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Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz
Der Tempomacher der KI-Forschung

 Antonio Krüger ist neuer Geschäftsführer des DFKI in Saabrücken. Das Foto zeigt ihn an der Konsole einer Multimediasteuerung.
Antonio Krüger ist neuer Geschäftsführer des DFKI in Saabrücken. Das Foto zeigt ihn an der Konsole einer Multimediasteuerung. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken/Nancy. Der Informatikprofessor Antonio Krüger ist neuer Geschäftsführer des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken. Er will im kommenden Jahr mit einer deutsch-französischen Initiative die Forschung zur KI in Europa voranbringen. Von Peter Bylda

Das Datensammeln ist in der digitalen Welt eine der einfachsten Übungen, daraus Wissen zu generieren, ist eine hohe Kunst. Diese Kunst beherrscht die Künstliche Intelligenz (KI). Wer die KI beherrscht, hat deshalb im Internetzeitalter eine gewaltigen Wettbewerbsvorteil. Folglich gilt die Künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts. Große staatliche Programme sind angekündigt, allein die Bundesregierung will bis Mitte des kommenden Jahrzehnts drei Milliarden Euro investieren. Der Verband der Internetwirtschaft Eco hat erst vor wenigen Tagen eine Analyse veröffentlicht, die das Potenzial der KI in rosigen Farben zeichnet. Doch der Eco drängt auch zur Eile. Die Konkurrenz in den USA und China rüste finanziell gewaltig auf. Europa dürfe sich nicht abhängen lassen.

Ähnlich sieht das Professor Antonio Krüger, der neue Geschäftsführer des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. Die EU müsse eine eigene Forschungsinstitution zur KI aufbauen, „die es mit denen in den USA und China aufnehmen kann“. Antonio Krüger greift in diesem Zusammenhang ein Bonmot seines DFKI-Kollegen Philipp Slusallek auf, der ein „Cern der KI“ gefordert hat. Die Abkürzung Cern („Conseil européen pour la recherche nucléaire“) steht fürs europäische Kernforschungszentrum in Genf. Es ist bekannt für seinen gewaltigen Teilchenbeschleuniger, der bahnbrechende Erkenntnisse über den Aufbau der Materie geliefert hat. Das Cern setzt weltweit Maßstäbe in der Physik – und nebenbei wurden dort auch noch die Grundlagen des World Wide Web entwickelt und Verfahren zur Analyse riesiger Datenmengen (Big Data). „Wir brauchen eine Initiative zum Aufbau einer solchen Forschungseinrichtung zur Künstlichen Intelligenz in Europa“, fordert Krüger.

Dabei gehe es nicht darum, mit fetterer Hardware die Konkurrenz zu übertrumpfen. Bei der KI-Forschung stünden grundsätzliche ethische Entscheidungen zu selbstlernenden Computerprogrammen an. Nicht alles, was technisch machbar ist, sei auch im Sinne der Nutzer. „Wir müssen entscheiden, was uns schützenswert erscheint.“ China setze bei der Künstlichen Intelligenz vor allem auf „K“, wie Kontrolle. In den USA gehe es nur um „I“, wie Innovation – Probleme solle später der Markt regeln. Europa sei gut beraten, seinen eigenen Weg zu gehen. „Wir brauchen ein klares Wertesystem für KI-Programme“, sagt Antonio Krüger. Die Datenschutzgrundverordnung sei dafür ein guter Ausgangspunkt.



Die Bundesregierung verspricht sich von der KI einen Schub für die Wirtschaft. Bis 2030 könne das Bruttoinlandsprodukt durch KI-Anwendungen um 430 Milliarden Euro steigen. Doch zuerst muss gewaltig investiert werden. Der Verband der Internetwirtschaft geht in seiner Analyse von 20 Milliarden Euro schon in der nächsten Zukunft in der gesamten EU aus. Wo soll investiert werden? Ein europäisches KI-Institut sei kein virtuelles Forschungsprojekt, das irgendwo in den Weiten des World-Wide-Web schwebe, erklärt Antonio Krüger. „Dafür brauchen wir Hochleistungsrechner und Speichersysteme für große Datenmengen.“ Ein Standort fürs künftige europäische KI-Prestigeprojekt sei noch nicht in Sicht, auch die Anforderungen an die Hardware seien derzeit nicht genau zu beziffern, „aber einen hohen dreistelligen Millionenbetrag wird das kosten.“

Großes beginnt immer im Kleinen – frei nach diesem saarländischen Motto beginnen die DFKI-Forscher und ihre französischen Kollegen des staatlichen IT-Forschungsinstituts Inria (L‘Institut national de recherche dédié aux sciences du numérique) jetzt schon einmal mit den Vorarbeiten. Denn ohne das deutsch-französische Tandem werde in Europa bei der KI-Forschung nichts gehen, sagt Antonio Krüger. Drei Dutzend Experten aus beiden Ländern wollen am 20. und 21. Januar bei einer Konferenz in Nancy über deutsch-französische KI-Projekte sprechen. Und Antonio Krüger gibt Gas. „Ich erwarte schon im nächsten Jahr deutliche Fortschritte bei der deutsch-französischen Zusammenarbeit.“ Wenn’s klappt, könne das deutsch-französische Tandem wie ein Beschleuniger bei diesem Wissenschaftsprojekt wirken – ein „Cern für die KI“ eben.

Womit befassen sich die Informatiker des DFKI und des Inria bei ihrer Zusammenkunft? Im Prinzip steht die gesamte Bandbreite der Forschung zur Diskussion. Außer um Anwendungen unter dem Stichwort Industrie 4.0, die Produktionsprozesse verbessern sollen, wird es um medizinische Diagnose-Verfahren gehen. Von denen erklären ihre Programmierer, sie könnten zum Beispiel Hautkrebs besser erkennen als ein Arzt. Großes wird auch von neuen OP-Robotern erwartet.

Wenn vom automatisierten Fahren die Rede ist, denken die meisten Menschen an Straßenfahrzeuge. Dabei liegt die Zukunft der KI nach Ansicht vieler Informatiker auf dem Acker. In der Landwirtschaft liege ein gewaltiges Tätigkeitsfeld brach, erklärt Antonio Krüger. Autonome Agrarfahrzeuge und -drohnen böten „Chancen für eine völlig neue Form des biologischen Anbaus“, der mit konventionellen Maschinen niemals zu verwirklichen sei. Doch natürlich werden bei der KI-Tagung in Nancy auch autonome Straßenfahrzeuge eine Rolle spielen. Da werde es zum Beispiel um das Thema Zertifizierung gehen, erklärt Antonio Krüger. Wer sich in ein selbstfahrendes Auto setze, müsse darauf vertrauen können, dass ihn dessen Software sicher ans Ziel bringt.

Überhaupt spielt das Stichwort „Vertrauen“ eine Schlüsselrolle in der KI-Diskussion. Weil die Zahl der Computerprogramme an lebenswichtigen Schnittstellen stetig wächst, sei Software gefragt, deren Algorithmen Menschen nicht blind vertrauen müssen, sondern die Gründe ihres Handelns darlegen kann. Dazu muss man wissen: Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz ist es schwierig geworden, von einem Softwarefehler zu sprechen, wenn Software Fehler macht. Denn Programme, die auf Techniken des Maschinellen Lernens setzen, müssen für ihren Einsatz regelrecht trainiert werden. Sie müssen lernen wie ein Kind. Wenn bei dieser „Erziehung“ etwas schiefgeht, kann ein KI-System, obwohl die Software fehlerfrei arbeitet, zu falschen Schlussfolgerungen gelangen. Das haben vor Kurzem erst Informatiker der Max-Planck-Gesellschaft aus Tübingen demonstriert, die einen Autopiloten, der zur Steuerung von Fahrzeugen benutzt werden kann, mit kleinen, bunten Aufklebern lahmlegten, die sie auf T-Shirts druckten.

Sprachsteuerungen, Speichersysteme, automatisierte Produktions- und Wartungssysteme und sogenannte KI-Toolboxen, die es auch Nicht-Informatikern erlauben sollen, diese Software in mittelständischen Unternehmen einzusetzen – die Liste der Themen bei der Informatik-Tagung ist lang. „Wir haben uns da einiges vorgenommen“, sagt Antonio Krüger. Und das gilt nicht nur für diese Tagung. Wenn Europa im Wettbewerb mit der Konkurrenz in den USA und China mithalten wolle, müsse jetzt schnell gehandelt werden. „Das europäische KI-Forschungszentrum sollte innerhalb der nächsten fünf Jahre gegründet sein.“ Und er ist zuversichtlich, dass das klappt. „Ich bin ja Optimist.“