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Gabi Brache hilft
Unkonventionelle Hilfe beim Ankommen

Gabi Brasche unterrichtet in ihrer Wohnung Migranten. Eine große Hilfe ist dabei ein Bildwörterbuch.
Gabi Brasche unterrichtet in ihrer Wohnung Migranten. Eine große Hilfe ist dabei ein Bildwörterbuch. FOTO: Susanne Lilischkis
Zweibrücken. Manchmal ist der Unterschied zwischen Butter und Schmalz ihr Unterrichtsthema. Gabi Brasche hilft Migranten, das Leben in Deutschland zu verstehen. Von Susanne Lilischkis

Geboren ist sie in Zweibrücken, doch nach der Schule zog es Gabi Brasche in die Ferne. In München arbeitete sie als Beamtin bei der Bundeswehr. Doch 1973 kündigte sie ihren Job und übernahm die Pressearbeit bei der Caribean Tourism Organisation. 1980 folgte eine Station als Personalchefin bei der Firma Gore, die Textilien für den Outdoorbereich fertigt, um schließlich bei Dedo Weigert Film zu landen – ein Unternehmen, das Licht für Filmsets herstellt. Hier fühlte sie sich in ihrem Element: „Ich habe in die Firma erst einmal Struktur gebracht. Das waren ja alles Künstler.“

31 Jahre blieb sie dem Unternehmen verbunden, und als sie mit 65 Jahren in Rente ging, wurden ihr die Lebenshaltungskosten in München zu teuer. Sie zog zurück in ihre Heimatstadt Zweibrücken. Ihr berufliches Dasein mit vielen Terminen war Geschichte und Gabi Brasche fragte sich, was ihrem Leben neue Struktur geben könnte. Damals, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, fragte sie bei der VHS nach, ob sie, die Englisch, Französisch und ein wenig Farsi spricht, nicht Deutschkurse geben könnte. Konnte sie nicht, denn die VHS-Regeln sehen eine Ausbildung in diesem Bereich vor.

Nach der Absage schaute sie beim Patennetzwerk vorbei, bei dem ihre Grundschulfreundin Ruth Reimertshofer Koordinatorin war. „Der Rest ist Geschichte“, sagt sie. Im Mehrgenerationenhaus gab sie fortan Deutschkurse für Frauen, die keine offiziellen Kurse besuchen, weil sie schwanger sind oder Kleinkinder haben. „Frauen, die nur mit der Familie beschäftigt sind, brauchen keine Grammatik“, erklärt sie ihren Unterricht, „die benötigen Wörter für den Einkauf oder den Arztbesuch.“



Anhand eines Bildwörterbuchs erklärte sie den Frauen die ersten deutschen Worte für den Alltag. „Das Buch ist auch gut für Menschen geeignet, die nie eine Schule besucht haben“, bemerkt sie. Gemeinsam mit ihren Schülerinnen besuchte Gabi Brasche den Cap-Markt, zeigte den Müttern zum Beispiel, welche Fleischsorten Muslime essen können oder was der Unterschied von Butter und Schmalz ist. Sie hat dabei immer wieder tolle Erfahrungen gemacht. „Eine ältere Dame öffnete vor unseren Augen das Päckchen Schweineschmalz, um den Frauen die weiße Farbe des Produktes zu zeigen. Nachher nahm sie das Päckchen in ihren Einkaufskorb, für eine Schmalzstulle am Abend.“

Im Jahr 2016 gründete sie mit mehreren Frauen den Verein „Zukunft zusammen“. In einer Wohnung in der Canadasiedlung richteten sie eine Kleiderkammer ein und boten Hilfe bei Formularen und Behördengängen an. Inzwischen ist der Verein in die Maxstraße umgezogen und hat dort eine Begegnungsstätte eröffnet.

Bis zum April 2017 war Gabi Brasche drei Mal wöchentlich im Mehrgenerationenhaus und gab Deutschunterricht. Dann kehrte ihr Brustkrebs wieder zurück und sie hörte mit den Kursen auf, nicht aber mit ihrem Engagement für Flüchtlinge. In ihrer Wohnung unterrichtet sie weiterhin Migranten, die Deutschkurse der Behörden besuchen und sie begleitet einen jungen Afghanen, der Christ werden möchte. „Irgendwann fiel mir auf: Du machst nicht nur Unterricht, sondern Lebenskunde“, sagt sie. Und dabei nimmt die resolute Rentnerin kein Blatt vor den Mund. Über Religion kann sie kenntnisreich diskutieren und mit ihrer eigenen Meinung hält sie nicht hinterm Berg. Über ihre Ansichten zum Thema Kopftuch und Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft spricht sie ganz offen mit ihren Schülern und sie scheut keine Kontroverse. Das gefällt nicht jedem, aber die meisten ihrer Schüler haben eine hohe Meinung von ihr.

Die Erfolge ihrer manchmal unkonventionellen Unterrichtsmethoden zeigen sich zum Beispiel bei Sadiq. Mit zwölf Jahren floh er von Afghanistan nach Iran und arbeitete dort als Fliesenleger, bevor er nach Deutschland kam. Hier holte er den Hauptschulabschluss nach – mit dem besten Abschluss der Schule. Im Moment besucht er die Realschule.

Anders als in Orten wie Chemnitz sieht Gabi Brasche die Zweibrücker Bevölkerung nicht von einer Hysterie gegen Ausländer ergriffen. „Die Leute sind eher indifferent“, meint sie. Angst habe sie selbst noch nie gehabt und sie sei auch noch nie angepöbelt oder bedroht worden. „Ich habe einen Vorteil, ich bin alt“, schmunzelt sie. Was sie aber nicht davon abhält, gegen Aufmärsche von rechten Gruppierungen in ihrer Heimatstadt verbal und mit Trillerpfeife vorzugehen. „Das werde ich auch immer wieder tun“, verspricht sie.