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Diskussion um Treibstoff
2016 über 240 Tonnen Kerosin abgelassen

 Fliegen kann schön sein. Allerdings geschieht über den Wolken so manches, was für Mensch und Natur unter den Wolken möglicherweise alles andere als schön ist. Über der Frage, ob das massive Ablassen von Kerosin aus Flugzeugen gefährlich ist oder nicht, ist eine politische Debatte entbrannt.
Fliegen kann schön sein. Allerdings geschieht über den Wolken so manches, was für Mensch und Natur unter den Wolken möglicherweise alles andere als schön ist. Über der Frage, ob das massive Ablassen von Kerosin aus Flugzeugen gefährlich ist oder nicht, ist eine politische Debatte entbrannt. FOTO: picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte
Zweibrücken. Vergangenes Jahr verdoppelte sich der Umfang dieser Praxis. Im ersten Halbjahr 2017 bereits 187 Tonnen abgelassen. Linken-Politikerin Brigitte Freihold widerspricht Anita Schäfer (CDU) scharf: Deren Aussagen seien „unverantwortlich“.

(eck/lrs) Im vergangenen Jahr haben Flugzeuge über Rheinland-Pfalz mehr als 241 Tonnen Kerosin abgelassen. Das sei fast doppelt so viel Treibstoff gewesen wie im Jahr zuvor, hat das Umweltministerium in Mainz unter Verweis auf Informationen der Bundesregierung auf eine Anfrage aus der Grünen-Fraktion mitgeteilt.

Nach Angaben der Deutschen Flugsicherung (DFS) gingen laut Agenturmeldung in der ersten Jahreshälfte 2017 bereits rund 187 Tonnen Kerosin über Rheinland-Pfalz nieder.

Bei den sogenannten „Fuel Dumpings“ lassen Flugzeuge, die sich in einer Notlage befinden, Treibstoff ab, um sicher landen zu können. Die Flugsicherung weise dem Piloten dafür ein Gebiet zu, teilte das Umweltministerium mit. Bis heute gebe es keine aktuellen zuverlässigen Daten über die Auswirkungen auf die Bevölkerung und die Umwelt, so das Ministerium. Am 14. November will der Landtagsausschuss für Wirtschaft und Verkehr verschiedene Experten zu diesem Thema anhören.



Im Vorfeld dieser geplanten Anhörung ist in unserer Region eine Diskussion darüber entbrannt, ob das Ablassen von Kerosin in enormen Mengen (zuletzt ließ ein Pilot fast 80 Tonnen Kerosin über unserer Region ab, wir berichteten) für Mensch und Umwelt eine Gefahr darstellt. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Angelika Glöckner befürchtet, dass es Risiken gibt und drängt auf Aufklärung. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Anita Schäfer hingegen beruhigte zu Beginn dieser Woche: Das Ablassen von Kerosin, auch in großen Mengen, stelle keine Gefahr dar, die Kritiker dieser Praxis würden Panikmache betreiben es sei „ein Spiel mit Ängsten“ (wir berichteten).

Diese Stellungnahme Schäfers ruft scharfe Kritik seitens der Linken hervor. Brigitte Freihold, Mitglied der Linken im Bezirkstag Pfalz und auch im Bundestag, rügt Schäfer, deren Aussagen, „das Ablassen von Kerosin sei ungefährlich und es werde Panik verbreitet, sind fahrlässig und unverantwortlich“. Freihold begründet dies wie folgt: Die Behörden würden sich bei der Einschätzung auf Erkenntnisse berufen, „die fast 30 Jahre zurückliegen. Diese entsprechen nicht dem neusten Stand der Wissenschaft. Die Vorgaben der internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO, wie und in welcher Höhe Flugzeugkraftstoffe abzulassen sind, fußen auf diesen veralteten Daten.“ Zudem sei bislang „völlig unbekannt“ „unter welchen Umständen Militärflugzeuge Treibstoff ablassen“ – dies sei, so Freihold „von den Vorgaben der ICAO naturgemäß nicht erfasst und daher völlig unbekannt“.

Gerade über dem Gebiet der Pfalz stamme jedoch ein Großteil der abgelassenen Flugzeugkraftstoffe von Militärmaschinen. Freihold: „Man nimmt an, dass etwa 8 Prozent des Kerosins die untere Atmosphäre und den Boden erreichen. Dies kann durch unterschiedliche Wetterbedingungen aber auch völlig unterschiedlich sein und die Mengen weitaus höher liegen.“ Die Linken-Politikern erklärt, es seien sehr wohl  Fälle dokumentiert, „bei denen hunderte Menschen nach dem Versprühen von Kerosin über massive Beeinträchtigungen wie Atemwegsbeschwerden und Hautreizungen klagten.“ Dass Grenzwerte vermeintlich eingehalten würden, sei „in den wenigsten Fällen konkret untersucht und basiert vielmehr auf Hochrechnungen. Die Grenzwertdebatte führt darüber hinaus ins Leere, denn sie betrachtet nur Spitzenwerte. Grundsätzlich reichern sich Schadstoffe gerade im Boden und im Grundwasser über Jahrzehnte oder noch länger an. Bisher gibt es aber nicht einmal eine wissenschaftliche Untersuchung der akuten Gesundheitsgefahren und Umweltbelastungen, geschweige denn Langzeitstudien.“

Freihold fordert daher eine aktuelle, wissenschaftliche Untersuchung und belastbare Daten. Dies sei aber nur ein Aspekt. Es müssten zudem „technische Lösungen gesucht werden, um das Ablassen von Kerosin deutlich zu verringern“, ferner müsse „das Militär in die Pflicht genommen werden“.