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"Wir sind kein dekadenter Rotwein-Scheiß"

Berlin/Ouagadougou. Der Berliner Theater- und Filmregisseur Christoph Schlingensief (49) startet heute sein seit längerem verfolgtes Projekt eines "Operndorfes" im afrikanischen Burkina Faso

Berlin/Ouagadougou. Der Berliner Theater- und Filmregisseur Christoph Schlingensief (49) startet heute sein seit längerem verfolgtes Projekt eines "Operndorfes" im afrikanischen Burkina Faso. Dazu will er in Anwesenheit zahlreicher Weggefährten und Freunde sowie Vertretern aus Politik und Kultur unweit der Hauptstadt Ouagadougou den Grundstein legen und den ersten Spatenstich vornehmen. Auch ein Empfang beim Premierminister von Burkina Faso, Tertius Zongo, steht auf dem Programm Geplant sind eine Schule für Musik- und Filmunterricht, Theater- und Veranstaltungsräume, Werkstätten sowie eine Krankenstation. 13 Container von der Ruhrtriennale sind dazu bereits eingetroffen und wurden mit Polizeieskorte nach Laongo gebracht. Die Schule soll im Oktober eröffnet werden. Planungsarchitekt ist der aus Burkina Faso stammende und in Berlin lebende Francis Kéré. Er hat als Zentralbau ein schneckenförmiges Gebäude geplant. Der an Lungenkrebs erkrankte Schlingensief nennt sein Projekt "Von Afrika lernen", es soll auch dem internationalen Kulturaustausch dienen. Dafür hat der Regisseur prominente Unterstützer gefunden. So hat sich auch Bundespräsident Horst Köhler für das Projekt eingesetzt und auch nochmal während seiner gegenwärtigen Asienreise Burkina Faso um Unterstützung gebeten. Hilfe für sein Projekt erhält Schlingensief auch von Regisseur Roland Emmerich, Sänger Herbert Grönemeyer und Schriftsteller Henning Mankell sowie dem Goethe-Institut und der Bundeskulturstiftung. "Es ist der Wahnsinn, ich bin begeistert. Gestern habe ich vor Freude geheult", sagte Schlingensief am Wochenende. "Es ist ein Glücksgefühl ohnegleichen, dass ein kleiner Wunsch auf solche Bahnen kommt. Da machen mir auch die 35 Grad im Schatten tagsüber nur wenig aus." Der bekannte Regisseur ("Das deutsche Kettensägenmassaker") bekräftigte, dass es ihm nicht darum gehe, "den Afrikanern deutsche Kultur beizubringen", sondern im Gegenteil. "Wir wollen alle voneinander lernen, mein Projekt soll Türen öffnen. Wir tauchen hier auch nicht als Bedrohung auf und verstehen uns nicht als Konkurrenz zu der hier sowieso vorhandenen lebendigen Kulturszene. Wir sind kein dekadenter Rotwein-Scheiß", meint Christoph Schlingensief provokant. "Hier ist zum Beispiel der Tanz ein selbstverständlicher Kultur- und Lebensausdruck, ganz im Gegensatz zu so manchen durchtrainierten Tänzern in Europa, die den Hunger darstellen wollen." dpa



 So soll das Opernhaus "Remdoogo" im afrikanischen Burkina Faso einmal aussehen (Computersimulation). Foto: dpa
So soll das Opernhaus "Remdoogo" im afrikanischen Burkina Faso einmal aussehen (Computersimulation). Foto: dpa