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Verhängnisvoller Funkenflug
Prozess um tödliches BASF-Unglück endet

 Der Prozess um das BASF-Explosionsunglück mit fünf Toten im Oktober 2016 steuert am Landgericht Frankenthal nach mehr als vier Monaten auf sein Ende zu.
Der Prozess um das BASF-Explosionsunglück mit fünf Toten im Oktober 2016 steuert am Landgericht Frankenthal nach mehr als vier Monaten auf sein Ende zu. FOTO: dpa / Einsatzreport Südhessen
Frankenthal. Fünf Tote, viele Verletzte, großer Schaden: Vor mehr als zweieinhalb Jahren erschüttert eine Explosion auf dem BASF-Areal die Region. Der vorläufige Schlusspunkt der juristischen Aufarbeitung rückt näher.

Finale in Frankenthal: Der Prozess um das BASF-Explosionsunglück mit fünf Toten im Oktober 2016 steuert nach mehr als vier Monaten auf sein Ende zu. Bevor Staatsanwaltschaft und Verteidigung vermutlich Ende Juni ihre Plädoyers halten, sehen aber Beobachter im Landgericht der pfälzischen Stadt noch Fragen offen.

So hat auch der Angeklagte die Frage nach dem genauen Hergang nicht beantworten können. An den Unfall habe er keine Erinnerung – nicht einmal daran, dass er selbst in Flammen stand, so der 63-Jährige.

Die juristische Aufarbeitung der Tragödie stößt über die Rhein-Neckar-Region hinaus auf Interesse. Zum Betreten des Sitzungssaals sei eine Einlasskarte nötig, die am Eingang ausgegeben werde, hatte das Gericht schon vor Prozessbeginn bekannt gegeben.



„Das war der schwerste Tag in meinem Leben. Das hat mein Leben kaputt gemacht“, sagte der Angeklagte im Prozessverlauf über den 17. Oktober 2016. Die Staatsanwaltschaft wirft Andrija K. vor, bei Schweißarbeiten auf dem Areal des Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen eine falsche Leitung angeschnitten zu haben. Durch den Funkenflug des Winkelschleifers soll sich ein Butengemisch entzündet haben.

Es folgten mächtige Explosionen, durch die vier Mitarbeiter der Werksfeuerwehr und ein Matrose eines Tankschiffs ums Leben kamen. Dutzende weitere Menschen wurden verletzt – darunter der Angeklagte, der Verbrennungen zweiten und dritten Grades erlitt. „Ein recht dramatisches Video zeigt, wie sich der Angeklagte quasi selbst in Brand setzt“, sagte ein Gerichtssprecher am Rande der Verhandlung.

Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung sowie Körperverletzung und fahrlässiges Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion. Rechtsexperten halten ein sogenanntes Augenblicksversagen („Blackout“) für möglich.

Hat der Beschuldigte das falsche Rohr angeschnitten? Und wenn ja: War er fahrlässig? Waren die Anweisungen unklar? Waren die Leitungen missverständlich gekennzeichnet? Das waren einige der Fragen, die das Team um Richter Uwe Gau in den vergangenen Wochen beschäftigten.

Der aus Bosnien-Herzegowina stammende Angeklagte arbeitet nach eigenen Angaben seit 10 Jahren in Deutschland auf 20, 30 Baustellen jährlich. Im Prozess sitzt ihm ein Dolmetscher zur Seite, aber der Schlosser mit Wohnort Mannheim spricht auch Deutsch. „Ich denke, ich war am richtigen Rohr“, sagte er im Prozessverlauf.

Als wichtige Frage gilt, wie die Rohre gekennzeichnet waren. Dazu begutachteten die Richter auch Luftaufnahmen der Leitungstrasse und hörten Sachverständige. „Es gibt ein ausführliches Gutachten zur Brandursache, ein TÜV-Gutachten zum technischen Zustand der Anlage und zum Sicherheitsmanagement, Werkstoffanalysen bezüglich der Rohrleitungen, Gutachten zu chemischen Fragestellungen hinsichtlich des Inhalts der Rohre und so weiter“, zählte Harald Jenet, der Präsident des Landgerichts in Frankenthal, vor dem Prozess auf. Auch ein rechtsmedizinisches Gutachten wurde eingeholt.

BASF hatte bereits vor Beginn des Verfahrens am 5. Februar betont, dass das Unternehmen aus dem Unglück Konsequenzen für den Betrieb auf seinem Gelände gezogen hat. So soll unter anderem eine verbesserte Kennzeichnungsmethode helfen, das Risiko von Verwechslungen bei Arbeiten an Rohrleitungen weiter zu senken. Und bei Schneidearbeiten sollen Arbeiter nur noch funkenarme Werkzeuge verwenden. Bei dem Unfall war dem Gericht zufolge ein Schaden von zwei bis drei Millionen Euro an unmittelbaren und mindestens 500 Millionen Euro an mittelbaren Folgen entstanden.

Zum Jahrestag wurde 2017 auf dem Gelände ein Gedenkort aus vier Stelen mit den eingravierten Namen der gestorbenen Feuerwehrleute eingerichtet. „Wir werden den 17. Oktober 2016 nicht vergessen und die Opfer in Erinnerung behalten. Wir stehen zu unserer Verantwortung“, sagte der damalige BASF-Vorstandschef Kurt Bock.

Sein Nachfolger Martin Brudermüller hält die juristische Aufarbeitung des Unglücks für einen wichtigen Beitrag zur Verarbeitung der Tragödie. Der Prozess wühle sicher viele noch einmal auf, von den Mitarbeitern bis zum Feuerwehrteam, das Kollegen verloren habe. „Ein solches Verfahren ist immer auch ein emotionales Thema“, sagte der BASF-Chef. Aber es sei wichtig, dass der Prozess geführt werde.

(dpa)