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Kosten: 17,2 Millionen Euro
Das Sorgenkind verschwindet

Ein Teil der Brücke (Bild) ist fertiggestellt. Die Sperrung der Schiersteiner Brücke in Mainz schädigte die Wirtschaft mit 470 000 Euro – am Tag.
Ein Teil der Brücke (Bild) ist fertiggestellt. Die Sperrung der Schiersteiner Brücke in Mainz schädigte die Wirtschaft mit 470 000 Euro – am Tag. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Mainz. Auf der einen Seite quält sich der Verkehr über den schon fertigen neuen Teil der Schiersteiner Brücke, nebendran wird ein alter, maroder Teil abgerissen.

Es dröhnt gewaltig an der Schiersteiner Brücke. Auf dem maroden, beschädigten „Herzstück Ost“ der wichtigen Rhein-Querung zwischen Mainz und Wiesbaden knabbern Bagger Geländer ab, ein paar Meter tiefer karren Radlader tonnenweise Sand herbei. Dieser soll Fahrbahnen für Auffahrten schützen, während oben nach und nach abgerissen wird. Es wird dem Element der Schiersteiner Brücke zu Leibe gerückt, das im Februar 2015 all die Probleme auslöste, das nach einem Bauunfall absackte, die wochenlange Vollsperrung auslöste und Autofahrer sowie Unternehmer in der Region viele Nerven kostete.

„Der Abbruch ist eine ganz besondere Herausforderung“, sagt Bernhard Knoop, Leiter des Landesbetriebs Mobilität Rheinland-Pfalz in Worms. Man wisse nie ganz genau, wie ein solch geschädigtes Teil mit seinen Rissen reagiere. „Ein geschädigtes Bauteil verhält sich beim Abbruch anders als ein gesundes. Man muss ganz vorsichtig vorgehen.“

Rund um die Uhr wird in diesen Tagen am Herzstück Ost aus den 1960er Jahren gearbeitet. Der Großteil der Stahl-Hilfsstützen, die nach dem Bauunfall 2015 für Stabilität an dem 109 Meter langen Brückenelement auf rheinland-pfälzischer Seite sorgten, ist schon verschwunden. Nun wird wie folgt vorgegangen: Auf der Brücke, wo einst Autos rauschten, arbeitet sich ein Bagger durch die oberste Betondecke, später durch die untere Decke unter dem Hohlraum im Inneren des Elements.



Es gebe permanent eine Sprechverbindung zum Bagger, erklärt Knoop. Alles werde beobachtet, ob er auf sicherem Grund stehe, ob er ein bisschen vor und zurück müsse. „Es ist schon ein Aufwand“, sagt der Experte. Einige Brückenteile würden später mit einem Kran abgehoben, teilweise würden bis zu 80 Tonnen gewuchtet.

17,2 Millionen Euro kosten Abbruch und der 4000 Quadratmeter große Neubau des Herzstücks inklusive der Zufahrten, das zahlt der Bund. Bis 2020 soll alles fertig und befahrbar sein. Los ging es am Mittwochabend, bis Montagmorgen müssen wegen der Arbeiten Zu- und Abfahrten in Mainz gesperrt werden. Eigentlich sollten diese Sperrungen an zwei Wochenenden sein, um Berufs- und Lieferverkehr an dem Nadelöhr so wenig wie möglich zu stören. Eine Unterbrechung der Arbeiten sei aber zu gefährlich gewesen, sagt Knoop. Daher habe man sich nun für den einen längeren Zeitraum entschieden.

„Solche Zeiten sind immer schwierig für Autofahrer“, sagt der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD). Er selbst kommt aus Kamp-Bornhofen im Rhein-Lahn-Kreis und fährt nach eigenen Angaben jeden Tag selbst über die Schiersteiner Brücke. Auch er erinnert sich noch gut an 2015, damals war er als Verkehrsminister dafür zuständig. „Das war eine aufregende Zeit.“

Kurz vor dem Start des Abrisses am Mittwoch war der Bauunfall von 2015 noch einmal in den Fokus gerückt. Der LBM veröffentlichte ein Abschlussgutachten. Das kam grob gesagt zwar zu dem Schluss, dass die damals beauftragte Baufirma bei Bohrungen den Schaden verursacht hat. Das sei dem Experten zufolge aber nicht vorsätzlich oder fahrlässig geschehen, erläutert Bernd Winkler am Fuß des Herzstücks. Er ist Geschäftsbereichsleiter Planung und Bau beim LBM. „Die Firma konnte nicht wissen, dass das passiert.“

Der Baugrund habe sich als sehr knifflig herausgestellt, erklärt Winkler - einerseits mit harten Kalksteinbänken und andererseits mit losem Material. „Das zu bohren ist schwer.“ Der LBM verzichtet darauf, Schadenersatz von der Baufirma zu verlangen. Auf den entstandenen Kosten in Höhe von immerhin rund acht Millionen Euro bleibt der Bund sitzen.

Derweil schaut die Wirtschaft in der Region sehr genau auf das, was an der Schiersteiner Brücke passiert, noch zu gegenwärtig ist der 2015 durch die Vollsperrung so manchem Unternehmen entstandene Schaden. Brücken seien „wichtige Schlagadern der Region“, sagt ein Sprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK) Wiesbaden. Auf der Schiersteiner Brücke bremsten immer wieder lange Staus aus. Das in Kombination mit drohenden Fahrverboten in Städten bereite Sorgen.

Ähnlich sieht das die IHK Rheinhessen. Sie verweist auf Schätzungen von 2015, wonach die Sperrung der Schiersteiner Brücke damals einen Schaden für die Wirtschaft von etwa 470 000 Euro pro Tag verursacht habe. Darin seien noch nicht indirekte Kosten wie Schäden durch zu spät erledigte Aufträge, Kosten für zusätzliches Fahrpersonal oder Umsatzverluste im Einzelhandel berücksichtigt.

„Setzt man die damalige Schadenssumme ins Verhältnis zu den Baukosten für die neue Schiersteiner Brücke, wird deren Nutzen besonders deutlich“, betont Hauptgeschäftsführer Günter Jertz. „Wenn es an dieser Stelle noch keine Brücke gäbe, hätte sich der Neubau nach nur acht Monaten gesamtwirtschaftlich amortisiert.“