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Weinbauministerium
Weinberge sind kein Ballermann

Entspannt ein Gläschen Wein genießen und dabei etwas lernen. Das ist der Sinn der Weinbergsfahrten. Das Angebot wird aber offenbar zunehmend von trinkfreudigen Zeitgenossen missbraucht.
Entspannt ein Gläschen Wein genießen und dabei etwas lernen. Das ist der Sinn der Weinbergsfahrten. Das Angebot wird aber offenbar zunehmend von trinkfreudigen Zeitgenossen missbraucht. FOTO: dpa / Deutsches Weininstitut
Mainz/Nierstein. Weinbergsfahrten müssen informativ sein und das Brauchtum pflegen. In Abstimmung mit dem Winzerverband hat das rheinland-pfälzische Weinbauministerium die Fahrten jetzt ganz neu geregelt.

Auf dem Hänger oder in der Kutsche durch den Weinberg fahren und dabei ein Gläschen trinken – dieser Brauch hat so viel Anklang gefunden, dass in Rheinhessen bereits von „Ballermannfahrten“ die Rede war. Mit einem Erlass versucht das Verkehrs- und Weinbauministerium in Mainz, Auswüchsen vorzubeugen.

Eigentlich untersagt die Straßenverkehrsordnung, Menschen auf der Ladefläche von Anhängern zu befördern. Der Erlass erlaubt aber Ausnahmen bei „örtlichen Brauchtumsveranstaltungen“ und schließt ausdrücklich auch Weinbergsfahrten mit ein – nicht aber „Fahrten, die unter rein touristischen Gesichtspunkten durchgeführt werden oder bei denen die Einkommenserzielung bzw. ein gewerblicher Erwerbszweck im Vordergrund stehen“. Nicht mitnehmen dürfen die Winzer „Fahrgäste, die bereits vor Beginn einer Fahrt erkennbar stark alkoholisiert sind“.

„Weinbergsfahrten sind eine Möglichkeit, um den Weinberg auf authentische Weise zu erleben“, sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut in Bodenheim bei Mainz. Auch internationale Gäste könnten so die Weine dort verkosten, wo sie wachsen.



Das die Teilnehmer solcher Fahrten vor allem etwas lernen sollen, wird denn auch in dem Erlass besonders festgehalten: „Mit diesen Fahrten muss ... beabsichtigt sein, interessierte Personen über landwirtschaftliche Produktionsweisen bzw. den Weinbau zu informieren.“

Die Familie des Winzers Andreas Frank im Niersteiner Ortsteil Schwabsburg organisiert jährlich etwa 20 Fahrten mit „Weck, Worscht und Woi“. Hoch über dem Rhein geht es mit Traktor und Planwagen durch die Weinberge, bei einer Fahrt sind etwa 12 bis 14 Menschen dabei. „Wir machen das nur für Bestandskunden und ihre Familien und Freunde“, erklärt Frank. „Das ist für uns ein Mittel zur Pflege langfristiger Kundenbeziehungen.“

Der Winzer nimmt für die Fahrten keine Junggesellenabschiede an und räumt ein, dass die rein touristischen Fahrten in der Region zuletzt überhand genommen hätten. Im Juli klagte ein Gastwirt in Nierstein über aggressives Verhalten angetrunkener Gäste und schrieb auf Facebook: „Viele sind darunter, die nicht aus der Region kommen und die Folgen von erhöhtem Alkoholkonsum scheinbar nicht abschätzen können.“

Mit dem Erlass rufe das Verkehrsministerium die vorhandenen bundesgesetzlichen Regelungen für Fahrten zur Brauchtumspflege in Erinnerung, sagte eine Sprecherin. Mit Handlungsempfehlungen unterstütze das Ministerium die Winzer. Zu den wichtigsten Regelungen gehört, dass die Weinbergsfahrten grundsätzlich am Weingut beginnen und dort auch enden müssen.

Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd sieht in der jetzt veröffentlichten Fassung eine deutliche Entschärfung des ursprünglichen Erlasses vom Juli 2018. „Die erste Version hätte für massive Einschränkungen und zu einem unverhältnismäßigen Bürokratieaufwand für die Betriebe geführt, wodurch die Zukunft der Weinbergsrundfahren gefährdet gewesen wäre“, erklärte der Verband. Vor allem in Rheinhessen hatten die ursprünglichen Vorgaben zu großen Unmutsbekundungen geführt. Nun sei sichergestellt, dass es weiter Weinbergsrundfahrten geben könne.