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Gesetzliche Krankenkassen
„Aus allen Rohren schießen“

 Die AOK hat angekündigt, zum 31.12.2018 ihr Zweibrücker Kundencenter in der Von-Rosen-Straße 4 zu schließen.
Die AOK hat angekündigt, zum 31.12.2018 ihr Zweibrücker Kundencenter in der Von-Rosen-Straße 4 zu schließen. FOTO: Lutz Fröhlich
Zweibrücken. Der Stadtrat will mit einer Resolution versuchen, die AOK-Schließung zu verhindern. Von Lutz Fröhlich
Lutz Fröhlich

Redakteur und Lokalreporter Zweibrücken

Die für Ende Dezember angekündigte Schließung des AOK-Kundencenters in Zweibrücken sorgt im Stadtrat für „Bestürzung“, wie es Walter Rimbrecht (SPD) in einer Anfrage formulierte. „32 Institutionen haben wir in Zweibrücken schon verloren, von der Landeszentralbank über die IHK bis zu allem möglichen.“ Das dürfe so nicht weitergehen. Kürzlich sei es zumindest gelungen, mithilfe von Protesten die regelmäßigen Arbeitsgerichtstage in Zweibrücken erhalten. „Wir sollten jetzt wieder so einen Protest machen“, schlug Rimbrecht vor. „Denn zum Beispiel die Menschen mit Rollator brauchen ein Kundencenter vor Ort, die können nicht nach Pirmasens fahren!“ Die AOK-Entscheidung sei „ein Unding, das umso schlimmer ist, weil Politiker in den AOK-Gremien sitzen“. (Was nicht ganz richtig ist: Im Verwaltungsrat der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland sitzen keine Politiker, sondern gewählte Vertreter der Versicherten und der Arbeitgeber, bekannte Politiker sind nicht darunter. Allerdings ist zum Beispiel der Vorsitzende, DGB-Landeschef, Dietmar Muscheid, auch SPD-Mitglied und hat seine Partei mehrfach bei der Bundespräsidentenwahl vertreten.)

Rimbrecht fragte: „Ist die Stadt bereit, aus allen Rohren zu schießen, um diese Entscheidung zu verhindern?“ Der breite Applaus im Stadtrat ermutigte antwortete Stadtvorstands-Vertreter Henno Pirmann (SPD) zur direkten Zusage: „Die Stadt ist bereit, wir können eine Resolution machen.“ Der fraktionslose Bernhard Schneider (Ex-Linke) empfahl, in der Resolution auch die Wiedereröffnung der Geschäftsstellen der Ersatzkassen zu fordern, und bekam dafür ebenfalls einigen Applaus. (Die DAK hatte ihr Zweibrücker Kundencenter schon 2014 geschlossen, die Barmer 2016. Alle drei Kassen begründeten ihre Entscheidungen damit, dass immer mehr Kunden statt in Filialen zu gehen lieber Telefon- oder Online-Service nutzten.)

CDU-Ratsfraktionschef Christoph Gensch – der wegen eines Termins als Landtagsabgeordneter in Mainz die Ratssitzung vor den Anfragen verlassen musste – mailte am Donnerstag der Presse einen schon mit 16.02.2018 datierten Brief an die AOK. Die CDU-Fraktion habe „mit Bestürzung“ von der beabsichtigten Schließung erfahren. Damit stehe „auch die letzte noch in Zweibrücken verbliebene Krankenkasse vor dem Ende’“, obwohl der Andrang in dem Kundencenter oft groß sei. Die AOK verweise „ihre Kunden zukünftig an die Geschäftsstelle in Pirmasens bzw. auf Ihren Telefon- und Internetdienst. Was geschieht aber mit Ihren Versicherten, die keine digitalen Medien nutzen können und auch keine Möglichkeit haben, nach Pirmasens zu fahren?“ Diese Frage hatte der Merkur der AOK bereits gestellt, in unserem Bericht vom 3. Februar antwortete die AOK: „Selbstverständlich besuchen unsere Kundenberater unsere Kunden gerne auch zuhause.“



Die CDU bittet in ihrem Brief die AOK um ein Gespräch „über die geplante Schließung und eventuelle Alternativmöglichkeiten“. Gegenüber der Presse ergänzt Gensch noch: „Die AOK ist bei weitem die größte Krankenkasse der Region. Aufgrund dieser herausgehobenen Stellung der AOK vor Ort sehe ich die AOK in der Verantwortung, ihre Präsenz in der Fläche auch zukünftig beizubehalten.“

Walter Rimbrecht sagte auf Merkur-Nachfrage, der AOK-Rückzug aus Zweibrücken sei auch wegen der vielen großen Industriebetriebe hier unverständlich: „Das sind die Hauptkunden der AOK und deutlich mehr als in Pirmasens“, wo das AOK-Kundencenter (ebenso wie in Homburg) weiter geöffnet bleibt.