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Lage in Grand Est
Wie Katastrophenmedizin in Straßburg aussieht

Straßburg. Mehr als 400 Menschen sind in der französischen Grenzregion Grand Est an den Folgen ihrer Corona-Erkrankung gestorben. Nach drei Wochen der Krise sind die Krankenhäuser dort so überlastet, dass nicht mehr alle Fälle vor Ort behandelt werden können und schwerkranke Patienten per Hubschrauber in die ganze Republik, aber auch in die Nachbarländer nach Deutschland, Luxemburg und die Schweiz verlegt werden. Von Hélène Maillasson

Noch ist die Situation hierzulande weniger angespannt. Doch der Höhepunkt der Epidemie steht uns noch bevor. Um darauf vorbereitet zu sein, haben Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Stuttgart ihre Kollegen in der Straßburger Uniklinik besucht und beobachtet, wie sie dort die Herausforderung täglich meistern und welche Empfehlungen daraus für Deutschland gemacht werden könnten.

Als erstes weist ihr Bericht auf die Notwendigkeit hin, als Reaktion auf die gewaltige Anzahl der Corona-Fälle den kompletten medizinischen Betrieb umzustellen. Und das nicht nur innerhalb der Unikliniken, sondern in allen Krankenhäusern. In der Uniklinik selbst wurden fast alle Eingriffe, auch zum Beispiel tumorchirurgische und ambulante Operationen abgesagt. „Es erfolgt nur noch eine lebenswichtige Bypass-Operation am Tag“, steht im Bericht. Die Privatkliniken wurden alle geschlossen, um so das freigewordene Personal in der Uniklinik einzusetzen.

Bei der Planung der Umgestaltung der Krankenhauslandschaft dürften aber andere Notfälle wie Herzinfarkte oder Unfälle nicht vernachlässigt werden. „Somit wird es im schlimmsten Falle ähnlich zu Straßburg Kliniken geben, die ausschließlich Covid-19-Patienten behandeln werden, aber es muss noch andere Kliniken geben, die die maximale Regelversorgung aller sonstigen Notfälle leisten“, schreiben die Experten. Dies auf der Fläche eines Bundeslandes wie zum Beispiel Baden-Württemberg zu organisieren, werde sicherlich „mehr als herausfordernd“. Doch für die Experten ist diese logistische Leistung unerlässlich. Man dürfe nicht die regulären Notfallpatienten verlieren, um dafür alle Covid-19-Patienten gerettet zu haben.



In der Corona-Krise sei vor allem die Versorgung der Beatmungspatienten das „Nadelöhr“ des Gesundheitssystems. Umso wichtiger ist es laut dem Institut für Katastrophenmedizin, in diesem Bereich auf alle Fachkräfte zurückgreifen zu können. „Frankreich gestattet für diesen Personenkreis das Arbeiten in allen Fällen, unabhängig von einer angenommenen oder bestehenden Infektion“, stellen die Experten fest. „Einzig bei bestätigter Infektion und eigenen Symptomen wird die Arbeit wenige Tage unterbrochen.“ Eine ähnliche Vorgehensweise empfehlen sie auch in Deutschland. „Für dieses Fachpersonal muss unter allen Umständen eine absolute, klar definierte Sonderrolle gelten, abweichend von den für alle anderen Personen geltenden Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts.“

Auch die Organisation der Leitstelle in Straßburg könnte für die Fachleute vom Deutschen Institut für Katastrophenmedizin beispielgebend sein. Rund 30 Mitarbeiter sind dort tätig. Die Teams bestehen aus drei bis fünf erfahrenen Ärzten, die bei Corona-Verdachtsfällen mit akuter Lebensgefahr schnell reagieren können, aber auch aus Medizinstudenten ab dem sechsten Semester, die bei „einfachen Corona-Fällen“ Symptome abfragen können.