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Wikipedia übernimmt

Gütersloh. 2005 wurde der 200. Geburtstag des Brockhaus Verlags noch mit Fanfaren gefeiert. Jetzt ist klar: Es wird keine neue Ausgabe des Lexikon-Klassikers mehr geben. Gegen Wikipedia hat ein gedrucktes Nachschlagewerk offenbar keine Chance mehr. Roland Mischke

Es war im deutschen Sprachraum das populärste Nachschlagelexikon. Wer einen Beleg, eine Information, ja, eine Wahrheit suchte, schlug im Brockhaus nach. Das lexikalische Werk war verlässlich und von höchster Qualität, und das rund 200 Jahre lang. 2005 hatte man noch groß die Gründung des Brockhaus Verlags 1805 gefeiert, mit opulenten Reden, zweibändiger Festschrift und lauter besten Grüßen aus der Welt des Geistes. Damals gab es schon die digitalen Konkurrenten Wikipedia und Google, doch die Brockhaus-Redakteure trugen die Nasen noch hoch und ignorierten Mitbewerber einfach. Inzwischen haben die Netzkonkurrenten den Platzhirsch ins Aus geschickt.

Im Juli wurde die Redaktion des Brockhaus , als Bertelsmann-Tochter im westfälischen Gütersloh ansässig und mit Mitarbeitern in Leipzig, aufgelöst. Damit ist eine Epoche der Buch- und Wissensgeschichte unwiederbringlich zu Ende gegangen. Die letzte Print-Ausgabe, die 21. Auflage, war im Jahr 2006 erschienen, seither gab es keine Neuausgabe mehr. Das Motto vom "brockhausschen Geist als Pfeiler für die Zukunft" ist schnell verblichen.

1805 hatte Friedrich Arnold Brockhaus im sächsischen Altenburg die "Deutschen Blätter" herausgegeben, in denen Beiträge zu lesen waren, die gründlich recherchiert und mehrfach geprüft worden waren. Diese Hintergrundberichte waren die Basis für das Lexikon, das 1811 - nachdem die Völkerschlacht bei Leipzig und die Befreiungskriege Geschichte waren - bereits mit vier Bänden vorrätig war. Wer etwas auf sich hielt in der Wissenschaft und als bildungshungriger Laie, musste das Lexikon haben. Sein Ruf als absolut verlässliche Informationsquelle war legendär.

Noch 2011 hatte Christoph Hünermann, Brockhaus-Geschäftsführer, in einem Interview eine "Konzeptphase für die neue Auflage" angekündigt. Ausschlaggebend dafür waren gute Verkaufszahlen der letzten Auflage. Doch damals schon war die Rede von "großen Veränderungen im Redaktionsprozess", von einer verkleinerten Redaktion und externen Mitarbeitern. Hünermann wollte sich nicht auf eine Publikationsform festlegen, es sei "der digitale Vertrieb auf Tablet-Computern genau so denkbar wie eine Print-On-Demand-Strategie, bei der einzelne Exemplare auf Anforderung gedruckt werden". Von einer kostenlosen, werbefinanzierten Online-Ausgabe wollte Hünermann nichts wissen. Er hielt es für unvorstellbar, dass die lexikalische Kompetenz seines Unternehmens am Ende unterliegen könnte.

Doch genau das geschah. Die Fachautoren liefen mehr und mehr zu Wikipedia über, die engagierten Hobby-Schreiber waren schon lange da. 1,7 Millionen Artikel sind in der deutschsprachigen Ausgabe von Wikipedia zu finden, kein gedrucktes Nachschlagewerk kann da mithalten. Zwei Millionen Texter haben Wikipedia , nach eigenen Angaben, mit Artikeln beliefert, alle ohne Bezahlung. Jeden Tag wird die Seite 20 Millionen Mal angeklickt. Der entscheidende Vorteil: Jeder Eintrag kann fortlaufend aktualisiert und auf den neuesten Stand gebracht werden, der Ehrgeiz vieler Mitarbeiter ist groß, das Richtige zu verbreiten. Inzwischen sind Quellennachweise Vorschrift, ohne diese Angaben wird kein Eintrag ins Internet gestellt. Administratoren sichten und kontrollieren das Wiki-Wissen regelmäßig. Dieses kollektive Konzept der Wissensgenerierung ist durch kein gedrucktes Lexikon zu überbieten. Wikipedia ist, trotz einiger Macken, ein demokratisches Projekt, an dem alle teilhaben können, die fundiert etwas einzubringen haben. Dieses Konzept hat sich durchgesetzt, es hat auch den Ethos von Brockhaus als Inspiration genutzt und somit gerettet. Das Ende von Brockhaus dagegen ist tragisch: Der Verlag nimmt ab sofort keine Remissionen mehr an, der Buchhandel kann unverkaufte Lexikonbände nicht mehr zurückgeben und bleibt auf seinen Ausgaben sitzen. Das Lexikon auf der Resterampe.