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Kolumne  Moment mal
Alpha-Männchen auf der Zielgeraden oder: Wer bremst, ist raus!

FOTO: Baltes, Bernhard / SZ
Es scheint alle Macher dieser Welt in ihrem Tun zu einen: Loslassen kann kaum einer, delegieren und kürzertreten fällt Alpha-Männchen besonders schwer. Der angeschlagene Zweibrücker Oberbürgermeister Kurt Pirmann bildet da (leider) keine Ausnahme, findet Merkur-Chefredakteur Michael Klein. Von Michael Klein

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel! Sepp Herberger hat diese Fußballer-Weisheit ins Trainer-Bewusstsein gebracht. Das Coaching ist eine der wichtigsten Aufgaben des Trainers. Und in der Tat beginnt mit dem Abpfiff bereits die Vorbereitung auf die nächste Begegnung. – Wortwörtlich stehen diese vier Sätze so auf der Trainer-Website des Deutschen Fußball-Bundes, von der ich sie mir per copy and paste praktischerweise für heute entliehen habe.

Diese einleitenden Formulierungen könnten allerdings genauso gut auch auf der Homepage der Stadt Zweibrücken stehen, unter dem Menüpunkt Oberbürgermeister.

Wie ich auf diesen Vergleich komme?



Na ja, wie viele andere auch bin ich in der vergangenen Woche, am späteren Dienstagabend, schon etwas nachdenklicher aus der Zweibrücker Festhalle zu meinem Auto gegangen und nach Hause gefahren, in der zuvor Bürgermeister Christian Gauf anstelle des erkrankten Oberbürgermeisters Kurt Pirmann dessen von ihm logischerweise noch nicht in allen Sätzen ausformulierte und damit eigentlich nichtfinale Fassung der Neujahrsrede vorgelesen hatte. Wer den OB kennt, der weiß, dass das, was bis zum Freitag vorliegt, allenfalls fragmentarisch zu begreifen ist. Den letzten Schliff bekommen seine Worte in aller Regel eigentlich erst übers Wochenende. Da wird daheim in Dellfeld im Manuskript gestrichen und hinzugefügt, da werden Worte und Sätze poliert – bisweilen auch schon einmal die Taten.

Wer daran zweifelt, den wird der OB im kommenden Jahr wohl eines Besseren belehren. Womit Herbergers These bewiesen ist: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, und nach dem Neujahrsempfang ist vor dem Neujahrsempfang. Erst recht bei Kurt Pirmann! Noch zweimal wird er zu Beginn des neuen Jahres in die Bütt‘ steigen, erst am 31. Mai 2020 endet seine Amtszeit. Und erst danach geht es ohne ihn weiter. Da ändert eine Krankheit bis auf weiteres nichts dran!

Mit dieser Gewissheit könnten wir uns dem politischen Tagesgeschäft widmen. Oder innehalten und nachdenken. Über Personen und die vor uns liegenden Monate – und das gerne schon heute und an dieser Stelle. Erst recht als Kolumnist. Zumal dann, wenn man auch abseits aller offiziellen Termine, die die unterschiedlichen Funktionen mit sich bringen, Kontakt hält und auch mal ein privates Wort offen austauscht. Oder mehrere davon.

Ja, da könnte man sich durchaus und angesichts der jüngsten Auszeiten, die der OB krankheitsbedingt nehmen muss(te), die Frage stellen, warum sich ein Macher, der eigentlich am Ende seines beruflichen Lebens im 63. Lebensjahr niemandem mehr etwas beweisen muss, das Ganze noch antut: Die Fülle der Termine, die Last und der Druck der Entscheidungen und all der Weichenstellungen, die das fordernde Amt an der Spitze der Stadt mit sich bringt. Den Stress des Amtes, das ungesunde Leben überhaupt. Das spärliche Lob, die geballte Kritik. Denn am Ende findet ja nicht mal jeder gut, was man so tut.

Seien wir ehrlich: Lebensqualität sieht anders aus. Und diese Weisheit habe ich sicherlich nicht exklusiv.

So wenig wie die Antwort, die ich und mit mir viele Zweibrücker ebenso ruckzuck bei der Hand habe(n). Nein, Kurt Pirmann ist keiner, der auf halber Strecke Halt macht. So hat ihn wohl jeder vorm geistigen Auge. Wenn Pirmann einen Weg beschreitet, dann geht er ihn bis zum Ende. Diszipliniert, pflichtbewusst, zupackend, ohne Rücksicht auf das eigene Ich oder Malaisen, die einen warnschussgleich mal für ein paar Tage oder Wochen aus der Routine raus reißen. Kurt Pirmann kann, wie viele, die das Sagen haben, schließlich nicht aus seiner Haut raus. Und will es auch gar nicht. So wenig wie er delegieren will, vom Loslassen in Teilen ganz zu schweigen.

Gut, er kommt inzwischen damit klar, dass andere sich zunehmend die Frage seiner Zukunft stellen oder – um es deutlich zu formulieren – sich ein wenig um ihn sorgen. Und beileibe nicht die, die ihn politisch und in seiner Macht beerben wollten. Er selbst stellt sich diese Frage aber nicht. Noch nicht. Stattdessen beruhigt er den am anderen Ende seines privaten Handys gelandeten Anrufer. Ja, er genehmige sich ja neuerdings eine Mittagspause. Und ja, mehr als zuvor fahre er auch beinahe täglich Rad, wenn er daheim sei. Und er habe sich jetzt auch einen Stepper fürs Büro angeschafft; den nutze er schon mal während des Telefonierens. Und abgenommen habe er auch. Ganze 18 Kilo. Da fühlt sich der Anrufer doch gleich besser.

Wer ihn hört, den OB, so frisch und authentisch aus dem Krankenhaus-Bett, in dessen näherer Umgebung man sich Aktenordner ganz problemlos als Stillleben vorstellen kann, der spürt, dass da einer Gas gibt. Überholspur, volle Kanne. Das Bremspedal ist da tabu.

Und doch, eigentlich ist es sogar verständlich: Kurt Pirmann hat der Stadt in den zurückliegenden Jahren in seiner zupackenden Hemdsärmeligkeit den Stempel aufgedrückt. Er hat – ohne dass dies ein Nachkarten gegenüber Amtsvorgängern wäre – Weichen gestellt. Neu. Und auf seine ganz eigene Art. Er hat Strukturen verändert, Konturen gezeichnet, Perspektiven definiert, Menschen in neuen Konstellationen zusammengeführt und -gefügt, sie angesprochen, begeistert und mitgenommen. Pflöcke eingeschlagen, wie er selbst seine Kärrnerarbeit beschreibt. Er hat sie genutzt, seine Verbindungen und Kontakte nach Mainz in die Landespolitik. Er hat Geld losgeeist für die Stadt und für Projekte in der Stadt, der man eine neue Dynamik und einen neuen Drive nicht gänzlich absprechen darf. Über die Hälfte seiner Amtszeit hat er damit verbracht. Und jetzt trägt vieles von dem erst Früchte. Jetzt erst werden die Fußspuren sichtbar, die Pirmann dereinst im Jahr 2020 hinterlassen wird. Worum also kürzer treten? Doch nicht jetzt, wo es spannend wird und sich lohnt.

Nein, so ein Kaliber denkt nicht darüber nach, dass es ihn womöglich aus der Bahn werfen könnte. Das machen andere! Vornehmlich die politisch unverdächtigen, die sich beim besten Willen nicht vorstellen können, ihr Konterfei im Lichte eines neuen Ur-Wahlkampfes großflächig plakatiert zu sehen.