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Mutmaßlicher Babymord:
„Wenn es keine Liebe gibt, gibt es den Tod“

Das ist das Wohnhaus in Frankenthal, aus dessen zweiten Stock ein Mann im Mai 2016 sein erst zwei Monate altes Baby geworfen und es so getötet haben soll. Der 34-Jährige steht deshalb jetzt vor Gericht.
Das ist das Wohnhaus in Frankenthal, aus dessen zweiten Stock ein Mann im Mai 2016 sein erst zwei Monate altes Baby geworfen und es so getötet haben soll. Der 34-Jährige steht deshalb jetzt vor Gericht. FOTO: (freelens Pool) Klaus Bolte / dpa
Frankenthal. Ein Vater soll sein Baby absichtlich aus dem zweiten Stock geworfen und so ermordet haben. Unter bitteren Tränen schildert die Mutter des Kindes die schockierenden Ereignisse vor dem Landgericht Frankenthal. Zum zweiten Mal.

Zu Beginn des Prozesstages wirkt die Stimme der 22 Jahre alten Mutter noch fest. In dem großen Sitzungssaal des Landgerichts Frankenthal sitzt sie am vergangenen Mittwoch dem Mann gegenüber, der ihre zwei Monate alte Senna aus dem zweiten Stock eines Hauses geworfen und damit getötet haben soll. Er ist der Vater des toten Kindes. Und ihr früherer Lebensgefährte.

Der 34 Jahre alte Deutsche fixiert die kleine Frau mit einem stechenden Blick. Sie erzählt den Richtern von der fatalen Beziehung und der verhängnisvollen Tatnacht am 13. Mai 2016. Als Zeugin beschreibt sie den Mann als gewalttätig, eifersüchtig und unberechenbar. Regelmäßig habe er zugeschlagen. Immer wieder blaue Flecken, immer wieder Angst. „Es war die Hölle“, sagte sie und senkt dabei den Blick. Es ist besonders bitter, weil sie nun ein zweites Mal die Vorgänge rund um den Tod ihrer Tochter erzählen muss. Das erste Verfahren gegen den Vater war geplatzt, weil eine Richterin erkrankte.

Während der Angeklagte eifrig Notizen verfasst, erzählt die Mutter – sie tritt in dem Prozess als Nebenklägerin auf – konzentriert und ruhig, wie Gewalt und Misstrauen den gemeinsamen Alltag bestimmten. Selbst am Tag, als das Kind zur Welt kam, habe er sie brutal geschlagen. Ihn verlassen? Schwierig. Er habe gedroht, sich oder sie umzubringen. „Wenn es keine Liebe gibt, gibt es den Tod“, soll der Angeklagte ihr sinngemäß gesagt haben.



Kennengelernt hatte sie sich 2014 in einer Klinik, beide hatten Drogenprobleme. Damals sei er schon ein unreifer Mann gewesen. Geplagt von ständiger Angst, er könnte verlassen werden. Ein Mensch, der so viel Zuneigung einforderte, dass er selbst das gemeinsame Kind als Konkurrenz empfand. So beschreibt ihn die Frau, deren Stimme im Laufe des vergangenen Mittwochs brüchiger wird. Sie habe die Flucht mit dem Kind geplant, Eltern und Geschwister hätten sie ermutigt. Aber wenige Tage vor der geplanten Flucht kommt das Kind ums Leben. Als die Frau über diesen 13. Mai 2016 spricht, fließen bittere Tränen. Sie sei mit dem Angeklagten, seinen beiden Töchtern aus einer früheren Beziehung und dem Baby daheim gewesen. Ein Freund des Angeklagten kam zu Besuch, die Männer tranken und nahmen Drogen – weißes Pulver.

Grundlos habe er an dem Abend behauptet, seine Freundin betrüge ihn. Schließlich sei er in das Zimmer gegangen, in dem sie mit den Kindern schlief, habe ein Messer gegriffen und ihr in Rücken und Schulter gestochen. „Oh mein Gott, ich werde sterben“, sei es ihr in den Sinn gekommen. In Panik flüchtete sie aus dem Haus. Ein vom Lärm alarmierter Freund habe helfen wollen, auch ihm soll der Angeklagte Schnittwunden zugefügt haben. Als sie zur Wohnung zurückkehrt, seien schon Einsatzkräfte der Polizei und Ambulanzen da. Zuvor – so die Staatsanwaltschaft – habe der Angeklagte seine älteren Töchter als Druckmittel gegen die Polizei einsetzen wollen. Einer Tochter soll er zwei Mal in den Bauch gestochen haben. Die Polizei stürmt die Wohnung.

Schließlich – so erzählt es die Mutter am vergangenen Mittwoch – sieht sie ihr Baby in den Armen eines Polizisten. Das Kind stirbt an einem Schädel-Hirn-Trauma.

Das Gesicht des Angeklagten bleibt während der Ausführung ausdruckslos. Sein Anwalt Alexander Klein bearbeitet ohne sichtbare Emotionen die Tastatur seines Computers. Nur das Klicken ist zu hören, wenn es der Mutter kurz die Sprache verschlägt. Zu Beginn des erneut gestarteten Prozesses im Dezember zweifelte Klein die Glaubwürdigkeit der Mutter an. Ihre Aussagen seien von Rachegelüsten und glühendem Belastungseifer getragen.

Damals las der Anwalt eine Erklärung seines Klienten vor. Demnach räumte er ein, er habe seine Tochter mit eigenen Händen umgebracht und die andere verletzt. Er verzweifle an seiner Schuld gegenüber Frau und Töchtern. Die neue Verhandlung sei auch für ihn eine „enorme Belastung“.

(dpa)