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Tiere schlüpfen aus großen Eiern
Nachwuchs auf der Straußenfarm

Uschi Braun, Mitinhaberin der Straußenfarm „Mhou“ in Rülzheim, lockt an einem Gehege ihrer Straußenfarm die Tiere an. Neugierig wie diese sind, kommen auch gleich einige zu ihr gelaufen.
Uschi Braun, Mitinhaberin der Straußenfarm „Mhou“ in Rülzheim, lockt an einem Gehege ihrer Straußenfarm die Tiere an. Neugierig wie diese sind, kommen auch gleich einige zu ihr gelaufen. FOTO: Uwe Anspach / dpa
Rülzheim. Nicht nur Strauße sind groß, ihre Eier sind es auch. Auf einer Straußenfarm in der Südpfalz kann man welche bewundern. Dort schlüpft gerade der erste Nachwuchs der neuen Saison. dpa

(dpa) Der junge Jaimé hat es Uschi Braun angetan. „Er hat Wimpern wie Sophia Loren“, sagt die 62-Jährige über den großen Strauß, der sie aus seinem Gehege heraus neugierig beäugt. Braun und ihr Mann züchten Strauße im südpfälzischen Rülzheim, nach ihren Angaben haben sie den führenden Betrieb in Europa. 80 Zuchttiere und eine Gruppe Jungtiere bevölkern das weitläufige Gelände. Nun kommen noch welche dazu, denn um diese Jahreszeit schlüpfen die ersten Küken der Saison, nach denen mancher ungeduldige Anrufer vor einem Besuch schon gefragt hat. „Sobald die Küken da sind, gibt es kein Halten mehr“, sagt Brauns Mann Christoph Kistner.

Die großen Strauße leben in „Familien“ auf dem Gelände zusammen. Es sind 20 Hähne wie der schwarz-weiß gefiederte Jaimé, die jeweils mit bis zu vier Hennen über ein eigenes Areal stolzieren und das Gras abzupfen. Die grau-braun gefiederten Hennen können nach Brauns Angaben phasenweise jeden zweiten Tag ein Ei legen, bis zu 100 sind es im Jahr. Die Eierproduktion sei wie bei Vögeln allgemein „lichtgesteuert“, sagt Straußenexperte Kistner. „Wenn die Tage kürzer werden, hören sie irgendwann auf mit Legen, und sobald die Tage wieder länger werden, fangen sie wieder an.“ Bei der Zeugung sind die imposanten Hähne sehr aktiv. „Ein Hahn beglückt seine Damen bis zu zehn Mal am Tag“, so Kistner. „Wir hatten schon Hähne, die sich mitten in der Saison kaum mehr auf den Beinen halten konnten.“

Die etwa 1,6 Kilo schweren Eier werden gewaschen, desinfiziert und kommen in das Eilager. Dort wird der Bestand von zehn Tagen gesammelt, bevor er in die auf gut 36 Grad erwärmte Brutmaschine kommt. Sechs Wochen dauert das Brüten. Natürlich könnten die Tiere das auch selbst machen, sagt Braun. „Aber dann hätten wir viel weniger Küken.“ So wird über Monate hinweg gelegt.



Zeichnet sich im Brutraum ab, dass der Nachwuchs das Ei mit der eineinhalb bis zwei Millimeter dicken Schale verlassen will, geht es in den Schlupfraum und danach in die „Babystube“, wo die Kleinen sich unter einer Wärmelampe tummeln können. „Und am zweiten, dritten Tag geht es dann schon raus ins Freie“, sagt Braun. Zudem können sie in mit Stroh ausgekleideten Ställen unterschlüpfen, umsorgt von sogenannten Kükenbetreuern. Die meisten werden dann innerhalb der ersten drei Wochen an andere Farmen abgegeben, wo sie großgezogen werden. Um die Tiere aufziehen zu können, fehlt der Platz. „Maximaler Besatz pro Hektar sind 20“, sagt Kistner.

Abgegebene Strauße werden auch geschlachtet. Die Produkte, zu denen sie verarbeitet werden, kauft das Züchterehepaar ein: Das Fleisch wird in Form von Gerichten im Farm-Restaurant und im Laden nebenan angeboten. Haupteinnahmequelle der Farm ist der Tourismus, wie Kistner sagt. Die Farm, die 20 Mitarbeiter zählt, zieht nach seinen Angaben pro Jahr etwa 100 000 Besucher an. Andere Straußenprodukte wie Bauchfett, Federn, bemalte und nicht bemalte Eierschalen sowie daraus hergestellte Kerzenhalter oder Schmuckstücke und Taschen aus Straußenleder gibt es ebenfalls im Farmladen.

Die Zuchttiere bleiben der Farm erhalten. Jaimé zum Beispiel ist bereits 13 oder 14 Jahre alt. „Er ist einer unserer verträglichsten Hähne, er hat einen ausgeglichenen Charakter“, sagt Braun. Andere seien schräger drauf. „Die können sich an den Zaun werfen und fauchen“, schildert sie. Dann verteidigten sie ihr Revier. Der 150 bis 170 Kilo schwere Hahn sei immer „der Boss im Gehege“, und das solle auch so sein. „Wir unterwerfen uns dem Strauß, nicht umgekehrt“, erklärt Braun. Es sei genau umgekehrt wie in der Massentierhaltung. Vom Wesen her vergleicht sie den Strauß mit dem Pferd: ein großes mächtiges Tier, das neugierig und anhänglich ist und eine Verbindung zum Menschen aufbaut. Nach Kistners Angaben sind die ursprünglich aus Zentralasien stammenden Tiere „extrem anpassungsfähig“. Temperaturen bis minus 30 Grad machten ihnen nichts aus, Wärme bereite ihnen schon eher Schwierigkeiten.

Seit 1991 beschäftigt sich das einstige Journalistenpaar, das früher beim Rundfunk arbeitete, mit dem Strauß. Man sei von einem Radiobericht elektrisiert gewesen, sagt Braun. „Da haben wir ein Tier, das man das ganze Jahr total natürlich halten kann, das sagenhafte Produkte liefert, Produkte, die sich der Verbraucher eigentlich nur wünschen kann.“ In Simbabwe lernte man laut Kistner die Zucht der Tiere - und beschloss, das gleiche in Deutschland zu machen, weil hier die Nachfrage war. Nach Angaben des vereidigten Sachverständigen gibt es bundesweit etwa zehn Unternehmen vergleichbarer Größe, die vom Strauß leben. An Afrika erinnert ein jährliches Festival, zudem bezieht das Paar Produkte von dort.

In Deutschland sei Straußenfleisch „ein Randthema“, sagt Margit Beck von Marktinfo Eier & Geflügel. 2016 wurden nach ihren Angaben 115 Tonnen Schlachtgewicht registriert - bei insgesamt 1,525 Millionen Tonnen Geflügelschlachtung. Der Deutsche Tierschutzbund lehnt die Haltung von Straußen als Nutztier ab. „Strauße sind Wildtiere“, so die Organisation. Eine Haltung schränke sie erheblich ein, zum Beispiel hinsichtlich ihres Bewegungsbedürfnisses. Zudem bestehe keine wirtschaftliche Notwendigkeit, sie alternativ zu anderen Nutz- und Schlachttieren zu halten.

Ein Küken der Straußenvogel-Rasse Zimbabwe-Blauhals schlüpft in der Zuchtstation der Straußenfarm aus seinem Ei.
Ein Küken der Straußenvogel-Rasse Zimbabwe-Blauhals schlüpft in der Zuchtstation der Straußenfarm aus seinem Ei. FOTO: Uwe Anspach / dpa