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Totschlagsprozess in Saarbrücken
Staatsanwalt fordert sechseinhalb Jahre Haft

Saarbrücken. Ein 16-Jähriger wird bewusstlos geschlagen und die Saar geworfen. Eine halbe Stunde später wird er geborgen, acht Stunden später ist er tot. Vor Gericht steht ein 18-Jähriger. Er schweigt bis zum Schluss.

Im Totschlagsprozess vor dem Saarbrücker Landgericht hat die Staatsanwaltschaft gestern sechseinhalb Jahre Jugendhaft für den 18-jährigen Angeklagten gefordert. Der Deutsche soll Ende April in Saarbrücken einen 16-Jährigen bewusstlos geschlagen und in die Saar geworfen haben. Das Opfer pakistanischer Herkunft war acht Stunden später an Sauerstoffmangel im Gehirn gestorben. Der Verteidiger wertete die Tat als Körperverletzung mit Todesfolge und forderte eine Bewährungsstrafe.

Oberstaatsanwalt Stephan Wern sah es durch Gutachten und Zeugenaussagen als erwiesen an, dass der Angeklagte den Jungen nach den Schlägen über den Boden geschleift und dann bewusstlos ins Wasser geworfen hatte. Das Opfer sei völlig bewegungslos und hilflos gewesen, eine Affektlage und ein minderschwerer Fall des Totschlags seien nicht gegeben, sagte er.

Zuvor soll es zwischen mehreren Jugendlichen Streit um Haschisch gegeben haben. Der 16-Jährige jedoch sei daran nicht beteiligt gewesen, er habe versucht, zu beschwichtigen. Der Junge war sofort untergegangen, nachdem er in die Saar geworden wurde, und konnte erst eine halbe Stunde später aus dem Wasser geborgen werden.



Verteidiger Christian Kessler berichtete in seinem Plädoyer von eigenen Jugenderlebnissen und davon, wie es sei, „abgezogen“ zu werden. Ähnliches sei in diesem Fall passiert. „Man muss das Unanständige tun, über den Toten schlecht zu reden. Die Ausgangslage war ein geplanter Raub“, sagte er. Mit Notwehr habe das Vorgehen zwar nichts zu tun, doch müsse man hier das „Momentversagen“ des Angeklagten in dieser Situation bewerten.

Auch der Verteidiger ging davon aus, dass der 16-Jährige ohnmächtig war, als er ins Wasser geworfen wurde. „Aber Sie können nicht davon ausgehen, dass dies erkennbar war“, sagte er. Dass sein Mandant den Jungen ins Wasser gezerrt habe, sei kein Totschlag, sondern, was den Tod betreffe, „reine Fahrlässigkeit“.

Ein emotionales Plädoyer hielt der Anwalt der Mutter des Opfers, Khubaib-Ali Mohammed, der auch schon Opfer in den Prozessen um den Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz, um die NSU-Morde und das Loveparade-Unglück vertreten hat. Bei der Zumessung der Strafe müsse auch das Leid, das angerichtet wurde, mit berücksichtigt werden. „Hier ging es nur darum, was am Saarufer passierte. Alles, was danach kam und kommen wird, war mit keiner Silbe Gegenstand“, sagt er. Er kritisierte, dass sich die Mutter des Angeklagten hinter ihrem Zeugnisverweigerungsrecht versteckt habe und keinerlei Reue erkennbar gewesen sei, weder bei ihr noch bei dem Täter.

Mit Blick auf den Angeklagten berichtete der Anwalt, dass vor zwei Jahren schon der Vater des 16-Jährigen gestorben sei. „Meiner Mandantin wurde der Mann weggerissen, Sie aber haben ihr das Herz ausgerissen“, sagte er zum 18-Jährigen. Wegen einer „besonderen Dimension von unkontrollierter Jugendgewalt“ forderte er ein Strafmaß, das deutlich überm Antrag der Staatsanwaltschaft liegen müsse.

Der Angeklagte selbst äußerte sich nicht. „Er sieht sich außerstande“, teilte sein Verteidiger mit. Ein Urteil soll morgen verkündet werden.

(dpa)