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Zahlreiche Zeugnisse auf Felsen im Pfälzerwald
Volkskundler: Hakenkreuz Glaubenssymbol früher Protestanten

Speyer/Mainz. Alexander Lang

Hakenkreuz-Symbole auf pfälzischen Felsbildern sind nach Ansicht des Mainzer Volkskundlers Helmut Seebach christlichen Ursprungs. In der frühen Reformationszeit hätten protestantische Glaubensflüchtlinge aus dem Schweizer, italienischen und französischen Alpenraum auch Zuflucht in den unwegsamen Regionen des Pfälzerwaldes und des Elsass‘ gesucht, sagte Seebach in Speyer. Dort hätten sie zwischen 1600 und 1800 auf vielen Felsen Inschriften, Zeichen, Symbole auch mit Jahreszahlen hinterlassen. Auffallend seien dabei die zahlreichen, verschiedenen Kreuzesformen, darunter auch das Hakenkreuz (Swastika).

In einem vierten und abschließenden Band zu einer bereits vorliegenden volkskundlichen Trilogie über den Einfluss der Schweizer Reformation auf ganz Europa geht Seebach nun auch auf die christliche Symbolik auf Felsbildern und in Höhlen des pfälzischen Sandsteingebirges ein. Diese hätten protestantischen Migranten auf der Flucht vor der katholischen Gegenreformation als Versammlungs- und Kultorte gedient, sagt der Volkskundler.

„Das Hakenkreuz ist eine der vielfältigen, verehrungswürdigen Kreuzesformen, die den Reformierten bekannt und in ihrer religiös-christlich konnotierten Bildersprache in Gebrauch war“, berichtet Seebach. NS-Kulturideologen hätten das Hakenkreuzsymbol hingegen neu und falsch als germanischen Ursprungs gedeutet. Dies sei eine Fehlinterpretation, die bis zum heutigen Tag in der Bevölkerung weit verbreitet sei.



Die Nationalsozialisten hätten sich christlicher Zeichen und Symbole bedient, ohne dies zu wissen, sagte Seebach. Sie hätten die angeblich sinnentleerten Zeichen semantisch völlig neu belegt. Diese Neu- und Missdeutung sei nur deshalb möglich gewesen, weil auch Kirchenvertreter diese Symbole nicht mehr gekannt hätten, argumentiert der Mainzer Volkskundler.

Nur wenige Zeichen aus dem pietistischen Bilderrepertoire seien heute noch als christliche Symbole bekannt, darunter das Andreaskreuz, die Taube, das Lamm, der Fisch und das Schiff.

Symbole auf Felsen sowie auf Fachwerk- und Bauernhäusern in den Alpen, in den Vogesen, in der Pfalz, im Schwarzwald und in Skandinavien gehören Seebach zufolge zu einer vergessenen und bisher nicht entschlüsselten protestantisch-pietistischen Bildersprache. Diese habe sich von den Alpen bis nach Skandinavien verbreitet und sei zum Ausgangspunkt der regionalen und nationalen Volkskunst vieler europäischer Länder sowie in Pennsylvania in den USA geworden wohin viele damals auswanderten.

Als Nachweis für seine These von einem europäischen Kulturtransfer von Süden nach Norden führt Seebach ähnliche Traditionen in Handwerk, Landwirtschaft, Hausbau, Religion, Sprache, Kleidung und Esskultur in den jeweiligen Ländern an. Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) habe die transnationale Kulturströmung zwischenzeitlich unterbrochen, die ab 1650 umso stärker erneut eingesetzt habe.