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Erst kaufen, dann schließen?

Ungewisse Zukunft: Das Evangelische Krankenhaus. Foto: Martin Wittenmeier
Ungewisse Zukunft: Das Evangelische Krankenhaus. Foto: Martin Wittenmeier FOTO: Martin Wittenmeier
Zweibrücken. Zweibrücken. Die Mitarbeiter des Evangelischen Krankenhauses Zweibrücken bangen um ihre Arbeitsplätze: Der Träger LVIM (Landesverein für Innere Mission in der Pfalz) erwägt mittelfristig eine Schließung – hat bei den Mitarbeitern aber zugleich neue Hoffnungen geweckt, als er bei der Pressekonferenz am vergangenen Freitag von Gesprächen mit anderen Unternehmen aus dem Gesundheitsbereich berichtete, die den Krankenhaus-Betrieb möglicherweise fortführen könnten. Doch wie realistisch ist dieser Plan A? Öffentlich sagt dazu derzeit niemand etwas – alles andere wäre bei solchen Gesprächen auch unüblich. Denkbar sind nach Analyse von Merkur -Redakteur Lutz Fröhlich aber folgende Szenarien, mit absteigender Wahrscheinlichkeit:

Variante eins: Kein Investor

Es findet sich kein seriöser Investor, der das Evangelische Krankenhaus (EvK) weiterbetreibt. Hierfür spricht leider einiges: Das Land (bei Krankenhäusern für bauliche Investitionen finanziell zuständig) drängt schon seit vielen Jahren darauf, die Krankenhaus-Versorgung in Zweibrücken zu konzentrieren, um für Steuerzahler teure Überkapazitäten abzubauen. Hätten die beiden christlichen Krankenhaus-Träger wie vom Land lange gefordert früher eine Kooperations-Lösung gefunden, hätten zwar viele Arbeitsplätze mehr erhalten werden können als jetzt im Falle einer Schließung des Evangelischen Krankenhauses - aber jetzt, da das Land kurz vor dem Ziel einer Angebots-Konzentration steht, wird das Land kaum tief in den Steuergelder-Topf greifen, damit ein neuer Betreiber dort den Sanierungsstau von 50 Millionen Euro behebt.



Und die Diakonissen Speyer-Mannheim, selbst Krankenhaus-Betreiber, treiben zwar konsequent ihre Fusion mit dem LVIM voran - haben aber keinerlei Interesse daran, das Evangelische Krankenhaus zu übernehmen. Offizielle Begründung: Die eigenen Krankenhäuser seien für Synergie-Effekt zu weit entfernt. Wahrscheinlicherer Hauptgrund: Die Diakonissen haben die Zahlen des EvK genau analysiert und sehen keine Chance, es wirtschaftlich zu betreiben angesichts der Konkurrenz nicht nur durch das Zweibrücker Nardini-Klinikum, sondern auch das nahe Städtische Krankenhaus Pirmasens und vor allem die nahe Uniklinik in Homburg.

Variante zwei: Investor übernimmt Krankenhaus, um es später zu schließen

Ein Szenario, das völlig paradox erscheint. Aber nur auf den ersten Blick. Es gibt sogar ein Beispiel aus der Region, das zeigt: So etwas kann passieren. Die SHK-Kliniken (Saarland-Heilstätten GmbH) haben 2008 von der Marienhaus GmbH das Krankenhaus St. Michael in Völklingen gekauft, damals war noch von einem Fortbetrieb die Rede. Zur Übergabe im Frühjahr 2009 wurde es dann aber dichtgemacht, die Innere Medizin an die bereits bestehende SHG-Klinik Völklingen verlagert. Dort wurde die neue Abteilung zunächst in Containern untergebracht, später erst folgten richtige Baumaßnahmen. Offiziell verkündete Pläne, an Stelle des Michaels-Krankenhauses eine Rehaklinik zu bauen, zerschlugen sich, heute findet man die Klinikruine unter "Geisterhäuser" oder "Lost Places" im Internet. Langfristig dürften sich Kauf und Schließung für SHG rechnen - denn sie ist den Konkurrenten in Völklingen los.

In Zweibrücken würde ein Käufer des Evangelischen Krankenhauses zwar keinen stadtinternen Konkurrenten los. Es könnte aber auch noch andere strategische und finanzielle Motive geben, eine Klinik zu übernehmen und später zu schließen. Denn Klinik-Betreiber dürfen nicht einfach Abteilungen öffnen, schließen oder erweitern, wie sie wollen: All dies wird im rheinland-pfälzischen Landeskrankenhausplan festgelegt. Dort ist zum Beispiel geregelt, dass die für Zweibrücken zuständige Psychiatrie im Pirmasensern Krankenhaus angesiedelt ist. Der aktuelle Landeskrankenhausplan gilt für 2010 bis 2016, nächstes Jahr sollen die Vorarbeiten für den neuen Plan beginnen (wir berichteten). Die Zeit des Hauens und Stechens um die Frage, wer wo wie viele und welche Betten betreiben darf, steht also unmittelbar bevor. Dabei geht es auch um sehr lukrative Details: Manche kleine oder mittelgroße Krankenhäuser würden gerne in ihren Fachabteilungen auch spezielle Behandlungen durchführen, an denen sie mehr verdienen - der Landeskrankenhausplan erlaubt diese oft aber nur an großen Krankenhäusern. Wie erfolgreich eine Klinik wirtschaften kann, hängt damit auch von den Vorgaben im Landeskrankenhausplan ab.

Was könnte das für das Evangelische Krankenhaus bedeuten? Die Ausgangslage ist: Das EvK steht aktuell vor der Herausforderung, den im Landeskrankenhausplan 2010 bis 2016 erteilten Versorgungsauftrag für den Raum Zweibrücken weiter zu erfüllen, bis das Nardini-Klinikum (zumindest provisorisch wie zum Beispiel durch eine Containerlösung wie in Völklingen) genug geeignete Räume hat, um auch die bisherigen EvK-Patienten aufnehmen zu können und die Abteilung für Innere Medizin , die das Nardini im Falle eines Scheiterns der Investorensuche für das EvK übernehmen soll (wir berichteten). Das Problem dabei ist: Angesichts des Plan B des LVIM, das Evangelische Krankenhaus im Fall eines Scheiterns der Investorensuche aufzugeben, dürften viele Ärzte und Pfleger in den kommenden Wochen von Bord gehen, denn auch in der Region gibt es viele Krankenhäuser , die händeringend qualifiziertes Personal suchen. So könnte das EvK schnell an den Punkt kommen, dass es mangels genug Personal früher als geplant schließen muss - zu einem Zeitpunkt, wo das Nardini allein die Versorgung noch nicht sicherstellen kann.

Für einen ausreichend langen Übergangs-Weiterbetrieb des EvK noch ausreichend Personal zu halten, dürfte nur dann möglich sein, wenn es einen Käufer gibt. Dies liegt sowohl im LVIM- als auch im Nardini- als auch im Landes-Interesse. Hier könnte es bei folgender Konstellation für diese drei Beteiligten zu einer Win-Win-Win-Situation kommen: Ein Käufer übernimmt für einen günstigen Preis das Evangelische Krankenhaus. Da der nächste Landeskrankenhausplan ja bald erarbeitet wird, ist der Zeitpunkt für Gegenleistungen des Landes günstig - der Käufer könnte für ein weiteres Krankenhaus in Rheinland-Pfalz lukrative Verbesserungen genehmigt bekommen. Geschlossen würde das EvK erst, wenn das Nardini aufnahmebereit ist. Das Land hätte damit die Patienten-Versorgung in Zweibrücken gesichert und sein Ziel erreicht, die Krankenhaus-Versorgung in Zweibrücken zu konzentrieren. Die EvK-Beschäftigten hätten zwar die Schließung ihres Krankenhauses zu verkraften, mit dem die Identifikation außergewöhnlich hoch ist. Aber sie hätten konkrete Aussicht auf Weiterbeschäftigung, wenn es einen Käufer gäbe, der auch andere Kliniken in der Region betreibt - wie beispielsweise die SHG (die überdies auch schon in Rheinland-Pfalz aktiv ist, also von Gegenleistungen des Landes profitieren könnte). Ein solcher Käufer würde also den Druck auf die EvK-Mitarbeiter deutlich verringern, sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen.

Dieses Szenario ist zwar theoretisch möglich - aber so kompliziert und von vielen zusammenpassenden Faktoren abhängig, dass die Wahrscheinlichkeit nur gering ist, dass es Wirklichkeit wird.

Variante drei: Investor übernimmt Krankenhaus, um es dauerhaft zu betreiben

Voraussetzung für dieses Szenario ist, dass das Land mitspielt. Dies wird es nur tun, wenn das Krankenhaus-Angebot in Zweibrücken konzentriert wird, und zwar entweder in Form einer ganz engen Kooperation wie einem "Verbundkrankenhaus" (ein Betreiber, zwei Standorte) oder durch Schließung eines der beiden Krankenhäuser . Im Falle Verbundkrankenhaus müsste das Nardini mitspielen - was es jetzt kaum mehr tun wird, denn es braucht die Kapazitäten des Evangelischen Krankenhauses nicht (weshalb das Nardini auch selbst nicht das Evangelische übernehmen wird) und hat die Aussicht auf eine Schließung des Konkurrenten vor Augen. Bleibt also ein Investor von außerhalb Zweibrückens, um das EvK zu übernehmen, ohne einen Verbund mit dem Nardini einzugehen. Dieser Investor könnte nicht auf Geld vom Land hoffen. Infrage käme damit nur noch ein großer Klinikketten-Konzern wie Asklepios oder Helios, der selbst genug Geld hat, um den Investitionsstau zu beheben - und das Evangelische Krankenhaus so attraktiv zu machen, dass das Nardini-Klinikum aus dem Markt verdrängt wird, womit irgendwann sein eigenes Krankenhaus sich rechnen könnte.

Ein Szenario, was also auch nicht dazu führen würde, die Existenz zweier Krankenhäuser in Zweibrücken zu sichern. Und überdies ein sehr theoretisches Szenario angesichts des hohen Investitionsbedarfs in ein zwar sehr beliebtes, aber kleines Krankenhaus nicht mal eine Viertelstunde von einer Universitätsklinik entfernt.