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Konzert in der Karlskirche
Mystische, hypnotische Atmosphäre

Mitten im Sturm: Die Chormitglieder erzeugen mit zerknülltem Papier das Rascheln des Windes.
Mitten im Sturm: Die Chormitglieder erzeugen mit zerknülltem Papier das Rascheln des Windes. FOTO: Maria Schabert
Zweibrücken. Der rheinland-pfälzische Jugendchor hat in Zweibrücken sein Programm „Via Baltica“ vorgetragen. Von Maria Schabert

Chormusik war selten so spannend und schön zugleich, wie am vergangenen Samstagabend in der Karlskirche. Ohne Instrumentalbegleitung (lediglich eine Trommel gab zeitweise den Schlag an) bewiesen die Sängerinnen und Sänger des rheinland-pfälzischen Jugendchors ohne mit den Wimpern zu zucken, dass sie alles können – von ruhigen, andächtigen Gesängen über imposante, energiegeladene Darbietungen bis hin zu authentischer Lautmalerei.

Unter der Leitung des renommierten Nachwuchsdirigenten der baltischen Chorszene, Kaspars Âdamsons, präsentierte der Jugendchor anlässlich des 100. Geburtstags der baltischen Staaten sein a-capella-Programm „Via Baltica“. Einige Werke handelten von der Vergänglichkeit des Lebens, andere ließen alles um sich herum vergessen wie Çriks Eðenvalds „Only in sleep“. Solistin Michelle Nicklis sang nahe der Perfektion, erzeugte mit dem Chor als Begleitung eine mystische, wundersame Atmosphäre. Beinahe hypnotisch war es fast unmöglich, das Gehör abzuwenden. Doch nicht nur mit kristallklaren Sopranstimmen, auch mit abgrundtiefen Bässen wusste der Chor zu imponieren. Ein tiefes, furchteinflößendes Raunen erfüllte den Raum der Kirche als „Raua needmine“ begann. Zwei männliche Solisten sangen vor, der gesamte Chor gab deren Echo, begleitet von einem steten Trommelschlag. Es wurde immer lauter, eine stimmlich erzeugte Sirene durchstach die Ohren bis zum Höhepunkt des Stücks – ein schriller, dissonanter Schrei des ganzen Chores.

Was beschworen die Sängerinnen und Sänger herauf? Wer weiß. Die Energie, die von ihnen ausging, war jedoch deutlich spürbar. Was für eine Leistung! Ähnlich spektakulär simulierten die Künstler während des Stücks „Vçja vokalîze“, was so viel wie „Windgesang“ auf Lettisch heißt, das Aufkommen des Windes. Dazu rollten alle Mitglieder ein Blatt Papier zu einer Rolle zusammen und pusteten hindurch. Man konnte den Wind pfeifen hören und förmlich spüren, wie sich ein Sturm zusammenbraut. Die Blätter wurden zusammengeknüllt und ein Rascheln, dann das Sausen und Brausen des Windes wurden erzeugt. Auch beim letzten Stück des Programms gaben die Musiker ihre Fähigkeiten in Sachen Lautmalerei eindrucksvoll zum Besten. Mit dem Mund erzeugte Wassergeräusche, wie das Tropfen und Blubbern des Wassers, waren nur schwer von realen zu unterscheiden. Die Augen aller Chormitglieder lagen stets auf Dirigent Âdamsons und folgten konzentriert seinen Bewegungen und Anweisungen. Dieser sang stumm mit und hatte das Ganze zweifellos im Griff. Die zeitgenössische baltische Chormusik hat solch eine Kraft. Der Landesjugendchor verdiente sich mit der Darbietung im Rahmen des Festivals Euroclassic gehörigen Respekt.