedlichen Schulen mache, die sich an unserem medienpädagogischen Projekt „Zeitung macht Schule!“ beteiligen.

Da erzähle ich dann auch schon mal, dass die Zeitungen bis tief ins 20. Jahrhundert eigentlich kein exakt berechnetes Layout kannten. Wir Redakteure kalkulierten lange vorm Computer- und Redaktionssystemzeitalter einfach Pi mal Daumen, wie viel Text (und Fotos) auf eine Seite passen könnte(n). Und gaben unsere Artikel munter in den Satz. Erst in der Mettage – das kommt vom französischen mettre und heißt setzen – , wo die in Blei gegossenen Zeilen oder die auf Fotopapier belichteten Beiträge von gewandten und fingerfertigen Kollegen zusammengesetzt wurden, entstand eine genauere Vorstellung von der Seite. Und vom Platz darauf. Oft war es zu viel Text. Und für manche Artikel blieb kein Platz mehr – zumindest an dem Tag. Diese Artikel wurden als Stehsatz für den nächsten Tag zurückgestellt und blieben in der Mettage. Im Stehsatz standen oder besser: in den Schubladen lagen – das wissen vor allem noch ältere Kollegen wie beispielsweise unser ehemaliger Sportredakteur Hartmut Sutter oder der noch betagtere Kollege Heinz Weinkauf – manchmal wochenlang auch Texte, die die Redaktion im Voraus in Satz gegeben hatte. Als tägliche Reserve (man weiß ja nie!). Oder auch für nachrichtenarme Zeiten, die es ja mal gegeben haben soll.

Und im Stehsatz hortete man natürlich auch Nachrichten, Geschichten und Meldungen, die trotz mehrfacher Wiederholung von einer zeitlosen Bedeutung künden. Im Online-Zeitalter gibt’s das übrigens auch. Auf beinahe jedem Portal, von dem irgendwann vielleicht einmal nur noch Cookies bleiben, und auf fast jeder Website. Heute nennt man das allerdings „Evergreen“. Weil die Nachricht bei jedem Click aufpoppen und zeitlos erblühen oder jederzeit aufs Neue frisch (er)grünen kann.



Des langen Intros kurzer Sinn: Auch ich habe nach deutlich über 30 Jahren im Beruf so eine Art persönlichen Stehsatz! Rübergerettet aus der Zeit als vormals junger Lokalchef in Homburg, verfeinert in der Folge als Regionalchef im saarländischen Osten, wozu seinerzeit auch die Redaktionsstandorte in Neunkirchen und St. Ingbert zählten – und jetzt von zeitloser Eleganz in der Westpfalz: Die Zeilen, immer gleich und immer wieder gerne genommen, in denen ich laienpredigergleich oder gebetsmühlenartig die Gewerbetreibenden in den jeweiligen Stadtzentren und in den Fußgängerzonen der Städte ermutige – manche sagen auch: beknie –, in ihrem Kampf um den Kunden, den sie vor allem mit Service, Freundlichkeit und berechenbaren Öffnungszeiten gewinnen können, nicht müde zu werden.

Erst recht nicht müde zu werden oder sich gar geschlagen zu geben, wenn als finales Totschlagsargument wieder mal die böse Grüne Wiese oder der noch bösere Online-Handel genannt werden. Beide sind da. Und beide bleiben da. Die Beschäftigung mit diesen beiden unverrückbaren Tatsachen ist also – sofern die Zeit lediglich genutzt wird, diese zu verteufeln – deutlich sinnloser als jegliches Nachdenken über und die Investitionen in die eigene Stärke.

Und die ist ganz fraglos da. Auch hier in Zweibrücken. In vielen Geschäften, die die Kunden gerne aufsuchen. Weil das Angebot stimmt und sie sich beim Einkauf wertgeschätzt fühlen. Beim (alteingesessenen) Fachhändler, dem Familienbetrieb und durchaus auch beim Filialisten. Ja, da kann und da sollte sich das Einkaufen in Zweibrücken lohnen.

Und genau deshalb lohnt es sich auch, wenn Gemeinsamhandel, der Zusammenschluss der Zweibrücker Gewerbetreibenden unter Führung von Andreas Michel, begleitet von der Stadtmarketing-Beauftragten Petra Stricker, immer wieder neue Projekte erfindet, entdeckt, adaptiert oder forciert. Allein oder mit neuen Partnern. Das in der vergangenen Woche präsentierte Projekt „Heimatshoppen“, das am 7. und 8. September vieltausendfach sicht-, greif- und erlebbar werden soll, reiht sich in die Kette der Initiativen mühelos ein. Ist pars pro toto für den Versuch der rührigen und weitsichtigen Gewerbetreibenden und deren motivierenden Vordenkern, in der Stadt Gas zu geben. Doch wenn die dann bei einer Vorstellungsrunde gerade einmal ein halbes Dutzend Mitstreiter begrüßen können, spricht das Bände für die Bereitschaft der Zweibrücker Betriebe, den Kampf mutig und kreativ anzunehmen. Ja, bewusst provozierend, sage ich zu Beginn der Woche mit dem „Saarländer-Tag“ und vielen anderen Aktionen mehr: Wenn das immer gleiche halbe Dutzend (plus/minus eins, zwei, drei wahlweise Begeisterte) engagierter Kaufleute wirklich die Streitkraft des Zweibrücker Einzelhandels ist, dann ist es (aller)höchste Zeit, dass sich viele andere einmal kritisch hinterfragen. Ob sie sich zeternd und Schutz suchend hinter ihrem Vorstand und vielen Vorurteilen verstecken wollen. Oder ob sie ihr Schicksal – und mehr noch das der Einkaufsstadt Zweibrücken – in die eigene Hand nehmen.

An der Stelle entscheidet sich auf Sicht nach meinem Dafürhalten auch das Schicksal des von so viel Herzblut beseelten Gemeinsamhandel-Vortänzers. Und übrigens auch das meines Stehsatzes!