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Üben für den Ernstfall
Polizei rüstet sich für Amoklauf an Schulen

Polizisten in spezieller Schutzmontur trainieren ihren Einsatz bei einem simulierten Amoklauf an einer Schule in der Mainzer Innenstadt. Bei den Beamten handelt es sich um Streifenpolizisten, die in eine Kurs darauf vorbereitet werden, im Ernstfall noch vor den Spezialkräften vor Ort zu sein.
Polizisten in spezieller Schutzmontur trainieren ihren Einsatz bei einem simulierten Amoklauf an einer Schule in der Mainzer Innenstadt. Bei den Beamten handelt es sich um Streifenpolizisten, die in eine Kurs darauf vorbereitet werden, im Ernstfall noch vor den Spezialkräften vor Ort zu sein. FOTO: dpa / Boris Roessler
Mainz. Auch in Rheinland-Pfalz sind Amokläufe an Schulen denkbar – entsprechend muss sich die Polizei darauf vorbereiten.

„Rechts an die Wand“, schreit ein Polizist. Mit Kollegen kauert er mit gezückter Waffe an der Wand eines Wohnhauses, im Blick den Eingang des Willigis-Gymnasiums in Mainz. „Achte auf die Fenster“, ruft ein Kollege, deutet nach oben. Die vierköpfige Gruppe rennt in die Schule, wo ein Amokläufer vermutet wird. Schüsse sind zu hören, Geschrei. Eine zweite Gruppe mit vier Polizisten eilt herbei, die mit umfangreicher Ausrüstung behangenen Beamten atmen schwer. „Kontakt, Waffe“, schreit einer, als wieder Schüsse ertönen.

Was sehr realistisch wirkt, ist eine Übung der Mainzer Polizei. Streifenpolizisten des Altstadtreviers üben eine lebensbedrohliche Einsatzlage, wie es im Behördendeutsch heißt. Ein Zeuge hat sich gemeldet und von Schüssen in dem Schulgebäude in Guckweite zur Kirche St. Stephan berichtet. Wenige hundert Meter sind es von der Polizeiinspektion Mainz 1 bis zur Schule, kurz geht es über eine Straße, dann über eine Kopfsteinpflastergasse bergauf. Am Eingang der bischöflichen Schule hängt ein Schild mit der Aufschrift „Seid mutig, seid stark“. Mit der Übung hat das freilich nichts zu tun, es verweist auf den 1. Korintherbrief in der Bibel.

Die Polizisten benutzen bei der Übung funktionsuntüchtige Waffen, zu hören sind nur Schüsse der Angreifer mit Platzpatronen. Mit dabei sind insgesamt gut 30 Beamte aus dem Revier. Fünf Statisten spielen blutüberströmte Opfer, Trainer der Polizei beobachten und filmen das Ganze und besprechen die Übung anschließend mit den Beteiligten. In mehreren Durchgängen spielen die Gruppen unterschiedliche Szenarien durch: Mal sind zwei Angreifer im Gebäude, mal kommt ein Täter den Beamten auf der Straße entgegen, mal erschießt er sich selbst.



Die Teilnehmer sollen ein Stück weit überrascht und unter Stress gesetzt werden. Genaue Vorgaben für das Verhalten vor und in der Schule gebe es nicht, erklärt Alexander Koch, Sprecher des Mainzer Polizeipräsidiums. Es gehe darum, die Bedrohungslage selbst einzuschätzen. Doch warum Streifenpolizisten, also Beamte aus dem Wechselschichtdienst? Die seien oft als erste vor Ort, noch vor Spezialeinheiten, sagt Koch. Viele dieser Lagen endeten nach 20 bis 30 Minuten, insofern sei schnelles Handeln sehr wichtig.

Übergeordnetes Ziel sei es, „den Einwirkungsbereich des Täters zu begrenzen“, erklärt Koch. Mit solch lebensbedrohlichen Einsatzlagen sei jeder Polizist im Schnitt einmal in seinem Berufsleben konfrontiert. Das Paradebeispiel einer Bluttat an einer Schule habe sich in Übersee zugetragen – das Massaker an der Columbine High School im US-Bundesstaat Colorado 1999. Zwei Teenager hatten damals zwölf Mitschüler und einen Lehrer erschossen.

In Deutschland sind vor allem die Amokläufe im Erfurter Gutenberg-Gymnasium 2002 sowie der im baden-württembergischen Winnenden 2009 in Erinnerung geblieben. In Erfurt hatte ein ehemaliger Schüler binnen weniger Minuten 16 Menschen – elf Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polzisten - und anschließend sich selbst erschossen. In Winnenden hatte ein Jugendlicher an seiner früheren Schule und auf der Flucht insgesamt 15 Menschen und sich selbst erschossen.

Auch in Rheinland-Pfalz gibt es immer mal wieder Alarme an Schulen, zuletzt etwa einen Fehlalarm in einem Förderschulzentrum in Bad Kreuznach, vermutlich wegen eines technischen Defekts. Ein Spezialeinsatzkommando, Hubschrauber und Polizeihunde waren längst alarmiert. An einem Schulzentrum im Kreis Birkenfeld hat sogar einmal ein Lehrer in einer anonymen Mail einen Amoklauf angedroht. Gegen den Mann, der freiwillig aus dem Schuldienst ausschied, erging im Februar dieses Jahres vom Amtsgericht Idar-Oberstein ein Strafbefehl mit einer Geldstrafe von 1000 Euro (50 Tagessätze à 20 Euro) – wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhen einer Straftat.

Das Landeskriminalamt (LKA) zählte zwischen 2015 und 2017 insgesamt 35 Meldungen zu Amokverdachtslagen an Schulen im Land. Davon hätten sich alleine 19 Verdachtsfälle im Jahr 2015 ereignet, jeweils acht in den beiden darauffolgenden Jahren. Dieser rückläufige Trend scheine sich auch im laufenden Jahr fortzusetzen, teilte eine LKA-Sprecherin mit.

Die Übung am gestrigen Mittwoch sei die erste dieser Art im Bereich des Mainzer Polizeipräsidiums, sagt Koch. In anderen Regionen habe es schon welche gegeben. Sie sei eine Ergänzung für ein Training mit drei Modulen, das etwa Schießtraining sowie Taktik- und rechtlichen Schulungen beinhaltet und das Polizisten landesweit bekommen. Es geht auch im neuen Einsatztrainingszentrum der rheinland-pfälzischen Polizei in Enkenbach-Alsenborn über die Bühne.

In Mainz spielt Bernd Mauritz einen Angreifer. Er ist Schieß- und Einsatztrainer der Polizei. In einem Szenario taucht er plötzlich als zweiter Täter auf, als die Polizisten seinen Komplizen gefesselt haben. Ein Flur sei nicht gesichert gewesen, so sei ihm eine Attacke von hinten gelungen, erzählt er. Drei Polizisten wären in der Realität vermutlich erschossen worden. Mauritz ist der große Stress der Übung anzumerken. Er sagt: „Es ist ein ganz komisches Gefühl, auf Kollegen zu schießen.“