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Porzellan-Geschichten
Auf wackeligen Füßen

Vornehmlich Geschirr wurde in der Porzellanmanufaktur hergestellt.
Vornehmlich Geschirr wurde in der Porzellanmanufaktur hergestellt. FOTO: Cordula von Waldow
Zweibrücken. Im 18. Jahrhundert begeisterten sich Christian IV. und andere deutsche Adlige fürs Porzellan. Allerdings übersahen sie dabei, dass es zu wenige Abnehmer für all die Luxusgüter gab. Von Cordula von Waldow

Hatten es die Chinesen geschafft, die Rezeptur für ihre Porzellanherstellung völlig geheim zu halten, gelang dies innerhalb Europas nicht. Die Zusammensetzung wurde ausspioniert, Mitarbeiter der Porzellanmanufaktur zu Meißen abgeworben an andere Fürstenhöfe.

„Im 18. Jahrhundert war Deutschland kein großes, einheitliches Land, sondern zersplittert in 2000 kleine Einzelherrschaften. Jeder Herzog, der etwas auf sich hielt, hatte aus Prestigegründen eine eigene Porzellan-Manufaktur“, beschreibt Museumsleiterin Charlotte Glück den Boom.

Was allerdings die euphorischen Fürsten völlig überschätzten, waren die Absatzmöglichkeiten für ihren Luxusartikel. „Ein Porzellanteil kostete in etwa den durchschnittlichen Arbeitslohn eines halben Jahres“, verdeutlicht Glück. Das bedeutet, dass sich neben dem Fürstenhaus nur ganz wenige Adelige und äußerst wohlhabende Bürger überhaupt Porzellan leisten konnten. Da jedes Fürstentum zudem sein eigenes Porzellan herstellte und die Einfuhr aus den Nachbarstaaten mit immensen Zöllen belegten, gab es auch keinen Export und somit keine Expansionsmöglichkeit für den Absatzmarkt.



Ein Umstand, den auch der Zweibrücker Herzog Christian IV. völlig unterschätzte. Dieser ließ 1767 eine Porzellanmanufaktur errichten, die im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken sein wirtschaftliches und sein kulturelles Verständnis zum Ausdruck brachte. Diese neuartige „fabrique“ spiegelte in ihrem Aufbau eine damals völlig neue Technologie und auch eine engagierte Kulturpolitik des Landesherrn wider, denn mit ihrer Etablierung ließen sich sein Streben nach Fortschritt wie auch seine fürstliche Repräsentationsfreude vortrefflich vereinen.

Am 19. März 1767 wurde die Zweibücker Porzellan-Manufaktur (fabrique) von dem Physicus und Alchemisten Johann Michael Stahl als „steinern geschirr und porcelain manufactur auf dem guten Bronnen“ (Gutenbronn bei Wörschweiler) gegründet. Spezifische Parameter zur Fabrikation und das notwendige Fachwissen über die Herstellung von Porzellan hatte der windige Geschäftsmann über Kontakte erhalten. Dabei spielte Laurentius Russinger, der einstige Modellmeister der kurmainzischen Porzellanmanufaktur zu Höchst, eine Schlüsselrolle, denn er agierte in derselben Funktion auf dem Gutenbrunnen. Die erforderlichen Voraussetzungen für einen Porzellanbetrieb waren im herzoglichen Privileg günstig für Stahl vereinbart worden. Auch die Voraussetzungen zur Standortbestimmung schienen nahezu ideal. Selbst die Frage nach dem wichtigsten Rohstoff, dem „weißen Gestein“ Kaolin, konnte mit den Steinen aus Nohfelden, das damals zum Herzogtum Pfalz-Zweibrücken gehörte, leicht gelöst werden.

Im November 1767 war es dann so weit: Dank eines florierenden Manufakturbetriebes mit seiner arbeitsteiligen Struktur und rund 20 Mitarbeitern war der Physicus und Alchimist in der Lage, seinem Landesherrn das erste echt Zweibrücker Porzellan zu präsentieren. Aus dieser Erstlingsproduktion kennen wir heute leider kein einziges Exemplar. Der Erfolg der geglückten Porzellanherstellung veranlasste Stahl, den Herzog mit fiktiven Gewinnchancen und gefälschten Bilanzen zur Übernahme der von ihm bis dahin als Privatunternehmen geführten Manufaktur zu bewegen, was im Januar 1768 auch geschah.

Wiederholte Unwetter mit Überflutungen führten jedoch zu enormen Porzellanverlusten. So holte der Regent ein Jahr später seine Porzellanmanufaktur in die Residenzstadt und brachte sie in einem Gebäude nahe seines Schlosses unter. Wie damals üblich, verließen allerdings mit diesem Umzug nicht nur die beiden Porzellan-Spezialisten, Laurentius Russinger und der als Figuren-, Landschafts- und Blumenmaler ausgewiesene Friedrich Carl Wohlfahrt, das Herzogtum. Auch weitere Facharbeiter, darunter der Maler Christoph Friedrich Wirth, der Figurenmaler Johann Christian Plinior und Obermeister Jakob Melchior Höckel sowie seine kompetenten Brüder zogen, dem Berufsbild der damaligen Zeit entsprechend, weiter zur nächsten Manufaktur, um dort ihre Fachkompetenz gegen eine bessere Bezahlung zu verdingen.

Dies hatte Auswirkungen sowohl auf die Menge als auch auf die Qualität des Zweibrücker Porzellans. Zusätzliche Absatzschwierigkeiten bewogen Stahl, der die Produktionsleitung behalten hatte, im Juni 1771 dazu, im Amtsstädtchen Meisenheim eine Porzellanlotterie durchzuführen. 200, darunter durchaus attraktive Treffer zählte die Lotterie, doch über deren Ergebnis in Sachen Zweibrücker Porzellan ist aus den Akten nichts zu entnehmen.

Um Wohlstand und Steueraufkommen zu vermehren, trug Herzog Christian IV. jedoch weit über die Gründung der Porzellanfabrik hinaus aktiv zur Entwicklung der Wirtschaft seines Landes bei. In der überwiegend landwirtschaftlich geprägten Region spielte seine Agrarwirtschaft dabei eine bedeutende Rolle. So gründete er 1755 sein eigenes Landgestüt, um aktive Pferdezucht zu betreiben und den Bedarf sowohl für das Militär als auch für die Feldarbeit zu decken. Auf zahlreichen, von ihm neu ins Leben gerufenen, Höfen führte er landwirtschaftliche Initiativen ein, sowohl im Bereich der Viehzucht als auch in der Verbesserung des Ackerbaus. „Darüber hinaus betrieb der Regent als Unternehmer Manufakturen als neuartige Fabriquen mit hochgeradiger Spezialisierung und Arbeitsteilung“ berichtet Charlotte Glück von seinen hohen Gewinnerwartungen. Er ließ Porzellan, Wollstoffe und Baumwolltuch herstellen, förderte den Bergbau sowie die Errichtung von Eisenschmelzen, Glashütten, Ziegeleien, Tiegelfabriken und vielen anderen. Sogar eine eigene Perlenzucht wurde betrieben. Mit seinen Baumaßnahmen in der Residenz Zweibrücken, dem dort angesiedelten Kunsthandwerk sowie mit der Verbesserung der Infrastruktur durch Wege- und Brückenbau setzte Christian IV. Weitere wichtige, wirtschaftliche Impulse. „Obwohl nicht alle Anstrengungen von Erfolg gekrönt waren, blühte und gedieh da Herzogtum unter seiner Regierung und die Bevölkerung wuchs beträchtlich an“, skizziert die Museumsleiterin.

Christian IV., gemalt 1757 von Johann Georg Ziesenis.
Christian IV., gemalt 1757 von Johann Georg Ziesenis. FOTO: Stadt