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Kritik an Neunkircher Zoo
„Solch ein schlimmer Anblick im Zoo“

Ein aktuelles Foto der Pavian-Anlage im Neunkircher Zoo. Sie ist zwar karg, aber laut Zoodirektor werden die Tiere dort artgerecht gehalten.
Ein aktuelles Foto der Pavian-Anlage im Neunkircher Zoo. Sie ist zwar karg, aber laut Zoodirektor werden die Tiere dort artgerecht gehalten. FOTO: Jörg Jacobi
Neunkirchen. Ein kritischer Facebook-Beitrag über die Pavianhaltung im Neunkircher Zoo stößt auf enorm viel Resonanz.  Von Marc Prams

Der Neunkircher Zoo ist ein beliebtes Ausflugsziel, das vor allem an Sonn- und Feiertagen viele Besucher anlockt. So war es auch am Ostermontag. Und wie an jedem anderen Tag, führte für viele der Weg gleich zu Beginn zum Gehege der Paviane. So auch für eine Besucherin (Name der Redaktion bekannt), die ihre negativen Eindrücke, die sie von der Haltung der Paviane hatte, dem Verein Tierbefreiungsoffensive-Saar (Tibos) schickte. Samt Fotos, die sie an dem Tag gemacht hat. Tibos wiederum veröffentlichte diesen Bericht auf Facebook und stach damit offenbar in ein Wespennest. Mehr als 3500 Mal wurde der Artikel binnen weniger Stunden geteilt, über 400 Kommentare gab es dazu. Die meisten gehen in die gleiche Richtung, wie die Ansicht der Besucherin, die unter anderem schreibt: „Es tut mir in der Seele weh, wenn ich diese große Anzahl an Tieren sehe, die keinerlei Spielzeug oder Beschäftigung haben, so wie ich das aus anderen Zoos kenne.“

Der Anblick der Paviane sei für sie grausam gewesen, heißt es weiter. Viele der Tiere hätten kahle Stellen im Fell, „wie bei einer Erkrankung“, sehr viele hätten auch Bisswunden sowie offene, blutige Stellen am Körper. „Das Gehege war sehr ungepflegt und roch erbärmlich. Die Tiere haben Durchfall und sind komplett mit Kot verschmiert“, schildert die Besucherin weiter. Am schlimmsten jedoch sei für sie der Zustand einiger Babys. „Diese haben verkrüppelte Beinchen oder Arme, die sie hinter sich her ziehen“ und könnten nicht richtig laufen oder springen. „Ich musste echt weinen. Solch ein schlimmer Anblick im Zoo. Alle Leute waren schockiert, und jeder hat darüber geredet. Man kann die Tiere doch nicht so da sitzen lassen. Da muss was passieren“, findet die Dame. Vonseiten des Zoopersonals sei ihr geraten worden, sich mit ihrem Anliegen an die Zooleitung zu wenden. Und die spricht in Person von Zoodirektor Norbert Fritsch von einer Hetzkampagne der Tierbefreiungsoffensive-Saar, der man ausgesetzt sei. „Davor können wir uns leider nicht schützen. Die sind gegen Zoos – und fertig. Dort ist auch niemand an einem Austausch interessiert“, meint Fritsch. Dass in einer Gruppe von 100 Pavianen auch kranke Tiere oder welche, die weniger gut aussehen dabei seien, sei völlig normal. „Was die Haltung angeht, muss man wissen, dass sie in der Natur in Gruppen bis zu 300 Tieren leben, auf Felsen, in kargen Landschaften. Da sind die Strukturen nicht anders als bei uns. Auch dort gibt es keine grünen Wiesen, auf denen sie toben“, sagt der Zoodirektor, der aber einräumt, dass man dabei sei, den Bestand der Paviane zu reduzieren. Dass ein Foto eines kranken Tieres Emotionen auslöse, dafür habe er Verständnis, sagt Fritsch, nicht aber dafür, dass man deshalb den ganzen Zoo kritisiere. „Solche Fotos verzerren die Realität. Jeder kann sich jeden Tag selbst ein Bild von unserem Zoo machen. Wir behaupten nicht, dass alles perfekt ist. Wenn wir Defizite erkennen, versuchen wir, diese zu beseitigen.“

Zoosprecher Christian Andres fügt hinzu, dass ein Foto, das auf Facebook viele Reaktionen hervorrief, einen etwa 30 Jahren alten Affen zeige. „Das Tier hat zwar kaum noch Haare, was optisch erschreckend wirkt, ist aber noch immer in die Gruppe integriert. Es besteht kein Grund, dieses Tier einzuschläfern.“ Das hinkende „Baby“ sei ein Jungtier von zwei Jahren mit einer Versteifung der hinteren Gliedmaße. Auch hier sei es so, dass das auf Besucher seltsam wirke, das Tier aber voll integriert sei und ständig unter Beobachtung stehe. Zu den Bisswunden meint Andres, dass Paviane nicht zimperlich seien und sich bei Rangstreitigkeiten öfter mal Wunden zufügen würden. Diese müsse man aber nicht immer behandeln. Ein Tier aus der Gruppe zu entfernen, um es zu behandeln, und dann wieder zu integrieren, sei außerdem sehr schwierig.



Frank Albrecht, Zookritiker und Autor aus Baden-Württemberg, sieht die Haltung der Paviane in Neunkirchen problematisch. Die Anlage sei für die Anzahl der Tiere viel zu klein. Und das verursache in einer Pavian-Gruppe, in der es häufig zu Aggressionen komme, enorm viel Stress, „weil die Tiere dann einfach keine Ausweichmöglichkeiten haben“. Dieser Stress führe zu Krankheiten, was wiederum die Ursache für den Fellverlust sein könnte. „Aber der Zoo wird sicher wissen, was die Ursache ist und etwas unternehmen. Klar ist aber: So dürfen die Tiere nicht aussehen. Das gilt auch für die angeknabberten Schwänze“, so Albrecht.

Der Neunkircher Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende des Zoos, Jörg Aumann, erklärt, dass die Tiere regelmäßig von der Tierärztin und auch vom Veterinäramt kontrolliert würden. „Bisher gab es keine Beschwerden“, sagt Aumann. „Wie bei uns im Zoo gibt es auch in freier Wildbahn alte und kranke Tiere. Während die aber in freier Wildbahn von Jägern gefressen werden, kümmert sich bei uns die Tierärztin darum, sobald sie sieht, dass es einem Tier schlecht geht.“ Man müsse nicht über jedes Stöckchen springen, das einem Fanatiker hinhalten, meint Aumann, der damit auf die Tierbefreiungsoffensive-Saar anspielt.

Rolf Borkenhagen von der Tibos will den Vorwurf, man sei nicht am Dialog interessiert, nicht stehen lasse. Zwar sei der 1985 gegründete Verein gegen jede Art der Ausbeutung von Tieren, aber er sei jederzeit bereit, sich an einer Diskussionsrunde zum Neunkircher Zoo zu beteiligen.

Ein Anblick, der Mitleid auslöst, aber laut Zoosprecher ist der Haarausfall in Anbetracht des Alters (30) des Affen nicht unüblich.
Ein Anblick, der Mitleid auslöst, aber laut Zoosprecher ist der Haarausfall in Anbetracht des Alters (30) des Affen nicht unüblich. FOTO: Marc Prams
Bisswunden seien unter Pavianen üblich, hieß es im Zoo.
Bisswunden seien unter Pavianen üblich, hieß es im Zoo. FOTO: Marc Prams