| 21:10 Uhr

Gedenken an Pogrome in Zweibrücken
Ein großes Zeichen gegen das Vergessen

Gut besucht wie noch nie war die Gedenkveranstaltung am einstigen Standort der Zweibrücker Synagoge.
Gut besucht wie noch nie war die Gedenkveranstaltung am einstigen Standort der Zweibrücker Synagoge. FOTO: Volker Baumann
Zweibrücken. Rund 300 Leute gedachten bei einem Rundgang und einer Gedenkveranstaltung an die Pogromnacht vor 80 Jahren. Von Fritz Schäfer

„Die Gefahr ist groß, dass nationalsozialistisches Denken in Deutschland wieder einkehrt. Dagegen müssen alle aufstehen“, sagte der Vorsitzende der evangelischen Bezirkssynode Zweibrücken, Jürgen Neumann, am Rande der Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht in der Ritterstraße. Rund 300 Frauen und Männer waren dem Aufruf des Ökumenischen Arbeitskreises, des Historischen Vereins und des Bündnisses Buntes Zweibrücken gefolgt. „Ich war schon bei vielen Gedenkveranstaltungen am 9. November. Aber so viele waren noch nie dabei“, freute sich Hans-Peter Reidiger aus Hornbach. „Das ist phänomenal“, fügte Gerhard Herz hinzu.

Vor allem, weil so viele Jugendliche schon beim Rundgang auf Stationen jüdischen Lebens dabei waren. Wegen des großen Interesse wurde die Gruppe geteilt. Neben Stadtführerin Gabriele Brasche erläuterte auch die Leiterin des Zweibrücker Stadtmuseums, Charlotte Glück, die Geschichte des vom jüdischen Unternehmen Fritz Gugenheim gestifteten Brunnens auf dem Hallplatz, des ersten Gebetsraums in einem Privathaus in der Judengässje genannten Seitengasse der Hauptstraße, der jüdischen Wohnhäusern in der Karlstraße, des in der Pogromnacht zerstörten Kaufhauses Simon an der Kaiserstraße und die 1871 erbaute und 1938 in Flammen aufgegangene Synagoge an der Ritterstraße.

Der Bau der Synagoge in den 1870er Jahren zeige „die Selbstverständlichkeit“ des Miteinanders der verschiedenen Religionen. Zu der Zeit waren über 250 Einwohner jüdischen Glaubens. An die Schändung des Gotteshauses durch SS-Schergen erinnerte Pfarrerin Ursula Müller. Beim gemeinsamen Gebet mit dem katholischen Pfarrer Wolfgang Emanuel und Peter Butz bat der protestantische Dekan: „Stärke uns, dass wir zu unseren Überzeugungen stehen, auch wenn es was kostet.“



Bürgermeister Christian Gauf (CDU) appellierte an die Bürger: „Lassen wir nicht zu, dass ein in 80 Jahren gewachsenes buntes Deutschland und ein grenzenloses Europa von radikalen gewaltbereiten Gruppen unterlaufen wird.“ Werte wie Freiheit und Gleichheit seien nicht nur Floskeln. „Verteidigen wir diese Privilegien und treten wir im Alltag, im täglichen Umgang miteinander mutig dafür ein, dem aufkeimenden nationalsozialistischen Gedankengut den Nährboden zu entziehen.“ Damals hätten die Menschen aus Angst oder Scham geschwiegen. Angesichts der Bilder zum Beispiel aus Chemnitz sei es wichtig, an das Geschehen zu erinnern und nicht zu schweigen – „um den Anfängen zu wehren“.

Hussein Al-Saffar und Daniel Grigiz, Schüler des Hofenfels-Gymnasiums, sowie die Lehrerin Serina Wolf der Herzog-Wolfgang-Realschule mit dem Schüler Jonas von der Toleranz-AG trugen bei der Veranstaltungen eigene Gedanken zu den unsagbaren Untaten vor 80 Jahren vor. Solche Taten dürften sich nicht wiederholen. Dagegen müssten alle Bürger etwas tun. Mit der Teilnahme an der Veranstaltung setzen die Teilnehmer „ein Zeichen“, sagte Al-Saffar. Gemeinsam stimmten die Leute in die von Ulf Pippart angestimmten Lieder „Donna, Donna“ und „Dona nobis Pacem“ ein. „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und in die Zukunft denken und handeln“, meinte Neumann zum Abschluss.