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Kreisjubiläum
Ein Plädoyer für die europäische Idee

Susanne Ganster ist Landrätin der Südwestpfalz.
Susanne Ganster ist Landrätin der Südwestpfalz. FOTO: Landkreis
Südwestpfalz. Professor Dr. Michael Kießener hat einen beeindruckenden Vortrag zum 200. Geburtstag des Landkreises Südwestpfalz gehalten. Von Guido Glöckner

Mit seiner Festrede „200 Jahre Landkreis Südwestpfalz – Wegmarken der Geschichte“ hat am Samstag  im Bürgerhaus in Münchweiler Professor Michael Kießener auf dem Festabend zum 200. Geburtstag des Landkreises Südwestpfalz einen packenden historischen Streifzug durch die Region geliefert, der immer wieder  den Bezug zur Gegenwart suchte – und auch die eine oder andere unangenehme Wahrheit beinhaltet hat.

„Am Anfang war Napoleon..“: Mit diesen Worten begann der Historiker seinen Streifzug durch die 200 Jahre der Landkreisgeschichte, setzte dabei Schwerpunkte in den Themenkreisen Bürger und Verwaltungsstaat, Freiheit und Verantwortung sowie Deutschland und Frankreich. Denn die französische Revolution und die daran anschließende Napoleonische Epoche war es, die den modernen Verwaltungsstaat in die heutige Südwestpfalz gebracht hat. „Eine neue Zeit hat Einzug gehalten: Aus Untertanen wurden moderne Bürger“, erklärte Kießener, begab sich sodann auf den Weg ins 20. Jahrhundert, verbunden mit dem Hinweis, dass ohne diese moderne Verwaltung mit ihren Landkommissariaten und Bezirksämtern „die Wohlstandsexplosion im 20. Jahrhundert nicht denkbar“ gewesen wäre.

Nach dem Zweiten Weltkrieg habe die Daseinsvorsorge die Entwicklung in Politik und Verwaltung geprägt, was auch zu steigenden Kosten geführt habe, bezahlt durch Steuern der Bürger. Was den Festredner  in die Gegenwart brachte, indem er provokativ fragte: „Nach 200 Jahren fragen heute die Bürger: Wieviel Staat soll es noch sein? Wieviel sind wir bereit zu zahlen?“



Vom Kampf um Freiheit und Demokratie geprägt war der zweite Themenkreis Kießeners, und da fiel es nicht schwer, lokale und regionale Verbindungen zu knüpfen. Der Festredner erinnerte an das Hambacher Fest und die Rolle, die Bürger aus der Südwestpfalz spielten, erwähnte den deutschen Press- und Vaterlandsverein mit seinem Kampf um Presse- und Meinungsfreiheit, der in dieser Region seinen Ursprung hatte. Bürger aus dieser Region waren es, so der Historiker, die ihr Leben für die Freiheit riskierten.

Genauso klare Worte fand er aber auch für die Zeit des Nationalsozialismus in der Region, machte auf unrühmliche Zeitgenossen im Dritten Reich ebenso aufmerksam wie auf diejenigen, die sich wehrten und Widerstand leisteten – um schnell den Bogen zur aktuellen politischen Situation zu schlagen: „Freiheit ist kein selbstverständlicher Zustand, er wurde über 200 Jahre hart erkämpft.“ Und er mahnte, dass jeder einzelne Bürger eine Verantwortung für die Gesellschaft trage, das müsse gerade heute wieder jedem bewusst sein.

Damit war der Festredner auch bei seinem dritten Schwerpunkt angekommen, dem deutsch-französischen Verhältnis und dem europäischen Zusammenwachsen. Gerade die Pfalz sei Jahrhunderte lang Aufmarsch- und Kriegsgebiet gewesen, und der Nationalismus des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts habe die Feindschaft zu Frankreich noch verstärkt, erinnerte der Professor an die Separatistenzeit, die ihr Ende mit dem Brand des Pirmasenser Bezirksamtes gefunden habe. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg habe ein neues Zeitalter begonnen, aus Völkerhass sei eine friedliche Völkerverständigung geworden, die gerade in dieser Grenzregion sichtbar geworden sei. Und Kießener warnte: „Wer heute nationalen Egoismus predigt, vernachlässigt sträflich, was für diese Region der Nationalismus bedeutet hat und wie stark sie von dem seit 70 Jahren andauernden Frieden profitiert.“ Und nur wenn dieser Frieden weiter andauere in einem zusammengewachsenen Europa, werde auch dieser Landkreis eine gute Entwicklung nehmen.

Zuvor hatte Landrätin Susanne Ganster in der Begrüßung der geladenen Gäste betont, dass der Abend neben der Festrede auch durch die Ortsgemeinden und die Kreisbürger geprägt werde. Und sie erinnerte an das letzte Landkreisjubiläum vor 25 Jahren, als erstmals ein Neujahrsempfang aus diesem Anlass stattgefunden hat: „Er sollte einmalig sein, wurde dann aber zur Dauereinrichtung.“ Zum Landkreisjubiläum sollen zum nächste Neujahrsampfang im Januar  die Bürger eingeladen werden.

Musikalisch umrahmt wurde der Festabend vom Südwestpfälzer Kinderchor, dem Kammerchor Münchweiler, dem Blasorchester des Landkreises und von Christof Heringer mit „Jazzy happy birthday“.