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Jugendhilfeausschuss
Die Mär vom demografischen Wandel

Südwestpfalz. Soziologen stellen im Jugendhilfeausschuss des Landkreises Südwestpfalz die Expertise „Orte guten Lebens“ vor. Von David Oliver Betz

Beschlussfähig ist der Jugendhilfeausschuss des Landkreises bei seiner jüngsten Sitzung zwar nicht gewesen, aber die Vorstellung der Expertise „Orte guten Lebens“ wurde dennoch rege diskutiert. Die Soziologen Professor Bernhard Haupert und Ingo Schenk vom „Institut für Professionalität und Qualifizierung“ haben dabei vor allem eine steile These aufgestellt. Sie sagen: Den demografischen Wandel gibt es überhaupt nicht.

Der Ansatz der beiden Experten beruht auf der Annahme, dass die Kommunalreform der 1970er Jahre dazu geführt hat, dass gerade auf dem Land Identität verloren gegangen ist. Die Menschen seien mit ihrem Dorf verwurzelt, fühlten sich aber nicht als Teil einer Verbandsgemeinde oder gar des Landkreises. Es sei grundsätzlich der falsche Schritt gewesen, zu zentralisieren. Das habe mit zu Politikverdrossenheit und nachlassendem ehrenamtlichen Engagement geführt. Denn vor Ort würden durch Zentralisierung immer weniger politische, kulturelle und ökonomische Entscheidungen getroffen. Das sei ein nicht zu unterschätzender Grund für den Rückzug ins Private und nachlassendes Engagement.

Gleichzeitig habe es die negative Erzählung vom demografischen Wandel gegeben. Jahre- und jahrzehntelang habe man den Menschen in den Dörfern gesagt, dass ihre dörfliche Welt vor dem Zusammenbruch stehe, dass es immer weniger Kinder geben werde und auf Dauer viele alltägliche Aufgaben in den Dörfern nicht mehr bezahlt und aufrecht erhalten werden können.



Tatsächlich aber sei der demografische Wandel gar nicht eingetreten, sagte der Soziologe. „Warum bauen wir denn so viele Kindergärten? Warum werden denn so viele Schulen vergrößert“, fragte Haupert. Fakt sei, dass der demografische Wandel eine Theorie gewesen sei, die gar nicht eingetroffen sei. „Aber der Staat hat ihn als gegeben angesehen. Warum fehlen uns Tausende Lehrer und Ärzte? Weil man aufgrund des demografischen Wandels vorauseilend Studienplätze gestrichen hat“, so Haupert.

Nun gehe es darum, den Dörfern wieder mehr Identität zu geben. In Dörfern, wo man sich noch regelmäßig treffe, etwa im Verein oder der Kneipe, da passiere auch mehr. Da sei mehr Zusammenhalt, mehr Jugendarbeit und mehr dörfliche Gemeinschaft zu beobachten. Dabei spiele die Größe der Gemeinde keine Rolle, so Schenk. Es gebe positive und negative Beispiele in großen wie kleinen Gemeinden.

Entscheidungen müssten im Dorf belassen werden und auch mit der Dorfgemeinschaft zusammen getroffen werden, wenn diese Entscheidungen für die Gemeinschaftsbildung zentral sind.

Ebenso wichtig sei es, die Rolle Jugendlicher nicht zu unterschätzen. Im Konzept heißt es immer wieder, dass Jugendliche zu Dorfentwicklern qualifiziert werden müssten. „Also muss man die Jugend mehr einbinden?“, war dann eine Frage aus dem Gremium. „Nein“, sagte Schenk bestimmt. „Die sollen nicht ,mitmachen’ dürfen, sondern man muss jungen Leuten den Freiraum geben, ihre Ideen umzusetzen, und man muss sie dabei unterstützen. Die haben kein Interesse, irgendwo nur ein bisschen ,mitmachen’ zu dürfen. Lassen Sie die Jugendlichen ihre Ideen umsetzen!“, so der Tipp des Experten. Denn das führe auf lange Sicht zur Identifikationsbildung mit dem Dorf. So entstünden Gemeinschaften, Werte und ein gutes und aktives Dorfleben.

Jetzt soll diese Expertise im nächsten Jugendhilfeausschuss als Grundlage dienen, um zu überlegen, was man für die Jugend im Kreis entwickeln kann. Der Erste Kreisbeigeordnete Peter Spitzer erklärt dazu: „Wir arbeiten ja bereits mit dem Institut bei den Dorfraumpionieren in Wallhalben zusammen. Diese Expertise ist nur der erste Schritt.“ Weitergehen könnte es so: Der Ausschuss könnte eine vertiefende Zusammenarbeit für konkrete Teile einer Verbandsgemeinde beschließen. Dann würde man gemeinsam Projekte und Handlungsstrategien entwickeln. „Das Institut hat 2017 den Kinderschutzpreis 2017 Rheinland-Pfalz verliehen bekommen“, so Spitzer. Er sei überzeugt, dass eine Zusammenarbeit Sinn ergebe.

„Es ist eben die zentrale Frage in der Südwestpfalz, wie wir die Jugend mehr einbinden können. In der Expertise steht ja auch klipp und klar, dass die Jugendlichen mehr Handlungsfreiraum bekommen müssen.“ Bisher habe die Zusammenarbeit 2000 Euro gekostet. „Deshalb kann das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht in die Tiefe gehen“, so Spitzer. Man müsse bei solchen Projekten über einen Zeitraum von fünf bis sieben Jahren nachdenken. „So etwas entwickelt sich nicht von heute auf morgen.“