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Prozess am Landgericht Zweibrücken
Frau Kopftuch heruntergerissen und Mann mit Flasche beworfen

Zweibrücken/Pirmasens. 26 Jahre alter Epileptiker soll nach zwei Ausrastern in Pirmasens in die Psychiatrie. Opfer des Beschuldigten sagten nun im Prozess am Landgericht Zweibrücken aus. Von Rainer Ulm

„Ich war schockiert“, berichtete die 34-jährige Muslima vor der Ersten Strafkammer des Landgerichts Zweibrücken über die Attacke, zu der es am 18. Juli 2018 im Kassenbereich eines Pirmasenser Supermarktes gekommen war. Dort habe sie ein junger Mann, der vor ihr in der Schlange an der Kasse wartete, ohne Vorwarnung angegriffen. „Er drehte sich um und zog mir mein Kopftuch von den Haaren. Sie waren ganz aufgedeckt!“, sagte sie, noch immer fassungslos. Als sie sich wehrte, sei sie von ihm mit einer Flasche in der erhobenen Hand bedroht worden. Und das alles vor den Augen ihrer zwölfjährigen Tochter, die sie bei ihrem Einkauf begleitet hatte. Dann seien andere Kunden dazwischengegangen. Glück im Unglück: Abgesehen von einem möglichen seelischen Schaden, hatte die Attacke bei der jungen Mutter außer einer wohl infolge der Rangelei aufgeplatzten Lippe keinerlei körperliche Folgen.

Anders bei dem Vorfall zwei Wochen später, als derselbe Täter am 31. Juli 2018 einem 40-jährigen Mann, der gerade seinen Hund ausführte, auf offener Straße eine leere Flasche hinterherwarf. „Ich hatte eine Beule am Kopf“, gab er im Zeugenstand auf Nachfrage des Gerichts an. „Es muss eine Wodka-Flasche gewesen sein“, wie er an den Scherben festgestellt haben will. Der Werfer habe ihm dann kurioserweise die Worte zugerufen, die eigentlich dem Verletzten zugestanden hätten: „Warum hast du das gemacht?“

Für diese beiden Angriffe muss sich seit Anfang Februar ein 26-Jähriger vor der Ersten Strafkammer des Landgerichts Zweibrücken in einem Sicherungsverfahren verantworten (wir berichteten). Staatsanwältin Lena Bonn wirft dem Beschuldigten Körperverletzung vor. Sie geht allerdings davon aus, dass der 26-Jährige „im Zustand der Schuldunfähigkeit“ handelte. Er leide unter einer chronischen organisch-psychischen Störung in Zusammenhang mit Epilepsie. Sie beantragte deshalb die dauerhafte Unterbringung in der forensischen Psychiatrie, weil der junge Mann auch weiterhin eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle.



Aber besteht diese Gefahr wirklich oder waren es nur zwei, für den 26-Jährigen untypische Ausraster? Diese Frage will das Gericht nun beantwortet haben, um zu einem angemessenen Urteil kommen zu können. Vom Vorsitzenden Richter Christian Wagner befragt, welche Erinnerung er an die beiden ihm vorgeworfenen Vorfälle habe, antwortete der Beschuldigte nur, an der Kasse im Supermarkt sei „alles normal“ gewesen, es habe „keine Probleme gegeben“. Bezüglich des Angriffs auf den Hundebesitzer gab er lediglich an: Der Hundegeruch sei an ihm „hängengeblieben“, das habe ihn „nervös“ gemacht.

Ansonsten redete er immer wieder von drei mysteriösen Leuten in Pirmasens, die versuchten „mein Leben kaputt zu machen“.

Indessen rief die Kammer noch einmal den Vater des Beschuldigten in den Zeugenstand, nachdem am ersten Verhandlungstag kein Armenisch-Dolmetscher im Gerichtssaal anwesend war. Der 55-jährige Frührentner, der zugleich der Betreuer des 26-Jährigen ist, berichtete noch einmal, dass sein Sohn bereits seit frühester Kindheit, damals lebte die Familie noch in Armenien, unter Epilepsie leide – möglicherweise als Folge von zwei Unfällen im Kindesalter. Einmal sei der kleine Junge in einen Kanalschacht gefallen, ein anderes Mal habe er einen schweren Stromschlag bekommen. Danach sei sein Sohn fast täglich von epileptischen Anfällen geschüttelt worden. Weil er die Hoffnung hatte, dass sein Sohn in Deutschland besser behandelt werden könne, seien die Eltern und die drei Kinder 2013 nach Deutschland übergesiedelt.