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Wo die Fährfahrt noch Handarbeit ist

Bad Münster. Normalerweise ist Hans-Joachim Gellweiler Schreiner. Doch in der wärmeren Jahreszeit wird er auf der Nahe zum Fährmann der ganz besonderen Art: Die Fähre muss noch per Hand gezogen werden. Sie ist nach Angaben des Verkehrsvereins von Bad Münster am Stein-Ebernburg die einzige handgezogene Fähre in Südwestdeutschland Von dpa-Mitarbeiter Marc-Oliver von Riegen

Bad Münster. Normalerweise ist Hans-Joachim Gellweiler Schreiner. Doch in der wärmeren Jahreszeit wird er auf der Nahe zum Fährmann der ganz besonderen Art: Die Fähre muss noch per Hand gezogen werden. Sie ist nach Angaben des Verkehrsvereins von Bad Münster am Stein-Ebernburg die einzige handgezogene Fähre in Südwestdeutschland. Für das gute Stück im Huttental hat gerade die Saison begonnen. Bis Ende Oktober pendelt die Fähre nun wieder über die Nahe. Sonntags macht sich Gellweiler fein und hüllt sich in Tracht, um die historische Atmosphäre der Fähre wieder aufleben zu lassen. Vor fast 300 Jahren soll die Fähre das Licht des Huttentals erblickt haben: Als Geburtsjahr gibt die Kurstadt 1721 an. Die Burg Rheingrafenstein war wenige Jahre zuvor zerstört worden. Fährmann Gellweiler erzählt, dass es damals der Legende nach Bestrebungen gab, eine Fähre für Baumaterial zum Wiederaufbau zu nutzen. Damals soll die Fähre noch mit Stangen betrieben worden sein. "Das war wie in Venedig", sagt der 55-Jährige lachend. In den folgenden Jahren wurde dann ein Seil gespannt, um die Überfahrt im Huttental sicherer zu machen. Der Begriff Huttental stammt vom Wort Hütten-Verhüttung - und belegt, dass dort Bergwerksstollen waren.Damals lag das Tal im Grenzgebiet von Preußen und Bayern, was dem Fährmann eine Anekdote entlockt: Im vergangenen Jahrhundert habe es eine Gaststätte gegeben, die an der Grenze stand. Den Preußen habe das Bier der Bayern zwar sehr geschmeckt, sie durften aber kein Bier importieren, erzählt Gellweiler. Und so fuhren sie Fähre und tranken. Es war so etwas wie eine Butterfahrt. Die Gaststätte brannte 1998 ab. Heutzutage können bis zu 20 Gäste auf der Fähre Platz nehmen, die Gellweiler von der Stadt gepachtet hat. Damit es auch sicher zugeht, hat ein Sachverständiger sie erst kürzlich geprüft und einen "Kipptest" machen lassen. Es gibt Rettungskissen. "Vielleicht wäre ein Sturzhelm besser", scherzt Gellweiler angesichts von 60 bis 70 Zentimeter Wassertiefe.

Der Fährmann hat drei Mitarbeiter, die stundenweise mithelfen. Für die neue Saison - es ist seine zweite - hat der hauptberufliche Schreiner die Fähre frisch gestrichen. Dazu kommt noch ein Tretbootverleih. Gellweiler ist auch als Künstler aktiv, zum Beispiel in der Kunstwerkstatt Bad Kreuznach. Er engagiert sich außerdem im Märchenhain im Huttental mit Märchenfiguren aus Keramik. Jetzt ist er aber erstmal Fährmann. Gellweiler sieht Potenzial für eine wachsende Zahl von Gästen, auch wenn er nur von den Fähreneinnahmen nicht leben könnte: "Da lässt sich mehr draus machen", sagt er. "Tendenz steigend." Eine Fahrt kostet für Erwachsene einen Euro, für Hunde, Jugendliche und Kinder die Hälfte. Wie viele Fähren dieser Art es gibt, darüber hat der Deutsche Fähr-Verband keine Zahlen. Vorsitzender Michael Maul kann nur vermuten, dass es einige davon in Deutschland gibt.

Die Fähre in Bad Münster am Stein-Ebernburg ist für Touristen ein Hingucker. "Sie ist ein wichtiger Bestandteil für eine unserer Wanderrouten, wenn man hoch laufen möchte zum Rheingrafenstein", sagt Katherine Reichert von der Touristik-Information Bad Münster am Stein-Ebernburg. "Sie ist sehr bekannt." Der Leiter der Information, Frank Kaldenbach, wirbt europaweit damit - er traf bei einem Besuch in Island einmal ein Pärchen aus Wien, das er für den Besuch der Fähre begeisterte: "Dann kommen wir da auch mal hin", hätten die Wiener gesagt. "Das war wie in Venedig."



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