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Bildungspolitik
Realschule plus im Kreuzfeuer der Eltern-Kritik

Trier. In einem Brandbrief ans Ministerium ist von einem „Desaster auf allen Ebenen“ die Rede. Die Zahl der Schüler geht zurück. Ist die seit zehn Jahren bestehende Schulform gescheitert?

Eltern üben massive Kritik an der Realschule plus. Die vor zehn Jahren erfolgte Zusammenführung von Haupt- und Realschulen zu der neuen Schulform sei ein „Desaster auf allen Ebenen“, heißt es in einer Mitteilung des Vorstands des Landeselternbeirats.

Bei der Zusammenlegung einer Regionalmannschaft mit einer Kreisklassenmannschaft könne eben nicht erwartet werden, dass plötzlich alle Kreisklassenspieler „wie durch ein Wunder Regionalliganiveau erreichen“, heißt es in dem Brandbrief weiter. In diesem erinnert der Landeselternbeirat auch an die seit Wochen andauernden Gelbwesten-Proteste in Frankreich. Diese sollten „Warnung genug sein, umgehend mehr in die Bildung unserer Kinder und Jugendlichen zu investieren“. Einer der Kritikpunkte der Eltern: Die Lehrer an den Realschulen plus seien nicht ausgebildet für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf. „Ein Orthopäde ist nunmal kein Zahnarzt und umgekehrt“, heißt es in dem Brief. Weil die seit zehn Jahren bestehende Schulform noch immer von vielen Eltern nicht akzeptiert werde, gingen viele Schüler trotz Realschulempfehlung aufs Gymnasium. Die Folge seien später zahlreiche, zwangsweise Schulwechsel vom Gymnasium auf die Realschule.

Lehrer bestätigen das. Vor allem in Städten wechselten nach der sechsten oder achten Klasse häufig so viele Schüler vom Gymnasium zur Realschule plus, dass sie ausreichten, um eine eigene Klasse zu bilden, sagt Frank Fremgen, Vorstandsmitglied der Lehrergewerkschaft GEW.



Die Schule ist besser als ihr Ruf, sagt Bernd Karst, Sprecher des Verbandes der Realschullehrer. Man müsse den Eltern deutlich machen, dass die Realschule plus keine Sackgasse sei, dass Realschüler auch die Möglichkeit hätten, Fachhochschulreife oder Abitur zu erreichen. Und im Hinblick auf den Fachkräftemangel gebe es zu der Realschule plus keine Alternative, da sie eine „fundierte Berufsorientierung“ biete.

Trotzdem ist die Zahl der Schüler an den Realschulen im Land seit 2009 von 126 500 auf 84 200 im Jahr 2017 zurückgegangen. Es sei ein klarer Trend zu höheren Schulabschlüssen erkennbar, analysiert das Statistische Landesamt. 59 Prozent der Grundschüler hätten sich im vergangenen Schuljahr nach der vierten Klasse für ein Gymnasium oder eine Integrierte Gesamtschule entschieden.

Das Land wehrt sich indes gegen die Kritik an der Realschule plus: „Wer jetzt ein falsches Bild zeichnet, der trägt in keiner Weise zu einer qualifizierten Entscheidung der Eltern bei der Schulwahl für ihre Kinder bei“, sagt Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD).