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Bundespräsident Steinmeier auf „Land in Sicht“-Tour
Steinmeier preist Stärken der Region

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem studentischen Elektrorennwagen-Team.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem studentischen Elektrorennwagen-Team. FOTO: Volker Baumann
Zweibrücken. Zweibrücken und die Region seien „ganz und gar nicht abgehängt“, betonte Frank-Walter Steinmeier bei seiner Südwestpfalz-Tour. Von Lutz Fröhlich

Keine neugierigen Menschenmassen, keine große Rede – beim Besuch von Frank-Walter Steinmeier gestern Vormittag in Zweibrücken war manches anders, als viele das von einem Bundespräsidenten erwarten. Steinmeier zeigte sich vor allem neugierig – und löcherte seine Gastgeber bei der Firma Comlet und in der benachbarten Hochschule mit vielen Fragen.

Fragen, die wie der Besuch selbst allerdings ein klares Ziel hatten: mehr öffentliche Aufmerksamkeit schaffen für oft verkannte Stärken ländlicher Regionen – und Menschen ermutigen, dort ihre Zukunft zu suchen. Ziel seiner „Land in Sicht – Zukunft ländlicher Räume“-Reisen sei, „die Wahrnehmung der Deutschen zu ändern, denn es tut sich ganz viel in den Regionen, nicht nur in den Ballungsräumen“.

Über ländliche Regionen seien „zwei Klischees“ weit verbreitet: zum einen „Landlust und Postkartenidyll“, zum anderen werde Leben auf dem Land „oft assoziiert mit Abgehängtsein“. Steinmeier ist überzeugt: „Beides ist komplett falsch.“ Auch der Besuch in Zweibrücken und anschließend im Landkreis Südwestpfalz zeige ihm: „Die Region ist ganz und gar nicht abgehängt, auch wenn manches anders ist als in Ballungsräumen.“



Besonders Hochschul-Standorte wie auf dem Ex-US-Gelände auf dem Zweibrücker Kreuzberg hält der Bundespräsident für sehr bedeutend: Junge Leute würden dadurch in der Region gehalten oder sogar dorthin gelockt, auch weil aus Hochschulen manche Firmen-Ausgründungen entstünden.Etwa die Firma Comlet. Sie war um neun Uhr die erste Station von Steinmeiers Region-Südwestpfalz-Reise, nachdem er in Ramstein gelandet und über die (für Normalbürger wegen Bauarbeiten gesperrte) A 62 nach Zweibrücken gefahren war. Heute habe Comlet rund 80 Mitarbeiter, berichtete Geschäftsführer Steffen Fromm, seit 2001 hätten insgesamt 50 Zweibrücker Absolventen dort ihre erste Stelle gehabt. Die Hochschule leiste damit auch einen wichtigen Beitrag gegen den Fachkräftemangel. Für Audi habe Comlet, Spezialist für „Embedded Systems“, Medien in die Displays der neuen Audi A6 und A8 integriert. Im künftigen Audi e-tron könne man dank Comlet-Unterstützung auch mit der Amazon-Assistentin Alexa reden – die Frage „Wie heißt der Bundespräsident von Deutschland?“ beantwortete Alexa bei der Vorführung gestern korrekt mit „Frank-Walter Steinmeier“.

Neben Automotive-Technologie stellte Fromm als weiteren Schwerpunkt von Comlet die Entwicklung und Pflege von „Smart Home“-Lösungen vor. Hier habe Comlet eine App des Heizkessel-Herstellers Viessmann mitentwickelt, mit der man Heizungen per Smartphone steuern und warten kann. Wichtig dabei sei vor allem die Sicherheit.

Zu Fuß ging’s danach von Comlet wenige Dutzend Meter weiter zur Hochschule, zu einer Gesprächsrunde über Konversion in der Ex-US-Kapelle. Unterwegs schüttelte der Bundespräsident in der Amerikastraße einige Hände von Studenten und Hochschulmitarbeitern, darunter Informatik-Dekanatsassistentin Ruth El Abed, die scherzte: „Das gute Wetter haben wir extra für Sie bestellt!“

„Woher kommen die Studenten?“, wollte Bundespräsident Steinmeier in der Diskussionsrunde wissen. Hochschul-Präsident Hans-Joachim Schmidt sprach von einem „Zwei-Säulen-Modell“: Bei klassischen Studiengängen wie BWL kämen die meisten Studierenden aus der Region, aber durch spezialisierte Fächer wie Angewandte Pharmazie oder Applied Life Sciences „versuchen wir auch bundesweite Strahlkraft zu entwickeln“. Schmidt: „Wir sind regional aber nicht provinziell.“

Auf seine Frage nach der Wirtschaft in der Region Südwestpfalz antwortete Peter Adrian, der zwar Trierer ist, aber mit seiner Firma Triwo Ende 2014 den insolventen Flugplatz Zweibrücken übernommen hat. Er habe damit „eine für die Region schmerzhafte Aufgabe übernommen“, erinnerte Adrian daran, dass der einstige Verkehrsflughafen trotz besserer technischer Voraussetzungen den Konkurrenzkampf mit Saarbrücken verloren habe. Dennoch habe man unter Triwo-Regie die Zahl der Flugbewegungen von 2500 jährlich auf über 11 000 gesteigert. Wichtiger aber sei die Nutzung der Startbahn als Kfz-Teststrecke: „Da werden zum Beispiel ZF-Getriebe für Bentley, Jaguar oder Land-Rover getestet.“ Bausteine wie die Kfz-Testrecke, die Hochschule oder Comlet machen Adrian Hoffnung auf „weitere Ansiedlungen im Automotive-Bereich“.

Der Comlet-Aufsichtsratsvorsitzende Manuel Duque-Antón nannte Steinmeier die „tolle Infrastruktur und Aufbruchsstimmung“ als Grund, warum er einst als Professor nach Zweibrücken gegangen sei. Angesichts des guten Geldes, dass die Industrie für Informatiker zahle, werde es nicht einfacher, Informatiker nach Zweibrücken an die Hochschule zu locken, antwortete Präsident Schmidt auf eine Frage Steinmeiers. Wer unbedingt nach München wolle, werde auch nicht nach Zweibrücken gehen. Hier gebe es aber „ganz viele Gestaltungsmöglichkeiten“, deshalb könne Zweibrücken für viele in bestimmten Lebenssituationen auch attraktiver sein. „Für den Preis einer mittelprächtigen Mietwohnung in München kann man in Zweibrücken eine Eigentumswohnung mit Latifundien erwerben“, spitzte Schmidt zu.

„Auch Ausgründungen sind hier wahrscheinlich einfacher“, vermutete Steinmeier. Prinzipiell ja, antwortete die städtische Wirtschaftsförderin Anne Kraft, „aber wir sind mit den verfügbaren Flächen am Limit“, deshalb versuche man ein neues Paket „für Ausgründungen und auch junge Unternehmen von außerhalb zu stricken“. Ministerpräsidentin Malu Dreyer sah darin „eine Riesen-Chance, um junge Leute in der Region zu halten“, zumal es „hier auch Jobs für beide Partner gibt und viel Lebensqualität“.

Steinmeier lobte auch Schmidts Fokus darauf, die Hochschule immer mehr für Nicht-Abiturienten zu öffnen. Es sei „ein wichtiges Signal, auch Eltern zu sagen: eine Ausbildung kann auch der Beginn einer akademischen Karriere sein“, sagte der Bundespräsident. Er freute sich auch über ein von Schmidt erwähntes auf fünf Jahre angelegtes gemeinsames Projekt von Hochschule und TU Kaiserslautern zur Digitalisierung in der Region. Die Menschen in Deutschland seien nicht zukunfts- oder technologiefeindlich, sagte Steinmeier, „aber es gibt viele offene Fragen zur Digitalisierung, da haben Hochschulen eine hohe Verantwortung, und es ist noch schöner, wenn sie damit wie Sie in die Gesellschaft reingehen“.

In der Kapelle stellte auch das „Karat Kaiserslautern Racing Team“ von Hochschule und TU sein Elektrorennauto-Projekt vor, in Zweibrücken werden hierzu „Virtual Reality“-Lösungen entwickelt, mit denen zum Beispiel Informationen an die Techniker in der Box gemeldet werden.

Statt die Frage eines Reporters zur Krise der Großen Koalition zu beantworten, appellierte Steinmeier an die Medien: „Auch in der Berichterstattung sollte man nicht so tun, als gäbe es Politik nur in Ballungsräumen. Ehrenamtliche Arbeit, ob in Gemeinde- und Stadträten oder auch als Bürgermeister, alles das sollten wir nicht vergessen, denn das macht die Qualität in unserem Lande aus.“

Nach seiner Unterschrift ins Goldene Buch der Stadt verließ der Bundespräsident die Kapelle. Draußen warteten etwa 300 Studenten, Steinmeier winkte, schüttelte einige Hände und stieg in die Bundespräsidenten-Limousine, um pünktlich bei der nächsten Station in Großsteinhausen zu sein (Bericht: Seite 14).

Comlet-Geschäftsführer Steffen Fromm erklärt Steinmeier und Ministerpräsidentin Malu Dreyer (v. re.) Comlets Beitrag zum Audi-Display.
Comlet-Geschäftsführer Steffen Fromm erklärt Steinmeier und Ministerpräsidentin Malu Dreyer (v. re.) Comlets Beitrag zum Audi-Display. FOTO: Volker Baumann
Bundespräsident Steinmeier mit seiner Staats-Limousine vor der Abfahrt aus Zweibrücken vor der Campus-Kapelle auf dem Hochschulgelände.
Bundespräsident Steinmeier mit seiner Staats-Limousine vor der Abfahrt aus Zweibrücken vor der Campus-Kapelle auf dem Hochschulgelände. FOTO: Volker Baumann
Bundespräsident Steinmeier im außerprotokollmäßigen kurzen Smalltalk mit Studenten und Hochschulmitarbeitern.
Bundespräsident Steinmeier im außerprotokollmäßigen kurzen Smalltalk mit Studenten und Hochschulmitarbeitern. FOTO: Volker Baumann