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Kriminalität
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 In den dunklen Teilen des Internets werden immer wieder Straftaten begangen – sogenannte Cyberkriminalität. Eine Zentralstelle in Koblenz arbeitet daran, diese aufzudecken.
In den dunklen Teilen des Internets werden immer wieder Straftaten begangen – sogenannte Cyberkriminalität. Eine Zentralstelle in Koblenz arbeitet daran, diese aufzudecken. FOTO: dpa / Silas Stein
Koblenz. Seit fünf Jahren besteht die Zentralstelle für Cybercrime in Koblenz. Immer wieder gelingen den Experten bedeutende Schläge gegen Internetkriminalität. Der Traben-Trarbacher Cyberbunker ist nur ein Fall von vielen. Von Bernd Wientjes

Denkt man an Ermittler in Sachen Internetkriminalität, dann stellt man sich womöglich baumwollhemdentragende, ständig rauchende Männer vor, die mit der Kaffeetasse in der Hand vor Bildschirmen sitzen und ständig etwas in die Tastatur eintippen. Oder man erwartet ein großes Büro, in dem riesige Monitore hängen, auf denen verschlüsselte Daten und illegale Internetseiten zu sehen sind.

Von all dem ist in der Zentralstelle für Cyberkriminalität bei der Generalstaatsanwaltschaft in Koblenz nichts zu sehen. Keine kettenrauchenden Freaks, kein Großraumbüro mit piepsenden und blinkenden Bildschirmen. Auf dem Schreibtisch des Leiters der seit vier Jahren bestehenden Zentralstelle, Jörg Angerer, stehen neben dem Computerbildschirm Familienfotos und es liegen die für Verwaltungen üblichen Laufmappen mit Akten drin. Und verraucht ist Angerers Büro, von dem er Richtung Koblenzer Schloss blicken kann, erst recht nicht. Die Zentralstelle koordiniert die Ermittlungen bei größeren, umfangreichen Fällen von Internetkriminalität,  wie etwa der des Traben-Trarbacher Cyberbunkers. Die Zentralstelle ist nicht auf Ermittlungen in Rheinland-Pfalz beschränkt. Internetkriminalität kennt keine Landesgrenzen und auch keine Ländergrenzen.

Auf Angerers Schreibtisch landen nicht die fast schon alltäglichen Betrugsfälle, bei denen Kriminelle etwa durch gefälschte Mails an Kontodaten von Opfern zu kommen. Darum, so sagt der Oberstaatsanwalt, kümmerten sich dann die Cybercrime-Experten in den jeweiligen Staatsanwaltschaften. Immer dann, wenn die Polizei die Vermutung hat, dass bei Internetkriminalität eine Bande oder organisierte Kriminalität dahintersteckt, dann landet der Fall bei Angerer oder einem seiner drei Kollegen auf dem Schreibtisch. Auf der Internetseite der Zentralstelle heißt es, dass zu deren Ermittlungsaufgaben „Verfahren mit besonderer Öffentlichkeitswirkung“ und „Verfahren, durch die technisches oder ermittlungstaktisches Neuland betreten wird“, gehörten.



Solches Neuland haben die Cybercrime-Ermittler mit dem ersten Fall betreten. Im Frühjahr 2016 wurde ein 22-Jähriger aus der Nähe von Mayen nach über zweijährigen Ermittlungen festgenommen. Der Mann soll in mehr als 4000 Fällen eine von ihm selbst programmierte Software verkauft haben, die Schadsoftware derart verschlüsseln konnte, dass sie von Antivirensoftware nicht entdeckt wurde. Diese Software hat er an Kunden in aller Welt verkauft.

Cybercrime, sagt Angerer, sei klassische Holkriminalität. Darunter verstehen Ermittler Delikte, die erst durch entsprechende Ermittlungen bekannt werden. Wie etwa Rauschgiftkriminalität oder Schwarzfahren. Kunden von illegalen Internetseiten, die dort womöglich Drogen oder Waffen kaufen, erstatten wohl kaum selbst Anzeige. Oftmals kommen die Ermittler durch verdeckte Maßnahmen den Internetkriminellen auf die Spur. So hat sich vor zwei Jahren eine Polizistin in einem Jugendforum im Internet als Minderjährige ausgegeben. Innerhalb
kurzer Zeit hatte sie so Kontakt zu älteren Männern, die ihr eindeutige Angebote gemacht haben. Auf diese Weise kamen die Ermittler Pädophilen auf die Spur.

Auch im Fall des Cyberbunkers in Traben-Trarbach führten verdeckte Ermittlungen im Internet auf die Spur der mutmaßlichen Täter. Die Fahnder loggten sich in den Netzknoten des illegalen Rechenzentrums im ehemaligen Bundeswehrbunker ein und überwachten so heimlich den kompletten darüberlaufenden Datenverkehr. Als dann klar war, dass ausschließlich illegale Seiten und kriminelle Machenschaften über die tief in der Erde stehenden Server gehostet wurden, schlugen die Ermittler dann Ende September zu und nahmen sieben Hauptverdächtige fest. Zeitweise habe die eigens gegründete Ermittlungsgruppe bis zu 20 Mitglieder gehabt, fast alles Experten des Landeskriminalamtes, sagt Angerer. Mindestens einmal im Monat habe man sich getroffen und den Stand der Ermittlungen ausgetauscht und weitere Maßnahmen abgesprochen.

Und immer wieder gelang es den Fahndern, über den Cyberbunker laufende illegale Seiten vom Netz zu nehmen. Wie etwa im Juli die Schwarzmarkt-Seite Fraudsters. Dort wurden Drogen, illegal erlangte Daten, gefälschte Urkunden und Arzneimittel gehandelt. Als die Koblenzer Generalstaatsanwaltschaft den Ermittlungserfolg öffentlich machte, liefen parallel die Maßnahmen gegen die Cyberbunker-Betreiber weiter.