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Naturwissenschaftlicher Verein
Deutschlands achter Mann im All

ESA-Astronaut Thomas Reiter gab einen Einblick in die Arbeit der Internationalen Raumstation ISS.
ESA-Astronaut Thomas Reiter gab einen Einblick in die Arbeit der Internationalen Raumstation ISS. FOTO: Lehmann
Zweibrücken. Ex-Astronaut Thomas Reiter spricht im Audimax über die Pläne der Europäischen Weltraumagentur. Von Peter Fromann

() Der große Hörsaal der Hochschule, das Audimax auf dem Zweibrücker Kreuzberg, war beinahe bis auf den letzten Platz gefüllt, und das war eigentlich kein Wunder: Denn wann bekommt man schon mal einen echten Astronauten hautnah als Referenten geboten? Der Naturwissenschaftliche Verein konnte einen Veranstaltungshöhepunkt verzeichnen – und die zahlreichen interessierten Besucher der Vorträge im Rahmen der Vortragsreihe ebenfalls. Astronaut Thomas Reiter gab sich in den gut zwei Stunden leger und unaffektiert. Astronautik ist sein täglich Brot, wenn auch nur noch von der Erde aus: „Aktuelle Höhepunkte und Perspektiven der astronautischen und robotischen Raumfahrt in Europa“, so lautet das Thema. Thomas Reiter war einst der achte Deutsche im All, unternahm den ersten ESA-Langzeitflug überhaupt und stieg als erster Deutscher zu einem „Weltraumspaziergang“ aus der Internationalen Weltraumstation (ISS).

Über die wissenschaftlichen Ergebnisse hinaus interessiert die Hörer natürlich in erster Linie der Mensch, der im Raumfahrtanzug steckt, letztendlich mochten die Hörer wissen, wie lautet die Erkenntnis, die aus einem Aufenthalt im All zu ziehen ist für Thomas Reiter. „Wir suchen in erster Linie keine neuen Welten, die der Mensch besiedeln kann, wenn er die Erde abgewirtschaftet hat, für mich persönlich steht ganz im Vordergrund unsere wunderbare Erdenwelt, die aus dem Weltraumfenster heraus ja nur von einem schmalen Streifen Atmosphäre umgeben ist – ein zerbrechliches Gebilde fürwahr ist unser Planet, den es mit allen Kräften zu erhalten gilt.“ Denn in greifbarer Nähe gibt es keine ähnliche, mögliche, schöne neue Welt.

Der Blick auf die Erde sei überwältigend, bei jeder Erdumrundung wieder, also alle 90 Minuten wiederholt, aber dennoch neu, in sich ständig verändernden Farben und Stimmungen, einfach überwältigend. „Das kann man nie mehr vergessen. Eine Welt zum Träumen, doch hat man leider nicht viel Zeit zum Träumen, denn das uns auferlegte Programm umfasst minutengenau beinahe den ganzen Tag.“ Witziges gab es auch zu hören. So werden zum Beispiel die festen Bestandteile der Exkremente gesammelt und dann irgendwann ins All entsorgt, wo sie dann verglühen. „Was wir also hier auf Erden als Sternschnuppe bewundern, kann durchaus ein Haufen Sch… sein.“



Frappierende Filmaufnahmen zeigte Reiter. So saß er, bequem auf einem Nichts sitzend, frei in der Luft schwerelos schwebend, und las ein Buch. Man merke nicht, wenn man schlafe, denn man liege ja auf nichts auf, „da fällt kein Kopf auf eine Tischplatte und nichts drückt einen und nichts ändert sich in der Haltung“. Bei einem Weltraumspaziergang von sechs Stunden verliert man bis zu 2,5 Liter Schweiß. Allein schon das Festhalten eines Gegenstandes erfordere sehr starken Händedruck, sei auf die Dauer anstrengend. „Einmal hatte ich der Raumstation den Rücken zugewandt, im Blickfeld nur die Erde und sonst nichts als Leere. Das macht einem Gänsehaut!“

Über medizinische Versuche –„das Immunsystem zum Beispiel funktioniert nicht mehr“–, biochemische Experimente mit Pflanzen und andere berichtete Reiter, oft mit erstaunlichen Ergebnissen. Und wie geht es in Zukunft im Weltraum weiter? „Es geht auf jeden Fall weiter.“ Wie, da ist noch vieles in der Schwebe. Neues Interesse gilt dem Mond und in fernerer Zukunft dem Mars, dessen tiefster Canon sieben Kilometer tief und dessen höchster Berg um die 26 Kilometer hoch ist. Es bleibt also spannend. Dafür gab es lang anhaltenden Beifall für Thomas Reiter und einen Einblick in die ISS.

Die Vortragsreihe wird am 11. April fortgesetzt mit dem Extremsportler Norman Bücher unter dem Motto „Break your limits“.