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Gewaltsamer Tod einer Schülerin
Prozess ohne Publikum – Mordattacke von Kandel vor Gericht

Mit abgelegten Blumen, Kerzen und Zetteln gedachten viele Menschen Ende 2017 der getöteten Mia in Kandel.
Mit abgelegten Blumen, Kerzen und Zetteln gedachten viele Menschen Ende 2017 der getöteten Mia in Kandel. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Landau. Acht Monate nach dem gewaltsamen Tod der 15-jährigen Mia in Kandel verhandelt ein Gericht in der Pfalz über die Tat. Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen.

Imposant steht das Gerichtsgebäude im pfälzischen Landau mit seiner mächtigen Kuppel im fahlen Schein der Augustsonne. „Nichtöffentliche Hauptverhandlung“ heißt es lapidar auf dem Zettel neben einer Tür. Hinter dem schmucküberladenen Portal verhandelt die Jugendkammer I seit Juni ohne Publikum ein Verbrechen, das bundesweit für Aufsehen sorgte und in den Sog des Streits über deutsche Flüchtlingspolitik geriet: den Mord an einer 15-Jährigen in Kandel. Nach bisher zehn Sitzungstagen könnte im September ein Urteil fallen.

„Es ist einer der aufsehenerregendsten Prozesse des ganzen Jahres in ganz Deutschland“, hatte Gerichtssprecher Robert Schelp zum Auftakt gesagt. Vor Gericht steht Abdul D. – der wohl aus Afghanistan stammende Flüchtling soll im benachbarten Kandel Ende Dezember seine Ex-Freundin Mia erstochen haben. Für Landau ist es ein Prozess der Superlative, mit großen Sicherheitsvorkehrungen, die den Beschuldigten, die Prozessteilnehmer und das Gericht schützen sollen.

Das öffentliche Interesse ist gewaltig, die Berichterstattung aber schwierig. Denn es ist ein Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Als Abdul D. der Anklage zufolge in einem Drogeriemarkt mit einem Brotmesser sieben Mal zugestochen haben soll, war er eventuell minderjährig. Und Jugendstrafrecht wird ohne Publikum verhandelt.



Seit Prozessbeginn wird dies in der Öffentlichkeit und in der Presse hinterfragt. Bei Prozessauftakt protestierte ein Mann mit Ohrenschützern und zugeklebtem Mund vor dem Gericht gegen den Ausschluss von Publikum.

Das Problem: Seit Prozessbeginn werden immer wieder interessante angebliche Details über den Fall an die Medien durchgestochen – von wem diese stammen, ist unklar. Sie bleiben von den Behörden unkommentiert und daher ohne Einordnung. Wäre es da nicht besser, die Verhandlung zu öffnen, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann? Auf keinen Fall, sagt Dirk Lammer, Fachanwalt für Strafrecht. „Das Jugendstrafverfahren hat nicht den Zweck, dass sich jeder ein Bild machen kann, sondern soll gewährleisten, dass sich das Gericht ein möglichst zutreffendes Bild von der Tat und dem Angeklagten machen kann“, sagt er mit Nachdruck.

Die Nichtöffentlichkeit der Verhandlung verbessere die Möglichkeiten des Gerichts. „Dass pflichtvergessene Schöffen, Staatsanwälte, Verteidiger oder gar Richter Informationen aus nichtöffentlichen Prozessen durchstechen, kann kein Argument sein für die Abkehr vom sinnvollen Grundsatz der Nichtöffentlichkeit“, betont der Richter am Verfassungsgericht Brandenburg. „Dass geklaut wird, ist ja auch kein Argument für die Abschaffung des Diebstahlsverbots.“

Im Grunde sei es ein Prozess wie jeder andere, sagt Gerichtssprecher Schelp. Das allerdings stimmt nur zum Teil. Der Tatort Kandel ist zu einem Kampfbegriff im Konflikt um die deutsche Migrationspolitik geworden. Immer wieder kommt es zu Kundgebungen rechtsgerichteter Gruppen und zu Gegenveranstaltungen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfing demonstrativ Kandels Bürgermeister Volker Poß (SPD) in Berlin. Und unlängst reiste Grünen-Parteichef Robert Habeck nach Kandel. „Die politische Dimension, die hier reininterpretiert wird, die kommt von außen“, sagte Gerichtssprecher Schelp vor kurzem.

Die Anklage geht bei der Tat von Mord aus und wirft Abdul D. vor, heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt zu haben. Seine Motive sollen Eifersucht und Rache gewesen sein. Der Prozess ist derzeit bis zum 10. September terminiert. Der Angeklagte hatte seinem Anwalt zufolge zum Prozessauftakt am 18. Juni Reue bekundet. Als Höchststrafe drohen ihm zehn Jahre Haft nach Jugendstrafrecht - und bei einer „besonderen Schwere der Schuld“ als Höchstmaß 15 Jahre.

Bürgermeister Poß hofft, dass endlich Ruhe in Kandel einkehrt und die Trauerarbeit abgeschlossen werden kann. Vor allem für Mias Eltern. Das anstehende Urteil werde aber wohl noch nicht das Ende sein, meint ein Prozessbeobachter: „Es wäre erstaunlich, wenn es keine Revision gäbe.“

(dpa)