| 23:09 Uhr

Gesundheit
Fünf Minuten zwischen Leben und Tod?

Ein Rettungswagen mit Blaulicht fährt zu einem Einsatz. Ob im Landkreis Südwestpfalz die Einsatzwagen rasch genug vor Ort sind oder nicht, darüber wird derzeit diskutiert.
Ein Rettungswagen mit Blaulicht fährt zu einem Einsatz. Ob im Landkreis Südwestpfalz die Einsatzwagen rasch genug vor Ort sind oder nicht, darüber wird derzeit diskutiert. FOTO: Lukas Schulze / dpa
Zweibrücken. Der SWR findet, im Landkreis arbeite der Rettungsdienst oft zu langsam. Das sehen Retter und Ärzte anders. Von Mirko Reuther

Es ist eine Horrorvorstellung: Ein Bekannter, ein Freund oder gar ein Familienmitglied erleidet einen Herzinfarkt – aber der Rettungswagen braucht zu lange, bis er am Unfallort eintrifft. Glaubt man einer Analyse des Südwestrundfunks (SWR), ist diese Gefahr kein abwegiges Schreckensszenario, sondern Realität. Mehr als 1800 rheinland-pfälzische Gemeinden – insgesamt Millionen Menschen – seien in Rheinland-Pfalz 2016 im Hinblick auf die Einsatzzeiten der Rettungsdienste unterversorgt gewesen, behauptet der SWR. Er beruft sich auf mehrere tausend Rettungsdienstdaten, die er ausgewertet habe. Auch in der Südwestpfalz seien zahlreiche Gemeinden unterversorgt gewesen: Dietrichingen, Riedelberg, Maßweiler und Reifenberg zum Beispiel. Der Versorgung in Zweibrücken, Contwig und Hornbach wird dagegen ein gutes Zeugnis ausgestellt.

Doch wie berechnet der SWR eigentlich, welche Gemeinde ausreichend versorgt war und welche nicht? In der Analyse heißt es: „Notärzte und Fachleute fordern seit Jahren, dass der Rettungsdienst bei schweren Unfällen und Erkrankungen innerhalb von zehn Minuten beim Patienten sein soll.“ Braucht der Rettungswagen länger, fließt das beim SWR negativ in die Bewertung ein. Genau an diesen zehn Minuten üben die lokalen Rettungskräfte aber vehemente Kritik. Denn: Legte der Sender statt zehn Minuten eine Frist von 15 Minuten zugrunde – und genau das tut das rheinland-pfälzische Rettungsgesetz – wäre das Ergebnis weit weniger dramatisch. Dann läge die Erfolgsquote der Rettungskräfte bei fast 95 Prozent. Welchen drastischen Einfluss die fünf Minuten auf die Bewertung des SWR haben, zeigt folgendes Beispiel: In der Gemeinde Maßweiler soll 2016 kein Rettungswagen innerhalb der vom Sender postulierten zehn Minuten vor Ort gewesen sein. Die gesetzliche Frist haben die Retter aber im Schnitt erfüllt (14:56 Minuten).

Bernd Fischer, der Geschäftsführer des DRK-Rettungsdiensts Südpfalz GmbH, spricht vor diesem Hintergrund von „fiktiven Zahlen“, mit denen der SWR operiere. Auch Tassilo Wilhelm, Geschäftsführer der Kreisstelle Zweibrücken des Arbeiter-Samariter-Bundes – der sich die Versorgung in Zweibrücken mit dem DRK teilt – ist verblüfft: „Zehn Minuten – davon habe ich nichts mitgekriegt!“ Unterstützung erhalten beide von Doktor Horst Winter, Chefarzt für Innere Medizin am Nardini-Klinikum in Zweibrücken. Er sagt: „Die Hilfeleistungsfrist ist im Rettungsdienstgesetz mit 15 Minuten angegeben. Wir können nicht bestätigen, dass es darüber aktuell eine Diskussion unter unseren Notärzten gibt.“ Dass es einen Konsens unter Fachleuten gebe, die das Eintreffen des Rettungswagens binnen 15 Minuten für unzureichend halten – und genau das impliziert der SWR – ist folglich mindestens eine Übertreibung.



In Notfällen hält Winter insbesondere „die schnelle Einleitung von Sofortmaßnahmen durch Ersthelfer“ für elementar. Sogenannte First-Responder-Konzepte und die Schulung von Laienreanimation seien wichtige Maßnahmen. Fischer bestätigt: „Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand bestimmen die Maßnahmen in den ersten fünf Minuten über das Überleben.“ Das durchwachsene Zeugnis, das der SWR dem Südwestpfalz-Kreis ausstellt, wollen weder er noch Winter bestätigen: „Das Nardini-Klinikum arbeitet in der Region Zweibrücken eng und vertrauensvoll mit den Rettungsdiensten zusammen. Die Einschätzung können wir für unseren Zuständigkeitsbereich nicht teilen“, sagt Winter. Und Fischer ergänzt: „Unsere durchschnittlichen Eintreffzeiten sind schneller als gesetzlich gefordert.“ In Rheinland-Pfalz sind die Retter im Schnitt bereits nach sieben Minuten und 16 Sekunden vor Ort.

Neben der Frage nach der Sinnhaftigkeit stellt sich auch die Frage, wie realistisch eine grundsätzliche Hilfefrist von zehn Minuten in Rheinland-Pfalz überhaupt ist. Selbst im kleinsten Flächenbundesland, dem Saarland, beträgt die Frist zwölf Minuten – und kann dort nicht immer eingehalten werden. „Eine hundertprozentige Erfolgsquote kann es ohnehin nirgends geben“, sagt Tassilo Wilhelm: „Wenn ein Rettungswagen im Berufsverkehr feststeckt, nützen ihm auch Blaulicht und Sirene nichts.“ Thorsten Höh, Pressesprecher des Südwestpfalzkreises ergänzt: „Die Einhaltung der gesetzlichen Fristen ist in einem Flächenlandkreis – wie eben bei uns – nicht immer leicht zu gewährleisten. Die Leitstelle wählt aber automatisch über ein Georouting-System das Rettungsmittel aus, welches der Einsatzstelle am nächsten ist. Wenn dies der Rettungshubschrauber ist, dann kommt dieser konsequent zum Einsatz.“

Dass die Rettungskräfte in Zukunft noch schneller arbeiten können, glaubt Fischer nicht: „Bei zunehmenden Einsatzzahlen und durchschnittlich längeren Einsatzzeiten benötigen wir eine Aufstockung der Rettungswagen im Dienst. Zumindest an den hoch frequentierten Rettungswachen oder zwischen Landkreisgrenzen.“ Die Prüfung, ob die Zahl der im Dienst befindlichen Rettungswagen oder die Zahl der seit 2016 konstant gebliebenen Rettungswachen im Einsatzgebiet erhöht werden müssen, obliegt laut Fischer der Kreisverwaltung Südwestpfalz. Landkreis-Pressesprecher Höh bestätigt: „Die Einsatzzahlen sind zwischen 2016 und 2017 um 0,5 Prozent gestiegen.“ Die letzte Anpassung der Vorhaltung im Rettungswesen datiert aus dem Frühjahr 2014. Dennoch werden Veränderungen in Angriff genommen, um die Einhaltung der gesetzlich geforderten Einsatzzeiten zu optimieren. So wurden in den letzten drei Jahren die Standorte der Rettungswachen von Dahn nach Bundenthal und von Wallhalben nach Weselberg verlegt, um die vorgegebenen Fristen besser einhalten zu können. Zudem laufen derzeit Gespräche, um die Möglichkeit weiterer Verbesserungen zu sondieren. In diesem Rahmen wird auch die Vorhaltung einer erneuten Überprüfung unterzogen.

Ein Pfund, mit dem die Rettungsdienste wuchern können, ist die überregionale Zusammenarbeit. Die klappt laut Wilhelm richtig gut. „Wenn alle Wagen aus der Region Zweibrücken schon im Einsatz sind, springt jemand aus Pirmasens in die Bresche.“ Der Tenor der Rettungshelfer: Auch wenn fünf Minuten im Kampf zwischen Leben und Tod durchaus den Unterschied ausmachen können – die Retter werden um jede einzelne davon kämpfen.