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,,Es geht nicht nur ums Versorgen”

Opfer des Kostendrucks: Die Kinderheilkunde wird in vielen Kliniken geschlossen, weil sie als zu teuer gilt. Foto: Fotolia
Opfer des Kostendrucks: Die Kinderheilkunde wird in vielen Kliniken geschlossen, weil sie als zu teuer gilt. Foto: Fotolia FOTO: Fotolia
Saarbrücken. Der Medizinethiker plädiert für eine grundsätzliche Debatte über die Strukturen des deutschen Gesundheitssystems.

Beim "Saarländischen Ethiktag" in den SHG-Kliniken Völklingen wird am nächsten Samstag, 11. Februar, von 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr, das Spannungsfeld zwischen medizinischen, ethischen aber auch wirtschaftlichen Herausforderungen beleuchtet, in dem heute Ärzte und Pflegekräfte arbeiten. Hauptreferent ist der Medizinethiker Professor Thomas Heinemann, der an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar lehrt und dem Deutschen Ethikrat angehört.

Herr Professor Heinemann, ist das Wohl des Patienten noch ethischer Maßstab in Krankenhäusern?

Heinemann: In den meisten Fällen ja. Das zeigt sich allein daran, dass über diese Frage derzeit ein Konflikt aufbricht. Viele Menschen, die in Gesundheitsberufen arbeiten, nehmen zunehmend wahr, dass sie das, was sie als Patientenwohl verstehen, im Krankenhaus nicht mehr richtig umsetzen können. Diese Klage teilt der Deutsche Ethikrat: Wir haben im Moment zwar nach wie vor eine qualitativ hohe medizinische Versorgung, aber wir laufen Gefahr, durch die Strukturen, die wir im Gesundheitswesen geschaffen haben, das Patientenwohl aus den Augen zu verlieren. Das liegt unter anderem an der Art der Finanzierung. Das duale System, in dem die Bundesländer die Kosten für Investitionen in Gebäude und Geräte übernehmen und die Krankenkassen für die Behandlungsleistungen zahlen, hakt. Die Länder sind finanziell klamm, und so müssen viele Krankenhäuser, um konkurrenzfähig zu bleiben, das durch Behandlungsleistungen erwirtschaftete Geld in Investitionen stecken.



Worin zeigen sich die Mängel konkret?

Heinemann: Es findet gegenwärtig zunehmend eine Fixierung auf wirtschaftliche Interessen statt. Einsparmöglichkeiten werden in vielen Fällen zunächst beim Kostenfaktor Personal gesucht. Das hat Folgen, etwa in der Pflege. Denn hier geht es nicht nur ums Waschen und Versorgen von Patienten, sondern vor allem auch um Ansprache und Prophylaxe. Diese Leistungen werden dann notwendigerweise eingeschränkt - nicht zum Wohle der Patienten. Darüber hinaus ist auch ein Anstieg einzelner Behandlungsleistungen zu beobachten, die jedenfalls durch die Morbidität der Bevölkerung nicht einfach zu erklären ist. Es besteht eine Tendenz dazu, dass Krankenhäuser Leistungen, die gut vergütet werden, besonders oft durchführen. Damit stellt sich im Einzelfall die Frage nach der Indikation für solche Leistungen, etwa beim Ersatz einer Hüfte, wenn es medizinisch gut möglich wäre, erst einmal noch abzuwarten.

Wenn gewinnbringende Behandlungen im Übermaß angeboten werden, heißt das, dass andere Patienten länger auf weniger lukrative Behandlungen warten müssen?

Heinemann: Darüber gibt es kaum statistisch belastbare Daten. Aber bestimmte Patientengruppen stehen nicht im Fokus, wie etwa die stationäre Kinderheilkunde, die in vielen Krankenhäusern geschlossen wird. Für eine Kinderstation ist aus naheliegenden Gründen zur Betreuung zum Beispiel mehr Personal nötig als in der Erwachsenenmedizin. Aber dieser Aufwand spiegelt sich nicht in der festgesetzten Vergütung wider. Deshalb müssen viele Krankenhäuser die Kinderstation aus ihren anderen Erträgen bezuschussen. Das wollen und können sich viele auf Dauer nicht leisten.

Der Gesetzgeber hätte die Macht, Dinge zu ändern. Ist das ethische Gewissen von Politikern unterentwickelt?

Heinemann: Ausdrücklich nein, es ist vielmehr sehr hoch entwickelt. Jedoch haben wir ein Gesundheitssystem geschaffen, in dem so viele Akteure mitspielen, dass jeder nur noch ein umschriebenes Stück Verantwortung trägt. Das große Ganze und die Frage nach dem Ziel des gesamten Systems, das Wohl des Patienten, geraten aus dem Blick.

Lässt sich das Ruder noch herumdrehen?

Heinemann: Ja, aber dafür bräuchte man einen durchsetzungsstarken politischen Willen. Der Bundesgesetzgeber hat das Problem im Prinzip erkannt. Aber bevor man etwas umkehrt, muss man wissen, wie ein neues System aussehen soll. Angesichts der Probleme im Krankenhaus wäre es ein attraktiver Gedanke, wenn nochmal eine kompetent besetzte Arbeitsgruppe beauftragt würde zu überlegen, wie die stationäre Versorgung in Deutschland auf eine andere Grundlage gestellt werden könnte.

Das Gespräch führte Ute Kirch.

Medizinethiker Professor Thomas Heinemann. Foto: Heinemann
Medizinethiker Professor Thomas Heinemann. Foto: Heinemann FOTO: Heinemann