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Radioaktives Material entdeckt
Rätsel um verstrahltes Haus in Dudweiler

  Mitarbeiter des Landesamts für Umwelt- und Arbeitsschutz entsorgen die in Dudweiler gefundenen Chemikalien.
Mitarbeiter des Landesamts für Umwelt- und Arbeitsschutz entsorgen die in Dudweiler gefundenen Chemikalien. FOTO: BeckerBredel
Dudweiler. Radioaktives Material entdeckt: Polizei und Umweltexperten räumen Haus von verstorbenem Chemiker und finden verstecktes Labor. Von Michèle Hartmann

Mittwochmorgen 8.15 Uhr in der Jakob-Welter-Straße in Saarbrücken-Dudweiler. Mitarbeiter des Landesamtes für Umwelt und Arbeitsschutz (LUA) sowie Polizeibeamte – neun Mann insgesamt – beratschlagen vor einem seit Monaten unbewohnten Haus: Wie gestaltet sich das weitere Vorgehen, nachdem ein schier unglaubliches Geschehen ans Tageslicht kam? Von vorn: Am Dienstagnachmittag erhielt unsere Zeitung den einschlägigen Hinweis, dass in besagtem Anwesen radioaktives Material entdeckt wurde. Mit ihm experimentiert hat im Wohngebiet offenbar der im Januar 2018 im Alter von 51 Jahren verstorbene Sohn – von Beruf Chemiker. Auch dessen Mutter ist inzwischen verstorben, im August 2018 mit 78 Jahren.

Das LUA ist dem saarländischen Umweltministerium unterstellt. Minister Reinhold Jost (SPD) stellt die Situation wie folgt dar: Ein Nachlassverwalter habe sich im November an das LUA mit der Bitte um Unterstützung bei der Räumung des Hauses gewandt: „Hinweise von Nachbarn ließen die Vermutung zu, dass in dem Anwesen gefährliche, auch radioaktive Stoffe gelagert sind.“ Daraufhin informierte ein Strahlenschutzexperte des LUA die Berufsfeuerwehr (BF) Saarbrücken. Erster Vor-Ort-Termin mit dem ABC-Zug der BF, der bei atomarer Strahlung, bei biologischen und chemischen Gefahren zum Einsatz kommt am 13. November: Das Haus war nicht gefahrlos begehbar, da vom Erdgeschoss bis unters Dach zugemüllt. Messungen ergaben mit 130 Nano-Sievert im Außenbereich eine „natürliche Grundbelastung“, am Eingang allerdings bedrohliche 400 Nano-Sievert. Die Existenz radioaktiver Stoffe war damit nicht mehr ausgeschlossen. Jost: „Es bestand und besteht jedoch keine Gefahr für die Umwelt.“

Lua und Ministerium zogen eine Fachfirma aus Worms an Land. Zweiter Vor-Ort-Termin: 11. Februar mit Experten besagten Unternehmens. Man fand eine gut versteckte, in einen Hang hinein gebaute Gartenlaube vor, die offenbar als „Labor“ diente. Dort und auch im Keller des Hauses wurde radioaktives Material entdeckt. Umweltminister Jost: „Es handelt sich bei diesen Stoffen vor allem um natürliche Uranverbindungen, die in den 1980er Jahren noch frei verfügbar für Forschung und Lehre waren. Das Material wurde von unseren Experten unverzüglich sichergestellt, fachgerecht verpackt und zur Landessammelstelle nach Elm gebracht.“ Am Mittwoch (13. Februar) wurden die Räumungsarbeiten wieder aufgenommen. Für die Kosten der Entsorgung „im unteren fünfstelligen Bereich“ kommt das Ministerium auf. Frage: Kann es sein, dass der 51-jährige Sohn so früh verstarb, weil er mit radioaktivem Material hantierte? Wurde er deswegen vielleicht obduziert? Jost erklärt, dass der Tod des Mannes auf eine Sepsis zurückzuführen sei. Im Übrigen habe man Strafanzeige gestellt, um zu erfahren, woher das Material stammt. Genaue Mengen von gefährlichen chemischen Substanzen – unter anderem wurde Arsen gefunden – könne man noch nicht angeben, bei etlichen Behältnissen sei die Schrift verblasst und damit nicht mehr lesbar.



Bis zum Ende der Räumungsaktion werde das Haus gesichert. Und zwar per Objektschutz durch die Polizei beziehungsweise durch Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes. Eine Nachbarin, die sich um die 78-jährige Mutter des Chemikers bis zu deren Tod kümmerte, erzählte, dass der Sohn vor vielen Jahren schon alle Kontakte zur Außenwelt abgebrochen habe. Sie wisse nur, dass der 51-Jährige, extrem zurückhaltende Mann ohne festes Arbeitsverhältnis im Keller experimentiert habe. Und das Kommando im Haus gehabt habe.