| 00:14 Uhr

Erfolg für IG Metall
„4,3 Prozent – das ist eine Hausnummer!“

Zweibrücken. Gewerkschafter freuen sich über die Tarifeinigung. Die Zweibrücker Metall-Arbeitgeber koste der Abschluss 24 Millionen Euro. Von Mirko Reuther

Mit ihrer Zufriedenheit konnten die Betriebsratschefs der großen Zweibrücker Metall-Unternehmen gestern nur schwer hinter dem Berg halten. Am späten Montagabend hatten sich die IG Metall und Vertreter des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall in Stuttgart nach einem 13-stündigen Verhandlungsmarathon auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Der stößt besonders bei den Arbeitnehmern auf Zustimmung.

„Es ist ein Schritt in die richtige Richtung und ein Zeichen der Arbeitgeber, dass sie gewillt sind, in Zukunft einen gemeinsamen Weg mit uns zu gehen“, sagt Klaus Patsch, Betriebsratsvorsitzender beim Zerkleinerungsmaschinen-Hersteller Pallmann. Auch Kai Blasius, Betriebsratschef vom Landmaschinen-Hersteller John Deere, bewertet den Abschluss positiv: „Es ist wirklich ein guter Kompromiss.“ Eduard Glass vom Kranhersteller Terex meint gar: „4,3 Prozent sind positiv – das ist eine Hausnummer!“

4,3 Prozent mehr Gehalt – das beziehen die Metaller nämlich in einer Stufe und schon ab April. Dazu kommen Einmal-Zahlungen von 100 Euro, die rückwirkend für die Monate Januar bis März ausgezahlt werden, und ab 2019 ein tarifliches Zusatzgeld von 27,5 Prozent eines Monatseinkommens.



Auch beim Thema Flexibilisierung der Arbeitszeit, bei der die Arbeitgeber lange keine Kompromissbereitschaft signalisiert hatten, hat die IG Metall Kernforderungen durchgesetzt: Die Beschäftigten können künftig für bis zu zwei Jahre ihre Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden senken. Andererseits bedauert Patsch die lange Tarifvertrags-Laufzeit von 27 Monaten.

Das Ergebnis für den Tarifbezirk Baden-Württemberg gilt für die Rheinland-Pfälzer im Moment nur unter Vorbehalt. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass die als Pilot-Abschluss gehandelte Vereinbarung auch in den anderen sechs Tarifbezirken übernommen wird. Das hofft auch Ralf Cavelius, der zweite Bevollmächtigte der IG Metall Homburg. „Ich erwarte, dass die Arbeitgeber hier nicht noch um die Ecke kommen und versuchen, etwas von dem Ergebnis abzuschneiden.“ Grundsätzlich ist Cavelius mit der Vereinbarung aber zufrieden: „Die 4000 Menschen in Zweibrücken, die in der Metall- und Elektrobranche arbeiten, werden bis Ende der Laufzeit 2020 insgesamt 24 Millionen Euro mehr verdient haben. Das kann sich sehen lassen!“

Neben dem höheren Lohn findet bei den Arbeitnehmervertretern vor allem die Flexibilisierung des Arbeitsalltags Anklang. „Das Thema lag den Menschen am Herzen. Das haben die Arbeitgeber unterschätzt. Da war eine ungemeine Solidarität zu spüren“, sagt Blasius. Flexibler sind nun zum Beispiel Schichtarbeiter, pflegende Angehörige oder Eltern junger Kinder. Sie haben ab 2019 die Wahl, ob sie das tarifliche Zusatzgeld oder acht freie Tage in Anspruch nehmen. Zwei Tage davon finanziert der Arbeitgeber. „Die Menschen können sich entscheiden – mehr Zeit oder mehr Geld. Das ist ein Novum“, lobt Glass.

Auf Seite der Arbeitgeber wurde der Stuttgarter Tarifabschluss zurückhaltender aufgenommen. „Die Vier vor dem Komma schmerzt“, sagt Südwestmetall-Chef Stefan Wolf zur Lohnerhöhung. Linus Baumhauer, Werkleiter von John Deere in Zweibrücken erklärt: „Die lange Laufzeit sehen wir positiv. Das gibt uns Planungssicherheit. Als Unternehmen, das im internationalen Wettbewerb steht, sehen wir für uns aber auch große Herausforderungen.“ Baumhauer kritisiert die Komplexität der neuen Vereinbarung und warnt angesichts der Stärkung von Teilzeitarbeit davor, dass künftig unverzichtbare Fachkräfte weniger im Unternehmen sind. Den Tarifkampf der Gewerkschaften – die IG Metall hatte erstmals in ihrer Geschichte zu 24-Stunden-Warnstreiks gegriffen – bezeichnet Baumhauer dagegen als „intensiv, aber fair.“

Letzte Woche hatten auch die die Beschäftigten von Terex, John Deere und Pallmann ihre Arbeit zeitweise niedergelegt. „Man wollte austesten, ob wir streikfähig sind. Das haben wir bewiesen. Wir haben erfolgreich für die Interessen der Beschäftigten gekämpft“, sagt Cavelius. Patsch meint: „Die unterschiedlichen Positionen waren lange nicht vereinbar. Jetzt kann man hoffen, dass das Wetter vor dem nächsten Abschluss nicht mehr so frostig ist.“

Aus den Firmenleitungen von Terex und Pallmann war gestern keine Stellungnahme erhältlich.