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Handarbeit in der Steillage
Weinlese in Rheinland-Pfalz kommt gut voran

Bei Temperaturen von dreißig Grad schneidet eine Erntehelferin gestern rote Trauben von den Rebstöcken an einer Steillage in Nierstein.
Bei Temperaturen von dreißig Grad schneidet eine Erntehelferin gestern rote Trauben von den Rebstöcken an einer Steillage in Nierstein. FOTO: dpa / Boris Roessler
Nierstein. Tief unten fließt der Rhein. Im Weinberg am Hang schwitzen die polnischen Saisonarbeiter. Und im Keller kommt schon der erste 2018er Spätburgunder ins Holzfass. Ob die viele Arbeit auch am Markt honoriert wird, entscheiden Handel und Verbraucher.

Mit einem leisen Plopp fallen die Trauben in den Eimer. Nach zwei Minuten ist er voll und drei Reben sind von ihren Früchten befreit. Viele Hände reichen die vollen Eimer quer durch die Weinbergsreihen zum großen Behälter. Dann kommt der leere Eimer wieder zurück. Erntehelferin Paulina wischt sich den Schweiß von der Stirn und lacht. Dann setzt sie die Schere wieder an, die blonden Zöpfe hüpfen auf den Schultern. Seit halb acht Uhr ist sie mit ihrer Gruppe von polnischen Saisonarbeitern in den Weinbergen des Niersteiner Weinguts St. Antony im Einsatz, erst im Roten Hang, jetzt im Hipping, hoch über dem Rhein.

So wie in Rheinhessen, dem größten deutschen Weinanbaugebiet, sieht es zurzeit überall aus, wo der 2018er gelesen wird: An Steilhängen ist Weinlese Handarbeit, auf flacheren Rebflächen wird der Traubenvollernter eingesetzt. Der in der Kelter abgepresste Most wird mit dem Zusatz von Hefe in offenen Gärgefäßen alkoholisch vergoren. Dazu reichen meist zehn bis 14 Tage, vor allem bei Rotwein.

Etwa ein Drittel der Trauben in den Weinbergen von St. Antony sind bislang gelesen. In einigen Anbaugebieten wie der Pfalz oder Baden ist sogar schon mehr als die Hälfte der Trauben eingebracht. In anderen Gebieten wie Rheingau, Mittelrhein und Mosel werde das noch etwas dauern, sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut. Aber auch dort würden in diesen Tagen die ersten Riesling-Trauben gelesen.



„Die Eimer sind nicht so schwer“, sagt Bartek Ciezadlik, der die Gruppe von 27 Arbeitern leitet. „Aber wir spüren die steile Lage in den Beinen.“ Bis zu 62 Prozent Steigung haben die Weinberge von St. Antony. Die Lese begann hier vor drei Wochen. Die Arbeiter bleiben bis zum Abschluss in etwa vier Wochen. Unterkunft und Verpflegung seien gut, sagt Ilona. Auch der Lohn sei in Ordnung; die Arbeiter werden zum Mindestlohn beschäftigt. Und das Weingut ist dankbar, dass die Regelung verlängert wurde, Saisonarbeiter auch weiterhin bis zu 70 Tage lang ohne Sozialabgaben beschäftigen zu können.

Während draußen die Trauben von den Reben genommen werden, reift im Keller schon der Spätburgunder-Wein des neuen Jahrgangs. Er wurde erst am Dienstag abgefüllt in Barriques, kleine Eichenholzfässer, die jeweils 225 Liter fassen. „Die Trauben wurden vor zwei Wochen gelesen“, erklärt der technische Betriebsleiter des Weinguts, Sebastian Strub. „Die alkoholische Gärung ist beendet, jetzt beginnt die Reife im Fass.“ Da der 2018er nach dem warmen Sommer und großer Trockenheit einen kräftigen und farbintensiven Rotwein mit ausgeprägtem Gerbstoffcharakter verspreche, sei er zum größten Teil in ältere Fässer gelegt worden – diese geben weniger Holzaroma ab als neue Fässer.

St. Antony ist Mitglied im Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), produziert auch die als „Große Gewächse“ bezeichneten Spitzenweine. Aber das Weingut ist geerdet geblieben. „Wir sind Bauern, das ist unser Selbstverständnis“, sagt Geschäftsführer Dirk Würtz. „Wir schauen uns die Trauben an, wir kosten sie, ernten und entscheiden dann, in welches Fass oder in welchen Tank sie kommen. Wein machen hat ganz viel mit Gefühl zu tun.“

Bei der Vermarktung der Weine müssen Gefühle außen vor bleiben. „Das Weingeschäft sieht nur von außen romantisch aus“, sagt Würtz, der bislang bei einem Weingut in Eltville war und erst vor kurzem die Geschäftsführung bei St. Antony übernommen hat. „Das ist ein knüppelhartes Business.“ Im Wettbewerb mit der oft preisgünstigeren Konkurrenz aus dem Ausland sei es unerlässlich, sich an den Bedürfnissen des Marktes zu orientieren. „Aber es ist auch schön, wenn der Markt honoriert, dass wir etwas Besonderes zu bieten haben“, sagt Würtz mit Blick auf den Roten Hang und seinem besonderen eisenhaltigen Boden, der den Weinen laut Strub „Fülle, Kraft und eine besondere Aromatik mit einem Hauch von Pfeffer“ verleiht.

„Es fehlt bislang an Wertschätzung, dass es den besonderen Wein auch in Deutschland gibt“, bemängelt Würtz. Zwar habe es der VDP geschafft, die eigene Marke mit dem Adler bei den Entscheidungsträgern im Handel bekannt zu machen. Aber „es dauert vielleicht noch eine Generation, bis das im Bewusstsein der Verbraucher angekommen ist.“