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Naturwissenschaftlicher Verein
Das Ideal von der Freiheit des Menschen

Landespfarrer Albrecht Bähr ist Geschäftsführer der Diakonie Rheinland-Pfalz. Im Audimax der Hochschule sprach er über die Auswirkungen der Reformation, die bis in die heutige Zeit reichen.
Landespfarrer Albrecht Bähr ist Geschäftsführer der Diakonie Rheinland-Pfalz. Im Audimax der Hochschule sprach er über die Auswirkungen der Reformation, die bis in die heutige Zeit reichen. FOTO: Susanne Lilischkis
Zweibrücken. Landespfarrer Albrecht Bähr stellte die Auswirkungen der Reformation auf Kultur, Gesellschaft und Wissenschaft beim Naturwissenschaftlichen Verein vor. Von Susanne Lilischkis

Ohne den 31. Oktober 1517, der Tag, an dem Martin Luther seine 95 Thesen in Umlauf brachte, gäbe es die Bundesrepublik Deutschland in ihrer heutigen Gestalt nicht – davon ist Landespfarrer Albrecht Bähr überzeugt. Der Geschäftsführer der Diakonie Rheinland-Pfalz holte am vergangenen Mittwoch beim Naturwissenschaftlichen Verein seinen Vortrag über die Auswirkungen der Reformation nach, der eigentlich im Reformationsjahr 2016 hätte stattfinden sollen und leider ausfallen musste.

An Aktualität hat das Thema nichts eingebüßt, geht es doch bei der Reformation hauptsächlich um das Ideal eines freien und aufgeklärten Menschen. Albrecht Bähr machte den Zuhörern klar, dass es nicht die Reformation alleine war, die Europa und später die ganze Welt entscheidend umkrempelte. Luther und die anderen Reformatoren bezogen ihre Ideale aus den Ideen des Humanismus und der Renaissance. Im Humanismus wird der Mensch und seine Gaben hervorgehoben – später ein zentrales Thema der Reformation. Der Mensch steht unmittelbar vor Gott – ohne Fürsprache oder Vermittlung der Kirche.

Der Mensch ist nach Ansicht der Protestanten begabt und das hat er von Gott, nicht von der Kirche. Albrecht Bähr verwies hier auf die Kernbotschaft der Reformation: die Identität und Würde des Menschen, die heute wieder bedroht sei. „Die Freiheit eines Christenmenschen, wie Martin Luther sie formuliert hat, steht einer Zunahme von Gottlosigkeit im 21. Jahrhundert gegenüber“.



Genauso wie wir heute eine grundlegende Umwälzung in der Medienlandschaft erleben, war auch die Reformation zu ihrer Zeit ein gigantisches Medienereignis. Das Aufkommen des Buchdrucks machte es den Menschen möglich, selbst Bücher und Wissen erwerben zu können. Das Flugblatt stellte eine neue Form der Kommunikation dar. Genau wie heute über das Internet wurden damals mit ihm Wissen und Meinungen transportiert, Hoffnungen und Ängste. Da Bücher und Schriften auf einmal so leicht erhältlich waren, mussten die Menschen lesen können – auch eine Forderung der Reformation, die sich für die Alphabetisierung aller aussprach.

Zweibrücken kommt dabei eine einmalige Stellung zu, denn die Stadt führte unter protestantischer Herrschaft 1592 weltweit als erstes Territorium die allgemeine Schulpflicht für Mädchen und Jungen ein. Die Sprache, in der Luther die Bibel übersetzte, bildete danach eine Grundlage für eine verständliche Form des Deutschen.

Der Referent verwies darauf, dass Luther auch viele Worte erfunden hat, die heute selbstverständlich benutzt werden wie Feuereifer, Denkzettel oder Lückenbüßer. Auch in Kunst, Musik und Wissenschaft gab die Reformation viele Impulse. Bähr sprach über die Musik Johann Sebastian Bachs, der viele Lieder von Luther vertonte, und von Christian Thomasius, einer der ersten Wissenschaftler, der eine Vorlesung in deutscher Sprache hielt.

Das Ideal der Freiheit des Menschen fand auch Widerhall in der Politik, bis in die heutige Zeit, was der Referent mit Auszügen aus dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland bewies. Die Toleranz wurde zum Staatsprinzip und ging in die Verfassung moderner Staaten ein.

Dass es mit der Toleranz von Martin Luther den Juden gegenüber nicht weit her war, war eine der kritischen Anmerkungen, die im Anschluss an den Vortrag aus dem Publikum kamen. Es entstand eine lebhafte Diskussion, in der Albrecht Bähr versicherte, dass es ihm nicht darum gehe, Luther einen Heiligenschein aufzusetzen. Gerade die Ansichten des Reformators zu den Juden und der Hexenverbrennung seien aus heutiger Sicht nicht tragbar.

Daraufhin bemerkte Charlotte Glück, Leiterin des Zweibrücker Stadtmuseums, dass Luther ein Kind seiner Zeit gewesen sei. „Toleranz ist die Erfindung der Aufklärung – wir können Luther für fehlende Toleranz nicht verurteilen“, sagte sie. Veranstalter Hubert Zitt wollte schließlich wissen, welche Thesen – oder vielleicht Tweets – Luther heute vielleicht veröffentlichen würde. Landespfarrer Albrecht Bähr antwortete: „Das Christentum kennt keine nationalen Grenzen und die Sorge für eine lebenswerte Erde, in der jeder seine Existenzberechtigung hat, wäre sicher sein Anliegen gewesen. Das passt aber nicht in einen Tweet.“